
Selbstinszenierung als bürgerlicher AfD Akteur. Hinter dieser Fassade steht der völkisch-nationalistische Diskurs. Bildquelle: Screenshot, Twitter, Udo Kühn
Udo Kühn: Facharbeit für die AfD, Feindbilder für ihr Publikum
Udo Kühn arbeitete für den Bremer AfD-Politiker Frank Magnitz, verbreitete politische Feindbilder und trat später als Mitarbeiter der AfD-Bundestagsfraktion auf. Seine zwischen 2019 und 2024 dokumentierten Aktivitäten zeigen, wie parlamentarische Facharbeit und öffentliche Agitation zusammenwirken. Für Bremen führt die Spur aus dem Umfeld eines Landesvorsitzenden bis in die politische Kommunikation der Bundespartei.
Fachkompetenz im Dienst der Partei
Nach seiner eigenen Biografie wurde Kühn 1963 in Dresden geboren, studierte Luftfahrttechnik und arbeitete zunächst als Militär- und Jagdflieger. Anschließend war er demnach im Hightech- und IT-Vertrieb sowie in Forschungs- und Entwicklungsprojekten tätig. Auf seiner Website führt er die Abschlüsse Diplom-Ingenieur (FH) und Hochschulingenieur an. Dort bezeichnete er sich außerdem als wissenschaftlichen Mitarbeiter im Bundestagsbüro von Frank Magnitz.
In dieser Funktion äußerte er sich auch gegenüber der Presse. Die Berliner Zeitung zitierte Kühn am 17. Oktober 2019 im Streit über den Weiterbetrieb des Flughafens Tegel. Er berief sich auf den Berliner Volksentscheid zugunsten der Offenhaltung. Anlass war eine geplante Anhörung im Verkehrsausschuss, für die die AfD einen FDP-Antrag unterstützt hatte. Kühn vertrat damit die verkehrspolitische Position seines Arbeitgebers öffentlich und gab dem parlamentarischen Anliegen eine zusätzliche Stimme.
Aus einem Gewaltverbrechen wird eine politische Anklage
Nach dem Angriff auf Magnitz am 7. Januar 2019 verbreitete Kühn auf seiner Website eine dramatisierte Tatschilderung. Die Angreifer hätten Magnitz bewusstlos getreten; ein Bauarbeiter habe verhindert, dass sie ihr Vorhaben vollendeten. Kühn warf SPD und Grünen vor, Gewalttäter zu bestärken, und unterstellte Medien eine Verharmlosung von Angriffen auf die AfD. Er verband die Verletzungen seines Arbeitgebers mit pauschalen Schuldzuweisungen an politische Gegner.
Wesentliche Teile dieser Erzählung widersprachen den Ermittlungsergebnissen. Die Tagesschau berichtete am 9. Januar 2019 unter Berufung auf die Staatsanwaltschaft, dass die Täter unmittelbar nach dem Angriff geflohen seien. Die ausgewerteten Videos lieferten keine Hinweise auf Tritte gegen Magnitz. CORRECTIV dokumentierte damals außerdem unbelegte Behauptungen über Täterschaft und Tatmotiv. Kühn machte aus dem tatsächlichen Gewaltverbrechen eine Anklage gegen das politische Umfeld der AfD. Für seine Vorwürfe gegen SPD, Grüne und Medien führte er in dem Text keine entsprechenden Belege an.
Bedrohungsbilder und die Abwertung von Kritik
Auch Kühns literarische Veröffentlichungen transportieren politische Ressentiments. In der auf den 28. Februar 2019 datierten „Rückkehrers Büttenrede“ spricht ein karikierter IS-Rückkehrer, der Unterkunft für Angehörige und Waffenbrüder beansprucht, eine Aufnahme als Geflüchteter ins Spiel bringt und Gewalt androht. Bremen erscheint als möglicher Zufluchtsort. Das Gedicht verschränkt islamistischen Terror, Fluchtaufnahme und die Versorgung durch Steuerzahler zu einem Bedrohungsbild. Seine Pointe richtet sich gegen eine Aufnahmegesellschaft, die in dieser Darstellung gefährlichen Personen bereitwillig Unterkunft und Versorgung gewährt. Das Ressentiment entsteht aus dieser Verknüpfung.
Im Bremer Parteienstreit griff Kühn ebenfalls ein. In einem Beitrag über Hinrich Lührssens erneuten AfD-Austritt 2019 deutete er dessen Kritik an der innerparteilichen Demokratie als Folge enttäuschter Karrierewünsche. Er stellte Patrioten und Opportunisten gegenüber. Damit erklärte er die Loyalität zum eigenen Lager zum Maßstab politischer Glaubwürdigkeit und wertete den ausgeschiedenen Konkurrenten persönlich ab.
Vom Abgeordnetenbüro in die Fraktionsarbeit
Im Oktober 2023 wurde Kühn in einem Bericht über eine Besucherfahrt aus Nordsachsen als wissenschaftlicher Referent des Arbeitskreises Verkehr der AfD-Fraktion vorgestellt. Gemeinsam mit den Bundestagsabgeordneten Thomas Ehrhorn, Karsten Hilse und Steffen Janich sowie der Büroleiterin Kati Freyer nahm er demnach an einer Diskussionsrunde im Fraktionssaal teil. Kühn war damit in die Vermittlung parlamentarischer Arbeit gegenüber Besucher eingebunden und trat gemeinsam mit Abgeordneten aus Niedersachsen und Sachsen auf.
Für März 2024 beschreibt ein Bericht des Bundestagsabgeordneten René Bochmann eine weitere solche Veranstaltung. Kühn, dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter der AfD-Bundestagsfraktion bezeichnet, erläuterte einer Besuchergruppe das Ressort Schifffahrt. Bochmann selbst war krankheitsbedingt verhindert. Kühn übernahm damit fachliche Repräsentation für die Fraktion. Seine dokumentierte Tätigkeit reicht über das Büro Magnitz hinaus und mindestens bis März 2024.
Werbung mit verschwiegener Parteibindung
Im selben Monat geriet Kühn als Beteiligter eines AfD-Imagevideos in den Blick. Der journalistische Newsletter „Wie Rechte reden“ analysierte am 15. März 2024 einen Film, der mit der Unterstützung von Menschen mit Einwanderungsgeschichte für die AfD warb. Nach dieser Analyse waren mindestens vier der sechs Beteiligten frühere oder damalige Beschäftigte der Partei. Der Newsletter benannte Kühn als Fraktionsreferenten und hielt fest, dass die beruflichen Parteiverbindungen im Video nicht entsprechend offengelegt wurden. Dem Publikum fehlte damit nach Darstellung der Autor ein wesentlicher Kontext für die zustimmenden Aussagen.
Die Autor:innen deuteten die Inszenierung als Versuch, Vorwürfe gegen die AfD durch demonstrativ präsentierte migrantische Unterstützung abzuwehren. Bei Kühn kam eine weitere Ebene hinzu: Ein Mitarbeiter aus dem parlamentarischen Betrieb trat als öffentlicher Fürsprecher auf. Zusammen mit seiner Tätigkeit für Magnitz und seinen eigenen Veröffentlichungen ergibt sich daraus das Bild eines Akteurs, der Facharbeit, politische Loyalität und Agitation verband. Sein Beispiel macht sichtbar, welche Rolle Mitarbeiter:innen für die Handlungsfähigkeit und Außendarstellung der AfD übernehmen. Die Geschichte der Bremer Partei umfasst auch diese Arbeit hinter ihren bekannten Mandatsträger.
Redaktion
AfD Watch Bremen
