Die AfD in den Parlamenten: Bremen und Bremerhaven 2026–2013
Wer nach der gegenwärtigen parlamentarischen Bedeutung der AfD im Land Bremen fragt, trifft auf ein widersprüchliches Bild. Die Partei verfügt im August 2026 über einen Bundestagsabgeordneten, einen Abgeordneten in der Bremischen Bürgerschaft und zwei Stadtverordnete in Bremerhaven. Eine eigene Fraktion besitzt sie jedoch in keinem dieser beiden kommunalen beziehungsweise landespolitischen Gremien. In den Beiräten der Stadt Bremen ist sie seit der Wahl 2023 nicht mehr vertreten.
Diese Bestandsaufnahme verlangt eine begriffliche Trennung. Die Bremische Bürgerschaft ist das Landesparlament. Die Abgeordneten aus dem Wahlbereich Bremen bilden zugleich die Stadtbürgerschaft. Bremerhaven besitzt dagegen eine eigene Stadtverordnetenversammlung. Hinzu kommen die direkt gewählten Beiräte in den Bremer Stadtteilen. Wer Sitze aus diesen Institutionen addiert, zählt Mandate auf unterschiedlichen politischen Ebenen – und nicht zwingend ebenso viele verschiedene Personen.
| Ebene | Vertretung der AfD am 20. August 2026 | Einordnung |
|---|---|---|
| Deutscher Bundestag | Sergej Minich | 2025 über die Bremer Landesliste gewählt |
| Bremische Bürgerschaft | Sven Lichtenfeld | 2023 für Bürger in Wut gewählt, seit Dezember 2024 wieder AfD-Mitglied; Einzelabgeordneter |
| Stadtverordnetenversammlung Bremerhaven | Thomas Jürgewitz, Wolfgang Koch | AfD-Gruppe seit Februar 2024; keine Fraktion |
| Beiräte der Stadt Bremen | keine Sitze | 2023 kein Mandat gewonnen |
Die folgende Darstellung ist bewusst rückwärts erzählt: vom aktuellen Stand im August 2026 bis zur Gründung des Landesverbandes und zur Bundestagswahl 2013. Sie unterscheidet zwischen Wahlergebnissen, späteren Parteiwechseln und politischer Bewertung.
2026: Parlamentarische Rückkehr ohne eigene landespolitische Wahllegitimation
Die AfD bereitet im Sommer 2026 ihre Rückkehr als eigenständig gewählte Kraft in die Bremische Bürgerschaft vor. Am 15. August wählte sie den Landesvorsitzenden und Bundestagsabgeordneten Sergej Minich mit 89,4 Prozent zum Spitzenkandidaten für den Wahlbereich Bremen bei der Bürgerschaftswahl 2027. Minich kündigte an, bei einem Einzug in die Bürgerschaft sein Bundestagsmandat niederzulegen. Die Liste für den Wahlbereich Bremerhaven war zum Stichtag dieser Darstellung noch nicht aufgestellt.
Bis dahin beruht die Präsenz der AfD im Landesparlament allein auf Sven Lichtenfeld. Er gewann sein Mandat 2023 für Bürger in Wut, wurde kurz nach der Wahl aus der Gruppierung ausgeschlossen und trat im Dezember 2024 wieder der AfD bei. Formal ist dieser Wechsel durch das freie Mandat gedeckt. Politisch bleibt festzuhalten: Der einzige AfD-Politiker in der Bürgerschaft wurde nicht als Kandidat der AfD gewählt.
Das begrenzt die institutionelle Macht. Lichtenfeld besitzt Rede-, Antrags- und Kontrollrechte eines Abgeordneten, aber die AfD verfügt weder über Fraktionsstatus noch über die damit verbundenen zusätzlichen Stellen, Finanzmittel und Ausschussrechte. Sichtbarkeit und parlamentarische Handlungsfähigkeit sind deshalb nicht gleichzusetzen.
Anders im Bundestag: Mit Minich besitzt der Landesverband seit 2025 wieder ein aus eigener Kraft gewonnenes Mandat. Er ist ordentliches Mitglied im Haushaltsausschuss und stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Forschung, Technologie, Raumfahrt und Technikfolgenabschätzung. Das Mandat verschafft dem kleinen Landesverband Personal, Geld, Zugang zu Informationen und bundespolitische Öffentlichkeit. Für die Bürgerschaftswahl 2027 entsteht daraus ein erheblicher organisatorischer Vorteil.
2025: Rückkehr in den Bundestag und Konkurrenz um Fraktionsrechte in Bremerhaven
Bei der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 erzielte die AfD im Land Bremen 52.496 Zweitstimmen beziehungsweise 15,1 Prozent. Gegenüber 2021 gewann sie 8,2 Prozentpunkte hinzu. Sergej Minich zog über Platz eins der Landesliste in den Bundestag ein. Es war das erste Bundestagsmandat des Landesverbandes seit dem Ausscheiden von Frank Magnitz im Jahr 2021.
Das Ergebnis war deutlich stärker als frühere Bremer Landeswahlergebnisse der Partei. Es darf gleichwohl nicht allein als Erfolg der örtlichen Organisation gelesen werden. Bundestagswahlen werden in hohem Maß durch bundespolitische Konflikte, Spitzenkandidat und Medienöffentlichkeit geprägt. Die lokale Leistung bestand vor allem darin, nach den vorausgegangenen Führungsstreitigkeiten wieder eine gültige und zugelassene Landesliste zustande zu bringen.
In Bremerhaven blieb die rechte Parteienlandschaft dagegen zersplittert. Im Dezember 2025 versuchten Sven Lichtenfeld, Kevin Schäfer und Claudia Baltrusch, eine Fraktion mit dem Namen „Alternative für Deutschland plus Schäfer und Baltrusch“ zu bilden. Die Stadtverordnetenversammlung erkannte den Zusammenschluss nicht als Fraktion an. Die bestehende AfD-Gruppe aus Thomas Jürgewitz und Wolfgang Koch blieb davon getrennt.
Der Streit war mehr als ein Namenskonflikt. Eine Fraktion erhält in Bremerhaven längere Redezeiten, Stimmrechte in Ausschüssen und zusätzliche finanzielle Mittel. Die Auseinandersetzung zeigt daher, wie Parteiidentität, parlamentarische Ressourcen und persönliche Konkurrenz ineinandergreifen. Zugespitzt: Auch dort, wo die AfD nur wenige Mandate besitzt, wird um deren institutionellen Mehrwert mit erheblicher Härte gerungen.
2024: Gerichtliche Niederlage, Europawahlerfolg und ein Mandat durch Parteiwechsel
Am 12. Dezember 2024 trat Sven Lichtenfeld erneut in die AfD ein. Damit war die Partei wieder in der Bremischen Bürgerschaft vertreten, obwohl sie bei der Wahl 2023 nicht auf dem Stimmzettel gestanden hatte. Lichtenfeld war 2023 für Bürger in Wut gewählt worden. Deren Nachfolgefraktion Bündnis Deutschland hatte ihn bereits kurz nach der Wahl ausgeschlossen. Als Grund nannte der damalige Fraktionsvorsitzende Jan Timke Unterstützung aus einem rechtsextremen Umfeld; Lichtenfeld bestritt die Vorwürfe.
Am 16. August 2024 bestätigte der Staatsgerichtshof der Freien Hansestadt Bremen einstimmig den Ausschluss der AfD von der Bürgerschaftswahl 2023. Das Gericht sah keinen Wahlfehler und lehnte eine Wiederholung der Wahl ab. Die Entscheidung war endgültig.
Der juristische Kern ist wichtig: Die AfD wurde nicht wegen ihrer politischen Programmatik verboten oder pauschal von Wahlen ausgeschlossen. Sie hatte in beiden Wahlbereichen konkurrierende Wahlvorschläge aus verfeindeten Lagern eingereicht beziehungsweise keine zweifelsfrei vertretungsberechtigten Parteiorgane nachgewiesen. Die Wahlorgane mussten den innerparteilichen Machtkampf nicht anstelle der Partei entscheiden.
Bei der Europawahl am 9. Juni 2024 erhielt die AfD im Land Bremen 26.804 Stimmen und 10,2 Prozent. Gegenüber 2019 legte sie um 2,6 Prozentpunkte zu. Die bundesweite Listenwahl machte zugleich sichtbar, dass der Ausschluss von der Bürgerschaftswahl das vorhandene Wähler nicht beseitigt hatte. Organisatorisches Versagen und elektorale Nachfrage bestanden nebeneinander.
2023: Kein AfD-Wahlvorschlag zur Bürgerschaft – aber drei Sitze in Bremerhaven
Zur Bürgerschaftswahl am 14. Mai 2023 wurde die AfD weder im Wahlbereich Bremen noch im Wahlbereich Bremerhaven zugelassen. Zwei miteinander konkurrierende Lager beanspruchten, den Landesverband zu vertreten, und reichten eigene Listen ein. Bei dem sogenannten Notvorstand um Heiner Löhmann und Frank Magnitz sowie dem vom Bundesvorstand unterstützten Lager um Sergej Minich war ungeklärt, wer die Partei rechtswirksam vertreten durfte.
Die gelegentlich verwendete Formulierung, die AfD habe „keine zulässige Liste beim Wahlprüfungsamt“ eingereicht, ist ungenau. Über die Zulassung entschieden zunächst die zuständigen Wahlausschüsse; anschließend befassten sich Wahlprüfungsgericht und Staatsgerichtshof mit den Einsprüchen. Entscheidend waren konkurrierende Wahlvorschläge, Mängel bei Einberufung und Vertretungsnachweis sowie die parteiinterne Doppelstruktur.
Seit der Konstituierung der neuen Bürgerschaft im Juni 2023 war Bremen zunächst das einzige Bundesland ohne AfD-Mitglied im Landesparlament. Dieser Zustand endete mit Lichtenfelds Parteieintritt im Dezember 2024.
Die Nichtzulassung zur Bürgerschaftswahl bedeutete jedoch keinen Ausschluss von sämtlichen Kommunalwahlen. Für die Bremerhavener Stadtverordnetenversammlung trat die AfD mit einer gesonderten Liste an. Sie erhielt 9.770 Stimmen, 5,9 Prozent und drei Sitze. Gewählt wurden:
- Thomas Jürgewitz mit 724 Personenstimmen,
- Kevin Schäfer über die Listenwahl mit 414 Stimmen,
- Wolfgang Koch über die Listenwahl mit 249 Stimmen.
Kevin Schäfer verließ Partei und parlamentarischen Zusammenschluss im Februar 2024. Seitdem bilden Jürgewitz und Koch eine AfD-Gruppe; für eine Fraktion sind in Bremerhaven mindestens drei Mitglieder erforderlich.
Auch bei den Beiratswahlen trat die AfD 2023 nur in einzelnen Gebieten an. Sie gewann keinen Sitz. Die zwölf Beiratsmandate aus dem Jahr 2019 gingen damit vollständig verloren. Die Ursache war nicht überall ein identischer Stimmenrückgang: Schon das Fehlen flächendeckender Kandidat begrenzte die Mandatschancen.
Politikwissenschaftlich markiert 2023 den Tiefpunkt der Institutionalisierung. Die AfD hatte ein messbares Wähler, war aber nicht in der Lage, die elementaren rechtlichen Voraussetzungen für eine landesweite Kandidatur zu erfüllen. Eine Partei, die staatlichen Institutionen regelmäßig Kontrollverlust vorwirft, scheiterte an der Kontrolle ihrer eigenen Organisationsverfahren.
2022 bis 2021: Eine zerfallene Parlamentsvertretung und die nächste gefährdete Landesliste
Am Ende der Wahlperiode 2019–2023 existierte keine AfD-Fraktion mehr. Frank Magnitz, Uwe Felgenträger und der 2021 für den verstorbenen Mark Runge nachgerückte Heinrich Löhmann arbeiteten als parlamentarische Gruppe, zuletzt unter der Bezeichnung „LFM“. Peter Beck und Thomas Jürgewitz waren nach dem Fraktionsbruch zunächst Einzelabgeordnete; Beck verließ 2021 die AfD, schloss sich zunächst den Liberal-Konservativen Reformern und später Bürger in Wut an. Jürgewitz blieb AfD-Mitglied.
Damit waren Mandatszugehörigkeit, Parteizugehörigkeit und parlamentarische Organisationsform nicht mehr deckungsgleich. Die 2019 für die AfD gewonnenen Sitze blieben zwar erhalten, doch ein wachsender Teil der Mandatsträger gehörte nicht mehr der Partei oder nicht mehr derselben parlamentarischen Gruppe an.
Auch die Bundestagswahl 2021 wäre für den Landesverband beinahe an einem Formfehler gescheitert. Der Bremer Landeswahlausschuss wies die AfD-Landesliste zunächst zurück, weil eine vorgeschriebene eidesstattliche Versicherung der Schriftführerin fehlte. Der Bundeswahlausschuss ließ die Liste nach Beschwerde doch zu und argumentierte, eine einzelne verweigerte Unterschrift dürfe eine ansonsten ordnungsgemäße Aufstellungsversammlung nicht vereiteln.
Die AfD erreichte im Land Bremen 22.575 Zweitstimmen oder 6,88 Prozent. Über die Bremer Landesliste zog niemand in den Bundestag ein. Spitzenkandidat war Olaf Kappelt; Heinrich Löhmann stand auf Listenplatz zwei. Nach Frank Magnitz’ Ausscheiden war der Landesverband damit bis 2025 ohne Bundestagsmandat.
Die Episode nahm das Problem von 2023 vorweg: Wahlvorschläge waren für die Bremer AfD keine verwaltungstechnische Routine, sondern eine wiederkehrende Sollbruchstelle ihrer innerparteilichen Konflikte.
2020 bis 2019: Fünf Sitze, eine Fraktion – und ihr Zerfall nach drei Monaten
Bei der Bürgerschaftswahl am 26. Mai 2019 erreichte die AfD im Land Bremen 89.939 Stimmen beziehungsweise 6,12 Prozent. Sie gewann fünf Mandate: vier im Wahlbereich Bremen und eines in Bremerhaven. Gewählt wurden Frank Magnitz, Uwe Felgenträger, Peter Beck, Mark Runge und Thomas Jürgewitz.
Damit ist eine zentrale Angabe des früheren Textes zu korrigieren: Die AfD errang nicht vier, sondern fünf Bürgerschaftsmandate. Vier davon entfielen auf den Wahlbereich Bremen; Jürgewitz gewann das fünfte im Wahlbereich Bremerhaven.
Die fünf Abgeordneten bildeten erstmals eine AfD-Fraktion in der Bremischen Bürgerschaft. Bereits Anfang September 2019 traten Magnitz, Felgenträger und Runge aus der Fraktion aus. Beck und Jürgewitz blieben zurück; die Fraktion verlor wegen Unterschreitens der Mindestgröße ihren Status. Magnitz, Runge und Felgenträger bildeten anschließend eine eigene parlamentarische Gruppe.
Dieser Vorgang hatte konkrete Folgen: weniger Personal- und Finanzmittel, geringere parlamentarische Rede- und Mitwirkungsrechte und eine geschwächte Fähigkeit, Themen kontinuierlich zu bearbeiten. Die Partei hatte ihren größten landespolitischen Erfolg bis dahin erzielt und einen wesentlichen Teil seines institutionellen Nutzens binnen eines Vierteljahres selbst aufgezehrt.
Nach Runges Tod im Juli 2021 rückte Heinrich Löhmann in die Bürgerschaft nach. Die Nachfolge richtete sich nach der 2019 zugelassenen Liste; Ann-Katrin Magnitz, die auf Platz fünf gestanden hatte, nahm das Mandat nicht an. Löhmann folgte als nächster verfügbarer Bewerber.
Kommunale Ebene 2019
In der Bremerhavener Stadtverordnetenversammlung erreichte die AfD 17.804 Stimmen, 8,67 Prozent und vier Sitze. Zunächst gewählt wurden Thomas Jürgewitz, Natalia Bodenhagen, Pascal Hiller und Wolfgang Koch. Spätere Austritte und Nachrückbewegungen veränderten die Zusammensetzung. Bodenhagen und Hiller verließen 2020 die AfD-Fraktion; Bodenhagen wechselte zur CDU und legte ihr Mandat 2021 nieder. Jens Kupke rückte nach. Sven Lichtenfeld gehörte zeitweise ebenfalls der Stadtverordnetenversammlung an und wechselte 2021 zu Bürger in Wut.
Bei den Wahlen zu den Bremer Beiräten gewann die AfD zwölf Sitze. Zusammen mit den fünf Bürgerschafts- und vier Bremerhavener Stadtverordnetenmandaten ergaben sich 21 Sitze auf verschiedenen Ebenen. Das waren aber nicht 21 verschiedene Mandatsträger:innen: Thomas Jürgewitz gehörte zugleich der Bürgerschaft und der Stadtverordnetenversammlung an; weitere personelle Überschneidungen mit Beiräten sind bei solchen Summen gesondert zu berücksichtigen.
Die Behauptung, die Partei habe 2019 „nur vier“ Bürgerschaftssitze erreicht und dennoch Fraktionsstärke besessen, war somit widersprüchlich. Richtig ist: Fünf Sitze ermöglichten den Fraktionsstatus; dessen Verlust war Folge der Austritte, nicht des Wahlergebnisses.
Bundestag 2017–2021: Frank Magnitz – belegbare Arbeit statt pauschaler Abwertung
Frank Magnitz zog bei der Bundestagswahl vom 24. September 2017 über die Bremer Landesliste in den 19. Deutschen Bundestag ein. Er erhielt das Mandat weder 2018 noch durch ein Überhangmandat. Die AfD erreichte im Land Bremen 10,0 Prozent der Zweitstimmen.
Magnitz war ordentliches Mitglied im Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur sowie im Ausschuss für Bau, Wohnen, Stadtentwicklung und Kommunen. Das Bundestagsarchiv dokumentiert Reden, namentliche Abstimmungen und seine Ausschussmitgliedschaften. Zudem war er Mitinitiator mehrerer AfD-Anträge, unter anderem zur Stadtentwicklungs- und Baupolitik.
Damit ist die frühere pauschale Darstellung, Magnitz sei in Ausschüssen und Sitzungen „kaum anzutreffen“ gewesen und habe keinerlei Gegenleistung für sein Mandat erbracht, in dieser Form nicht haltbar. Für eine belastbare Bilanz wären systematisch erhobene Anwesenheitsdaten, Wortbeiträge, Anfragen, Berichterstattungen und Ausschussaktivitäten nötig – einschließlich eines Vergleichs mit anderen Abgeordneten. Aus einzelnen Beobachtungen darf weder vollständige Untätigkeit noch eine persönliche Bereicherungsabsicht abgeleitet werden.
Kritik bleibt möglich, muss aber präzise ansetzen: Magnitz übte ab 2019 gleichzeitig ein Bundestags- und ein Bürgerschaftsmandat aus. Dieser Doppelstatus wurde selbst innerhalb der AfD zum Konfliktgegenstand und trug zur Eskalation im Landesverband bei. Er vergrößerte seine persönliche politische Reichweite, band aber zugleich Zeit und verschärfte den Streit um Führung und Ressourcen.
2018 bis 2017: Der Bundestag als neue Ressourcenbasis
Der Einzug von Magnitz in den Bundestag 2017 veränderte die Machtbalance im Landesverband. Das Mandat bot Zugang zu Beschäftigtenstellen, Büros, Öffentlichkeit und bundespolitischen Netzwerken. Für einen kleinen Landesverband sind diese Ressourcen besonders bedeutsam. Parlamentarische Repräsentation stärkt deshalb nicht nur die politische Arbeit im jeweiligen Parlament; sie kann auch die innerparteiliche Stellung einer Person absichern.
Gleichzeitig blieb Alexander Tassis der einzige AfD-Abgeordnete in der Bremischen Bürgerschaft. Magnitz verfügte über die Parteiorganisation und das Bundestagsmandat, Tassis über den verbliebenen AfD-Sitz im Landesparlament. Ihre Konkurrenz war weniger ein Konflikt zwischen einem moderaten und einem radikalen Lager als ein Machtkampf zwischen Akteuren, die beide im Rechtsaußenspektrum der Partei verortet wurden.
2016 bis 2015: Die erste Bürgerschaftsgruppe zerfällt binnen Wochen
Bei der Bürgerschaftswahl am 10. Mai 2015 erreichte die AfD landesweit 64.368 Stimmen beziehungsweise 5,5 Prozent und zog mit vier Abgeordneten in die Bürgerschaft ein: Christian Schäfer, Piet Leidreiter, Klaus Remkes und Alexander Tassis. Alle vier Mandate kamen aus dem Wahlbereich Bremen; in Bremerhaven blieb die Partei bei der Bürgerschaftswahl mit 4,9 Prozent ohne Landtagsmandat.
Nach dem AfD-Bundesparteitag in Essen im Juli 2015 verließen Schäfer, Leidreiter und Remkes die Partei und wechselten zur von Bernd Lucke mitgegründeten Allianz für Fortschritt und Aufbruch, später ALFA beziehungsweise LKR. Die bisherige AfD-Gruppe wurde umbenannt. Tassis verließ den Zusammenschluss und blieb als einziger AfD-Abgeordneter fraktionslos in der Bürgerschaft.
Die erste landesparlamentarische Vertretung der Bremer AfD zerfiel damit nur wenige Wochen nach der Wahl. Das war kein Verlust der Mandate – diese sind an die gewählten Abgeordneten gebunden –, wohl aber ein Verlust der parteipolitischen Geschlossenheit. Schon hier zeigte sich das Muster, das 2019 erneut auftreten sollte: Wahlerfolg erzeugte parlamentarische Präsenz, aber keine stabile gemeinsame Organisation.
Auf kommunaler Ebene gewann die AfD 2015 elf Sitze in den Bremer Beiräten. In Bremerhaven erhielt sie bei der Wahl zur Stadtverordnetenversammlung 4,7 Prozent und zwei Sitze. Damit war die Partei erstmals auf mehreren Ebenen des Landes institutionell vertreten, ohne diese Präsenz dauerhaft unter einer einheitlichen Parteiführung bündeln zu können.
2014 bis 2013: Vom Wahlverein zur ersten parlamentarischen Aussicht
Der Bremer AfD-Landesverband wurde am 12. Mai 2013 gegründet. Bei der Bundestagswahl am 22. September desselben Jahres erreichte die AfD im Land Bremen 3,7 Prozent der Zweitstimmen und blieb ohne Mandat. Bei der Europawahl 2014 stieg ihr Bremer Ergebnis auf 5,8 Prozent. Ein eigenes Bremer Europamandat war damit nicht verbunden, weil die Wahl über bundesweite beziehungsweise verbundene Listen erfolgte.
Diese ersten Ergebnisse waren dennoch politisch bedeutsam. Sie zeigten, dass die damals vor allem eurokritisch auftretende Partei auch in Bremen ein mobilisierbares Potenzial besaß. Der Sprung über fünf Prozent bei der Bürgerschaftswahl 2015 war deshalb kein voraussetzungsloser Überraschungserfolg, sondern folgte auf zwei Jahre organisatorischen Aufbaus und wachsender bundesweiter Bekanntheit.
Wahlkampfstrategie und parlamentarische Funktion
Das interne Bundesvorstandspapier „Strategie 2019 bis 2025: Die AfD auf dem Weg zur Volkspartei“ beschrieb einen „Marsch durch die Organisationen“. Mitglieder sollten sich stärker in Vereinen, Verbänden, Nachbarschaftsinitiativen und anderen gesellschaftlichen Strukturen verankern. Zugleich sollte die Partei an einem bürgerlicheren Erscheinungsbild und an der Verschiebung politischer Begriffe arbeiten.
Der Wahlkampfleitfaden zur Bundestagswahl 2021 setzte diese Normalisierungsstrategie kommunikativ fort. Der Claim „Deutschland. Aber normal.“ präsentierte die politischen Positionen der Partei als vermeintliche Wiederherstellung einer selbstverständlichen gesellschaftlichen Ordnung.
Für Bremen lässt sich die Umsetzung nicht allein aus den Papieren ableiten. Belastbar ist aber ein organisatorisches Gegenbild: Zwischen 2019 und 2023 war der Landesverband so stark mit Fraktionsbrüchen, Austritten und konkurrierenden Vorständen beschäftigt, dass er seine bundesstrategischen Ziele nur eingeschränkt in kontinuierliche Parlamentsarbeit übersetzen konnte. Die Nichtzulassung 2023 war die drastischste Folge.
Seit 2024 verändert sich die Lage. Europawahl, Parteiübertritt in der Bürgerschaft und Bundestagsmandat verschaffen der AfD wieder Öffentlichkeit und Ressourcen. Parlamentarische Präsenz dient dabei nicht nur der Gesetzgebung. Sie produziert Presseanlässe, Beschäftigtenstellen, Antragsrechte, Datenzugang und den Anschein politischer Normalität. Gerade deshalb sollte journalistische Beobachtung nicht nur Wahlergebnisse referieren, sondern untersuchen, wie diese Ressourcen genutzt werden, welche Themen gesetzt und welche gesellschaftlichen Akteur adressiert oder unter Druck gesetzt werden.
Korrigierte Kandidat von 2019
Die folgenden Listen dokumentieren die damalige Aufstellung. Der Status „gewählt“ bezeichnet ausschließlich das Ergebnis der Wahl 2019, nicht spätere Partei- oder Fraktionszugehörigkeiten.
Bürgerschaft – Wahlbereich Bremen
| Platz | Kandidat | Ergebnis 2019 |
| 1 | Frank Magnitz | gewählt |
| 2 | Uwe Felgenträger | gewählt |
| 3 | Peter Beck | gewählt |
| 4 | Mark Runge | gewählt; 2021 verstorben |
| 5 | Ann-Katrin Magnitz | nicht gewählt; nahm das spätere Nachrückmandat nicht an |
| 6 | Heinrich „Heiner“ Löhmann | nicht unmittelbar gewählt; 2021 für Runge nachgerückt |
| 7 | Sven Schellenberg | nicht gewählt |
| 8 | Sergej Minich | nicht gewählt |
| 9 | Harald Rühl | nicht gewählt |
| 10 | Natascha Runge | nicht gewählt |
| 11 | Gerald Höns | nicht gewählt |
| 12 | Wolfgang Rabe | nicht gewählt |
| 13 | Silke Jünemann | nicht gewählt |
Bürgerschaft – Wahlbereich Bremerhaven
| Platz | Kandidat | Ergebnis 2019 |
| 1 | Thomas Jürgewitz | gewählt |
| 2 | Natalia Bodenhagen | nicht gewählt |
| 3 | Sven Lichtenfeld | nicht gewählt |
| 4 | Pascal Hiller | nicht gewählt |
| 5 | Wolfgang Koch | nicht gewählt |
Stadtverordnetenversammlung Bremerhaven
| Platz | Kandidat | Ergebnis 2019 |
| 1 | Thomas Jürgewitz | gewählt |
| 2 | Natalia Bodenhagen | gewählt |
| 3 | Pascal Hiller | gewählt |
| 4 | Wolfgang Koch | gewählt |
| 5 | Sven Lichtenfeld | nicht unmittelbar gewählt |
| 6 | Michael Langner | nicht gewählt |
| 7 | Daniel Berndt | nicht gewählt |
| 8 | Birgit Heinsohn | nicht gewählt |
| 9 | Jens Kupke | nicht unmittelbar gewählt; 2021 nachgerückt |
| 10 | Peter Boßmann | nicht gewählt |
| 11 | Frank Haase | nicht gewählt |
| 12 | Ilka Archer-Buchholz | nicht gewählt; im amtlichen Ergebnis als Ilka Archer geführt |
| 13 | Romuald-Peter Waniek | nicht gewählt |
Gesamtanalyse
Die parlamentarische Geschichte der Bremer AfD ist keine geradlinige Erfolgsgeschichte. Sie besteht aus vier wiederkehrenden Bewegungen:
- Wähler:innenpotenzial: Seit 2013 konnte die Partei bei Bundes-, Europa-, Landes- und Kommunalwahlen wiederholt relevante Stimmenanteile erzielen. Das Bremer Ergebnis von 15,1 Prozent bei der Bundestagswahl 2025 markiert bislang ihren Höchstwert bei einer landesweit ausgezählten Wahl.
- Institutionelle Gewinne: Mandate eröffneten Zugang zu Geld, Personal, Ausschüssen, Informationen und Öffentlichkeit. Das galt für Magnitz ab 2017 ebenso wie für Minich seit 2025.
- Organisatorische Selbstbeschädigung: Die erste Bürgerschaftsgruppe zerfiel 2015 binnen Wochen, die erste Fraktion 2019 binnen Monaten. 2021 war die Bundestagsliste gefährdet; 2023 scheiterte die gesamte Bürgerschaftskandidatur.
- Rekonstruktion über neue Wege: Seit 2024 gewann die Partei parlamentarische Präsenz über drei unterschiedliche Mechanismen zurück: einen Parteiwechsel in der Bürgerschaft, einen eigenständigen kommunalen Wahlerfolg in Bremerhaven und ein über die Landesliste gewonnenes Bundestagsmandat.
Die schärfste, aber belegbare Schlussfolgerung lautet daher: Die Bremer AfD scheiterte lange nicht an fehlenden Stimmen, sondern an der Unfähigkeit ihrer Funktionär, Stimmen in dauerhaft organisierte parlamentarische Macht zu übersetzen. Seit 2024 gelingt ihr diese Übersetzung wieder besser. Gerade deshalb muss die Beobachtung heute präziser werden: weniger pauschale Empörung, mehr Kontrolle von Anträgen, Abstimmungen, Ausschussarbeit, Beschäftigtenstrukturen und der Verwendung öffentlicher Ressourcen.
Redaktion
AfD Watch Bremen
