
Mertcan Karakaya beim Landesparteitag der Bremer AfD am 27.04.2025. Gaststätte „Bootshaus in Bürgerpark“ in Bremerhaven. Bild: Recherche Nord.
Mertcan Karakaya: Vom JA-Funktionär zum Organisator der Bremer AfD
Neonazi-Kontakte im Wahlkampf, jahrelange Verantwortung im Landesvorstand und die eigene Migrationsgeschichte als politisches Argument
Mertcan Karakaya gehörte über Jahre zu jenen Funktionären der Bremer AfD, die öffentlich deutlich weniger sichtbar waren als Frank Magnitz, Peter Beck oder später Sergej Minich, organisatorisch aber eine zentrale Rolle spielten. Seine politische Laufbahn führt von der damaligen Jungen Alternative (JA) über das Schatzmeisteramt im Landesverband bis in den innersten Kreis jener Parteiführung, die während der jahrelangen Machtkämpfe der Bremer AfD um die Kontrolle des Landesverbandes stritt. Vor der Bundestagswahl 2025 trat Karakaya schließlich verstärkt öffentlich auf und stellte dabei seine eigene Einwanderungsgeschichte in den Dienst der restriktiven Migrationspolitik der rechtsextremen AfD.
Dabei ist der heutige Stand gegenüber älteren Darstellungen zu korrigieren: Karakaya gehört seit der Neuwahl des Bremer AfD-Landesvorstandes im Oktober 2025 nicht mehr dessen Führungsgremium an. Das Amt des Landesschatzmeisters übernahm Ahmet Görgülü. Öffentlich nachvollziehbar ist weder, warum Karakaya nicht erneut gewählt wurde, noch welche formale Funktion er seitdem innerhalb der Partei ausübt. Eine aktuelle Funktion im Landesvorstand lässt sich im August 2026 jedenfalls nicht mehr belegen.
Frühe Funktion in der Jungen Alternative
2019 gehörte Karakaya gleichzeitig zur Führung der Bremer AfD und ihrer damaligen Jugendorganisation. Die taz führte ihn im Oktober jenes Jahres als Schatzmeister des AfD-Landesverbandes und stellvertretenden Bremer Vorsitzenden der Jungen Alternative. Damit war er organisatorisch an einer Schnittstelle zwischen Mutterpartei und jener Nachwuchsorganisation tätig, die sich bundesweit zunehmend zu einem zentralen Rekrutierungs- und Vernetzungsraum des völkischen und extrem rechten Parteiflügels entwickelte.
Seine damalige Funktion ist für die weitere politische Entwicklung relevant, weil mehrere zentrale Akteur:innen der heutigen Bremer AfD aus demselben organisatorischen Umfeld hervorgegangen sind. Karakaya selbst wechselte anschließend nicht aus der Partei heraus, sondern rückte stärker in deren Landesorganisation.
Wahlkampf mit später verbotenen Neonazis
Der schwerwiegendste dokumentierte Vorgang aus Karakayas früher Parteikarriere stammt aus dem Bremer Wahlkampf 2019. Fotos die der Redaktion vorliegen zeigten ihn gemeinsam mit Angehörigen der später verbotenen neonazistischen Gruppierung „Phalanx 18“ vor dem Fanprojekt am Weserstadion. Die Männer standen mit AfD-Wahlplakaten zusammen; ein aus dem Umfeld der Gruppe verbreiteter Kommentar bezeichnete den Einsatz als „Begleitschutz“ für AfD-Plakatierer. Die taz griff die von AfD Watch Bremen recherchierten Aufnahmen auf und berichtete ausführlich über den Vorgang.
Bemerkenswert ist dabei die damalige Erklärung der Partei. AfD-Landeschef Peter Beck erklärte gegenüber der taz, Karakaya habe einen der beteiligten Männer namens Michael bereits gekannt und die angebotene Hilfe zunächst angenommen. Erst nachdem beim gemeinsamen Plakatieren eine „aggressive Grundstimmung“ aufgefallen sei, habe Karakaya die Aktion abgebrochen. Beck bezeichnete den Kontakt als einmalig und erklärte eine grundsätzliche Distanzierung der Partei von Neonazis. Eine eigene, öffentlich dokumentierte ausführliche Stellungnahme Karakayas zu diesem Vorgang ist in der Recherche nicht auffindbar. Nur wenige Monate später wurde deutlich, mit wem Karakaya damals Wahlkampf betrieben hatte. Der Bremer Innensenator verbot „Phalanx 18“ im November 2019. In der Verbotsverfügung wurde festgestellt, dass sich der Verein gegen die verfassungsmäßige Ordnung und den Gedanken der Völkerverständigung richtete. Die Gruppe sei nationalsozialistischer Ideologie verhaftet gewesen und habe versucht, diese mit „aggressiv-kämpferischen“ Mitteln durchzusetzen. Zuvor waren Angehörige der Gruppe unter anderem durch gewaltsame Angriffe und gezielte Provokationen im Bremer Viertel aufgefallen.
Ausgerechnet die AfD machte die Neonazi-Kontakte zum internen Machtkampf
Innerhalb des Landesverbandes wurde Karakayas Umgang mit „Phalanx 18“ anschließend selbst zum Gegenstand des jahrelangen AfD-Machtkampfes. Nach Recherchen der taz beantragten Frank Magnitz, Thomas Jürgewitz, Uwe Felgenträger und Mark Runge Ende 2019 Karakayas Parteiausschluss. Später versuchte dieses Lager auch, Landesvorsitzenden Peter Beck und Karakaya aus ihren Vorstandsämtern abzuwählen. Zu den erhobenen Vorwürfen gehörten angebliche finanzielle Unregelmäßigkeiten sowie Kontakte in das rechtsextreme Milieu.
Die Konstellation war politisch bemerkenswert: Akteur:innen eines Landesverbandes, von denen mehrere selbst wegen Verbindungen zur extremen Rechten öffentlich kritisiert worden waren, warfen einander nun Rechtsextremismus und entsprechende Kontakte vor. Beck und Karakaya gingen gegen Teile dieser Vorwürfe schließlich gerichtlich vor. Das Landgericht Bremen bestätigte öffentlich ein entsprechendes einstweiliges Verfügungsverfahren. Die Auseinandersetzung zeigt weniger eine klare innerparteiliche Abgrenzung zur extremen Rechten als einen Landesverband, in dem solche Vorwürfe selbst zum Instrument eines Machtkampfes um Vorstandsposten und Kontrolle wurden.

Mertcan Karakaya (links im Bild) beim geplatzten Landesparteitag der Bremer AfD am 22.05.2021. Bild: Recherche Nord
Karakaya wird Teil des organisatorischen Zentrums
Nach dem Rücktritt Peter Becks als Landesvorsitzender Anfang 2021 blieb Karakaya im verbliebenen Landesvorstand. Ein später von der AfD selbst veröffentlichtes Dokument nennt für diese Phase Sergej Minich als stellvertretenden Vorsitzenden und Karakaya als Schatzmeister. Im August 2021 trat Karakaya gemeinsam mit Minich und dem damaligen Rechtsbeistand der Partei sogar vor dem Bundeswahlausschuss auf, als die Bremer AfD gegen die zunächst verweigerte Zulassung ihrer Landesliste zur Bundestagswahl vorging. Der Bundeswahlausschuss gab dieser Beschwerde damals statt. Damit wird eine Funktion sichtbar, die in der bisherigen Darstellung Karakayas weitgehend fehlt: Er war über Jahre nicht nur Kassenwart, sondern Teil der organisatorischen Kontinuität eines permanent instabilen Landesverbandes. Gerade weil Vorsitzende, Fraktionen und innerparteiliche Lager wechselten, gewannen Funktionäre an Bedeutung, die die formale Parteiorganisation aufrechterhielten.
Diese Rolle verschärfte sich 2022. Auf dem Landesparteitag vom 8. Mai wurde Sergej Minich mit 14 von 17 abgegebenen Stimmen zum stellvertretenden Landesvorsitzenden gewählt. Karakaya erhielt bei seiner Wahl zum Schatzmeister 13 von 17 Stimmen. Beide bildeten anschließend den Kern des sogenannten „Rumpfvorstandes“, der beanspruchte, den Landesverband rechtlich vertreten zu können.
Im Zentrum des AfD-Chaos von 2023
Der folgende innerparteiliche Konflikt gehört zu den außergewöhnlichsten Vorgängen der Bremer Parteiengeschichte. Das AfD-Landesschiedsgericht erklärte die Wahlen des Parteitages von Mai 2022 später für nichtig und setzte einen Notvorstand ein. Das Bundesschiedsgericht bestätigte diese Entscheidung. Minich und Karakaya hielten dennoch an ihrem Vertretungsanspruch fest. Zeitweise existierten damit konkurrierende Führungsstrukturen, die jeweils für sich beanspruchten, den Landesverband vertreten zu dürfen. Karakaya war dabei keineswegs Randfigur. Gemeinsam mit Minich unterzeichnete er Wahlvorschläge für die Bürgerschaftswahl 2023 und trat in den anschließenden gerichtlichen Verfahren als Vertreter des Landesverbandes auf. Das Landgericht Berlin stellte in einem Anerkenntnisurteil zwar fest, dass der 2022 gewählte Vorstand nach Maßgabe der Satzung beschlussfähig sei und den Landesverband im Rechtsverkehr vertreten könne. Für das Bremer Wahlrecht löste das den Konflikt jedoch nicht: Wahl- und Verfassungsgerichte verwiesen weiterhin auf die parteischiedsgerichtlichen Entscheidungen und lehnten die von konkurrierenden Vorständen eingereichten AfD-Wahlvorschläge ab.
Das Ergebnis war politisch verheerend. Die AfD konnte 2023 weder im Wahlbereich Bremen noch in Bremerhaven zur Bürgerschaftswahl antreten. Karakaya gehörte damit zusammen mit Minich nicht lediglich zu den Beobachtern des innerparteilichen Chaos, sondern zu einem der beiden konkurrierenden Machtzentren, deren Konflikt schließlich zur Nichtzulassung der Partei beitrug.
Wenn Kriminalität ethnisiert wird
Auch inhaltlich trat Karakaya zumindest punktuell öffentlich hervor. Nach gewaltsamen Auseinandersetzungen rund um eine Kinder- und Jugendveranstaltung in der Bremer Eissporthalle „Paradice“ im Februar 2023 stellte er den Vorgang öffentlich in einen Zusammenhang mit „Ausländerkriminalität“. Gleichzeitig kursierten Behauptungen, Jugendliche hätten Messer eingesetzt. Polizei und Betreiber erklärten jedoch, hierfür lägen keine konkreten Hinweise vor.
Der Vorgang ist ein Beispiel für ein wiederkehrendes Muster rechter Kriminalitätskommunikation: Ein zunächst unübersichtliches Ereignis wird früh ethnisch beziehungsweise migrationspolitisch gerahmt, obwohl zentrale Tatsachen noch ungeklärt sind. Bei Karakaya fällt dies besonders auf, weil seine eigene Migrationsgeschichte später zu einem zentralen Bestandteil seiner politischen Selbstdarstellung wurde.
Die eigene Migration als Argument gegen heutige Migration
2024 rückte Karakaya erstmals in einer bundesweiten AfD-Kampagne stärker in den Vordergrund. Der Verein „Mit Migrationshintergrund für Deutschland“ veröffentlichte gemeinsam mit der AfD eine Reihe von Videointerviews mit AfD-Mitgliedern, die selbst eine Einwanderungsgeschichte haben. Der Verein erklärte, sämtliche Interviewten seien sowohl Mitglieder der AfD als auch des Vereins. Unter ihnen war Karakaya.
In seinem Beitrag erzählte Karakaya von seiner Einwanderung aus der Türkei nach Deutschland in den 1990er Jahren und stellte die Integration seiner eigenen Familie anderen Migrant:innen gegenüber. Gleichzeitig erklärte er, die AfD sei für ihn die Partei, die „in erster Linie erstmal an unsere eigene Bevölkerung denkt“. Die politische Funktion dieser Erzählung liegt auf der Hand: Die eigene Migrationsbiografie wird nicht als Argument für eine offene Einwanderungsgesellschaft eingesetzt, sondern als Legitimation für die Unterscheidung zwischen vermeintlich erwünschter und unerwünschter Migration. Diese Strategie wurde vor der Bundestagswahl 2025 noch deutlicher. Das Schweizer Radio und Fernsehen porträtierte Karakaya damals als 33-jährigen gelernten Elektriker und IT-System-Kaufmann, der Ende der 1990er Jahre mit seiner Mutter aus der Türkei nach Deutschland gekommen war. Karakaya erklärte, Deutschland habe sich nach seinem subjektiven Eindruck bei Sicherheit, Bildung und Wohlstand stark verschlechtert. Eine harte Einwanderungspolitik bezeichnete er neben wirtschaftspolitischen Fragen als einen wesentlichen Grund für seine Unterstützung der AfD.
Der Widerspruch ist nur scheinbar. Rechtspopulistische und extrem rechte Parteien können Menschen mit eigener oder familiärer Einwanderungsgeschichte gerade deshalb kommunikativ einsetzen, weil deren Biografie als Gegenargument zum Rassismusvorwurf dienen soll. Politisch entscheidend ist jedoch nicht die Herkunft der Person, sondern welche gesellschaftlichen Hierarchien und Ausschlüsse sie legitimiert. Karakayas Aussagen folgen einer meritokratischen Integrationslogik: Die eigene Familie erscheint als Beispiel gelungener Anpassung, während heutige Migration vor allem über Belastung, Kontrollverlust und mangelnde Integration beschrieben wird. In einer extrem rechten Partei organisiert zu sein könnte hingegen als ein gutes Beispiel dienen, warum seine Integration nach seinen eigenen Maßstäben nicht gelungen ist.
Vom Bremer Landesverband ins Europaparlament
Die SRF-Recherche dokumentierte zugleich eine weitere bislang wenig beachtete Entwicklung. Karakaya arbeitete Anfang 2025 als lokaler Mitarbeiter der AfD-Europaabgeordneten Anja Arndt. Damit reichte seine politische Tätigkeit inzwischen über den Bremer Landesverband hinaus. Arndt gehört im Europäischen Parlament der AfD und der Fraktion Europa der Souveränen Nationen an. Diese Beschäftigung ist politisch relevanter als ein gewöhnliches Parteiamt auf Landesebene. Sie zeigt, dass Karakaya nach Jahren innerparteilicher Organisationsarbeit Zugang zu einer professionellen parlamentarischen Struktur auf europäischer Ebene erhielt.
2025 endet seine Zeit als Landesschatzmeister
Am 25. Oktober 2025 stellte sich der Landesverband personell neu auf. Sergej Minich wurde als Vorsitzender bestätigt, Marvin Mergard stieg zum stellvertretenden Landesvorsitzenden auf. Zum neuen Schatzmeister wurde Ahmet Görgülü gewählt. Karakaya gehört dem seitdem veröffentlichten siebenköpfigen Landesvorstand nicht mehr an. Über einen Rückzug, eine Abwahl oder andere Gründe berichtete die Partei öffentlich nicht.
Damit endet nach derzeitiger Quellenlage eine bemerkenswert lange Phase: Von spätestens 2019 bis Oktober 2025 war Karakaya über weite Strecken in zentralen organisatorischen Funktionen des Bremer Landesverbandes aktiv. Seine geringe mediale Sichtbarkeit sollte deshalb nicht mit geringer politischer Bedeutung verwechselt werden.
Ein Funktionär im Hintergrund
Karakayas politische Biografie bündelt mehrere Entwicklungen der Bremer AfD. Er kam aus der Jungen Alternative, bewegte sich 2019 im Wahlkampf gemeinsam mit später verbotenen Neonazis, überstand die anschließenden innerparteilichen Ausschluss- und Abwahlversuche und blieb anschließend jahrelang im organisatorischen Zentrum des Landesverbandes. Gemeinsam mit Sergej Minich gehörte er zu dem Führungskern, der im Machtkampf um den Bremer Landesverband bis vor Gerichte zog und 2023 einen eigenen Wahlvorschlag einreichte.
Später änderte sich vor allem seine öffentliche Rolle. Aus dem kaum sichtbaren Schatzmeister wurde zeitweise ein Funktionär, dessen eigene Einwanderungsgeschichte von der AfD kommunikativ genutzt wurde, um ihre restriktive Migrationspolitik als vermeintlich migrationsbiografisch legitimierte Position zu präsentieren. Gleichzeitig eröffnete ihm seine Tätigkeit für Anja Arndt eine Verbindung in die europäische parlamentarische Struktur der Partei. Trotz dieses Kontaktes blieb er über Jahre in verantwortlichen Funktionen, wurde erneut zum Schatzmeister gewählt, vertrat den Landesverband gemeinsam mit Minich in zentralen Wahl- und Gerichtsverfahren und wurde später Teil der bundesweiten migrationspolitischen Selbstdarstellung der Partei.
Seit Oktober 2025 ist Karakaya aus dem öffentlich ausgewiesenen Landesvorstand verschwunden. Seine aktuelle Funktion bleibt unklar. Seine Rolle in der Geschichte der Bremer AfD ist dagegen inzwischen deutlich besser einzuordnen: Mertcan Karakaya war über mehrere Jahre kein politischer Statist, sondern einer der organisatorischen Stabilisatoren eines ansonsten kontinuierlich instabilen Landesverbandes – und zugleich ein Beispiel dafür, wie sich personelle Kontinuitäten von der früheren Jungen Alternative bis in die professionalisierten Strukturen der heutigen AfD verfolgen lassen.
Redaktion
AfD Watch Bremen
