NS-Propaganda im Profil: De Buers Bildsprache beim Bremer „Frauenmarsch“

Archivbeitrag · Erstveröffentlichung: 11. Mai 2018 unter „Zwischen Stahlgewitter und Hitlerjugend“

Sybill Constance De Buer gehörte 2018 zu den Organisator:innen des Bremer „Frauenmarschs“. Auf ihrem Facebook-Profil verwendete sie eine Collage mit einem Mädchenmotiv aus der Propaganda der Hitlerjugend. Hinzu kam ein nationalistischer Text über geraubte Heimat, der auch im Repertoire der Neonaziband „Stahlgewitter“ vorkommt. Die Verbindung machte NS-Bildsprache zum Bestandteil der öffentlichen Selbstdarstellung einer Akteurin aus dem Bremer AfD-Umfeld.

Historisches NS-Propagandaplakat mit einem lächelnden Mädchen und den Aufschriften Jugend dient dem Führer und Alle Zehnjährigen in die HJ.
Die historische Vorlage des Mädchenmotivs: NS-Werbeplakat nach einem Entwurf von Hein Neuner, vom Deutschen Historischen Museum auf etwa 1939 datiert. Hier die bereits 2018 veröffentlichte Archivabbildung. [3]

Das Mädchenmotiv stammt aus der NS-Rekrutierungspropaganda

Der damals gesicherte Profilausschnitt zeigt De Buers Namen und die Collage als Profilbild. Die vergrößerte Bilddatei macht ihre Bestandteile erkennbar: ein lächelndes blondes Mädchen, das Brandenburger Tor, eine Landschaft und darübergelegte Textzeilen. Das Mädchen wurde aus einem Plakat übernommen, das Zehnjährige zum Eintritt in die Hitlerjugend aufforderte. [1] [2] [3]

Das Deutsche Historische Museum führt die Vorlage unter „Jugend dient dem Führer“, nennt Hein Neuner als Gestalter und datiert sie auf etwa 1939. Die Darstellung richtete sich an Mädchen. Sie warb für die Eingliederung in die nationalsozialistische Jugendorganisation und für die Unterordnung unter Hitler und die sogenannte Volksgemeinschaft. [3]

In der Collage wird das Mädchen aus diesem ausdrücklichen Rekrutierungsaufruf herausgelöst und mit einer nationalen Landschafts- und Heimaterzählung verbunden. So erscheint ein Bild nationalsozialistischer Erziehung als freundlich wirkendes Sinnbild deutscher Zugehörigkeit. Die historische Propaganda liefert das positive Identifikationsangebot für eine gegenwärtige politische Selbstdarstellung.

Heimatverlust wird zum absoluten Verbrechen erklärt

Der auf dem Bild verwendete Text erklärt den Entzug von Heimat zu einem Verbrechen, das noch schwerer wiege als Mord, und verbindet diese Aussage mit göttlicher Verdammung. Diese Steigerung macht aus einer politischen Vorstellung von Volk und Heimat eine unantastbare moralische Ordnung. Wer als Bedrohung dieser Ordnung erscheint, wird zum grundsätzlich verfluchten Feind. [2]

Dieselbe Textpassage verwendete „Stahlgewitter“ 2002 im Lied „Was immer auf Erden besteht“ auf dem Album „Politischer Soldat“. Die Zeilen sind älter: Ein dpa-Faktencheck von 2020 weist eine Fassung bereits im „Teplitz-Schönauer Anzeiger“ von 1950 nach. Dort steht eine andere Urheberangabe, deren Verlässlichkeit der zitierte Historiker Tobias Weger bezweifelt. Belegt ist damit die Verwendung des Textes sowohl in nationalistischer Nachkriegspublizistik als auch im neonazistischen Rechtsrock. [4]

De Buers Collage verbindet diese Heimaterzählung mit einem Motiv der NS-Jugendpropaganda. In der Kombination verstärken sich beide Elemente: Das idealisierte Mädchen verkörpert die nationale Gemeinschaft, der Text erklärt deren vermeintliche Bedrohung zum Verbrechen von höchstem Rang.

„Stahlgewitter“: Antisemitismus und NS-Verherrlichung im Rechtsrock

Die politische Einordnung der Band ist eindeutig. Belltower.News dokumentiert bei „Stahlgewitter“ antisemitische Verschwörungserzählungen, die Verherrlichung der Wehrmacht und positive Bezüge auf nationalsozialistische Organisationen. Zum Personal gehören Frank Krämer und Daniel „Gigi“ Giese. Die Band trat häufig bei Konzerten des neonazistischen Netzwerks „Blood & Honour“ auf; das Album „Politischer Soldat“ wurde bereits 2002 indiziert. [5]

Giese ist zugleich der Sänger von „Gigi und die braunen Stadtmusikanten“. Belltower.News ordnet deren 2010 veröffentlichten Song „Döner Killer“ als Verherrlichung einer rassistischen Mordserie ein. Die strafrechtliche Bewertung unterschied sich davon: Das Landgericht Osnabrück wertete den Song 2013 als mehrdeutig; die Verurteilung Gieses wegen Volksverhetzung stützte sich auf Holocaustleugnung in einem anderen Lied. Darüber berichtete die taz. [5] [6]

Die Bildsprache stand im Umfeld einer AfD-Mobilisierung

De Buer organisierte gemeinsam mit dem damaligen AfD-Bürgerschaftsabgeordneten Alexander Tassis die Bremer Kundgebungen unter dem Motto „Kandel ist überall“. Belltower.News beschreibt die Veranstaltungsreihe als Teil bundesweiter Kampagnen aus dem AfD-Umfeld, die sexualisierte Gewalt rassistisch deuteten. Der vermeintliche Schutz von Frauen verband sich dabei mit Agitation gegen Migration und die Bundesregierung. [7]

Die Kombination aus NS-Motiv und nationalistischer Heimaterzählung gehörte damit zur öffentlichen Kommunikation einer Organisatorin dieser Kampagne. Ihre politische Funktion lag in der Aufwertung völkischer Zugehörigkeit: Das Bild bot ein idealisiertes nationales Selbstbild an, während die Mobilisierung eine Bedrohung von außen beschwor. Die organisatorischen Verbindungen dokumentiert unsere Recherche „Rechtsextreme Netzwerke hinter dem Bremer Frauenmarsch“.

Haverbeck-Solidarität in der Facebook-Gruppe

Screenshot der öffentlichen Facebook-Gruppe BremerFrauenMarsch mit einem geteilten Livestream einer Demonstration für Ursula Haverbeck in Bielefeld.
Geteilter Livestream in der öffentlichen Gruppe „BremerFrauenMarsch“, im Mai 2018 dokumentiert. Der Screenshot zeigt die Weiterverbreitung durch ein Gruppenmitglied. Archiv: AfD Watch Bremen. [8]

Ein weiterer damaliger Screenshot dokumentiert einen Beitrag in der öffentlichen Facebook-Gruppe „BremerFrauenMarsch“. Ein Gruppenmitglied teilte dort einen Livestream von Matthias Deyda. Dessen Beschreibung bezeichnete die Aufnahme als Übertragung von einer Bielefelder Demonstration für die Freilassung Ursula Haverbecks. So gelangte die Solidaritätskampagne für die Holocaustleugnerin in den Kommunikationsraum des Bremer „Frauenmarschs“. [8]

Haverbeck war wegen Holocaustleugnung rechtskräftig zu zwei Jahren Haft verurteilt worden. Roland Kaufhold beschrieb am 5. Mai 2018 im Störungsmelder ihre langjährige Tätigkeit im organisierten Geschichtsrevisionismus und ihre Aufwertung zur Märtyrerfigur durch Neonazis. Sebastian Weiermann dokumentierte wenige Tage später die Solidaritätsmobilisierung in Bielefeld. Die Freilassungskampagne stellte eine zentrale Akteurin antisemitischer Geschichtsfälschung als politisch Verfolgte dar. [9] [10]

Völkische Selbstbilder treffen auf antisemitische Mobilisierung

Die Dokumente zeigen zwei konkrete Vorgänge: De Buers Profilbild griff NS-Propaganda und einen auch im Rechtsrock verwendeten nationalistischen Text auf. In der öffentlichen Gruppe des „Frauenmarschs“ verbreitete ein Mitglied Material der Haverbeck-Solidaritätskampagne. In diesem politischen Umfeld trafen rassistische Straßenmobilisierung, völkische Bildsprache und die Unterstützung einer Holocaustleugnerin aufeinander. Der Blick auf diese Inhalte legt offen, welche menschenfeindlichen Vorstellungen hinter dem Etikett des Frauenschutzes Anschluss fanden.

Hinweis zur Überarbeitung: Die Datierung des historischen Plakats wurde nach dem DHM-Katalog auf etwa 1939 berichtigt. Die Einordnung der Textpassage berücksichtigt die 2020 veröffentlichte dpa-Recherche zu ihrer älteren Herkunft.

Redaktion
AfD Watch Bremen

Quellen und weiterführende Recherchen

Archivierte Bilddokumente, historische Objektbeschreibung und fachjournalistische Recherchen. Der spätere dpa-Faktencheck ergänzt die Einordnung der Textgeschichte.

[1] Facebook-Profil · Archivdokument · Mai 2018

De Buers Profil mit der verwendeten Collage

Zeitgenössischer Screenshot im Archiv AfD Watch Bremen; dokumentiert Profilname und Verwendung des Motivs als Profilbild.

[5] Belltower.News · Lexikonbeitrag

Stahlgewitter

Fachjournalistische Einordnung der Band, ihrer antisemitischen und nationalsozialistischen Bezüge sowie der weiteren Musikprojekte Daniel Gieses.

[6] taz · Andreas Speit · 7. Juni 2013

„Döner Killer“-Sänger muss zahlen

Bericht zum Berufungsurteil gegen Daniel Giese; unterscheidet die Bewertung des genannten Songs von der Verurteilung wegen Holocaustleugnung in einem anderen Lied.

[8] Facebook-Gruppe BremerFrauenMarsch · Archivdokument · Mai 2018

Geteilter Livestream der Haverbeck-Demonstration

Screenshot eines Beitrags durch ein Gruppenmitglied; dokumentiert die Weiterverbreitung des als Haverbeck-Demonstration bezeichneten Videos.

[9] ZEIT Online · Störungsmelder · Roland Kaufhold · 5. Mai 2018

Holocaust-Leugnerin Haverbeck vor Festnahme

Zeitgenössischer Bericht zu Haverbecks rechtskräftiger Haftstrafe und ihrer Rolle im organisierten Geschichtsrevisionismus.

[10] ZEIT Online · Störungsmelder · Sebastian Weiermann · 10. Mai 2018

Ursula Haverbeck: Heldenfigur der rechten Szene

Zeitgenössische Dokumentation der neonazistischen Solidaritätsmobilisierung nach Haverbecks Inhaftierung, einschließlich einer Aufnahme aus Bielefeld.