Räume, Finanzierung und Infrastruktur rechter Netzwerke im Land Bremen
Politischer Einfluss entsteht nicht allein durch Wahlprogramme, Reden oder Beiträge in sozialen Netzwerken. Parteien und politische Milieus benötigen Räume, Personal, Geld, technische Ausstattung, publizistische Kanäle und organisatorische Dienstleistungen. Erst diese Infrastruktur ermöglicht kontinuierliche politische Arbeit, die Herstellung von Öffentlichkeit und die Vernetzung unterschiedlicher Akteur:innen.
Im Land Bremen zeigt sich kein einheitlich gesteuertes rechtes Netzwerk. Erkennbar sind vielmehr unterschiedliche, teilweise miteinander verbundene Strukturen: historische Parteibüros und private Immobilien, öffentlich finanzierte Fraktionsapparate, ein Bundestagsmandat, kommerziell angemietete Veranstaltungsorte, Sicherheits- und Medienunternehmen, digitale Plattformen sowie Räume der extrem rechten Musik-, Kampfsport- und Rockerszene. Hinzu kommen religiös-rechte Institutionen, die eigene Gebäude und erhebliche digitale Reichweiten für politische Mobilisierung nutzen. Die Bedeutung dieser Infrastruktur liegt nicht immer im dauerhaften Besitz eines Gebäudes. Auch ein nur vorübergehend genutzter Saal, ein aus öffentlichen Mitteln finanzierter Medienkanal, ein Versandhandel oder eine digitale Gemeinschaft kann politische Handlungsfähigkeit herstellen. Entscheidend ist daher nicht allein, wem ein Raum gehört, sondern wer ihn wie, mit welchen Mitteln und für welche politischen Zwecke nutzt.
Zwischen Briefkasten, Beratungsangebot und Parteibüro
Die Bremer AfD verfügte in ihrer bisherigen Geschichte über wechselnde und teilweise nur schwer erkennbare Anlaufstellen. Bis 2016 nutzte sie nach Recherchen von AfD Watch Bremen die Anschrift des Steuerbüros ihres damaligen Funktionärs Piet Leidreiter am Wandrahm als offizielle Parteiadresse. Im Jahr 2016 wurde der Aumunder Heerweg 55 angegeben. Dort befand sich jedoch keine öffentlich erkennbare Geschäftsstelle, sondern lediglich ein Briefkasten an einem Gebrauchtwarenhandel. 2017 betrieb die Partei Räume in der Falkenstraße 24. Nach außen wurden sie zeitweise als „Sozialberatung“ dargestellt. Recherchen von AfD Watch Bremen belegten jedoch Parteipropaganda, Bestuhlung und einen Versammlungsraum. Zudem zeigten ausgewertete E-Mails, dass die AfD die Räume angemietet und verwaltet hatte. Auch überregionale Medien berichteten anschließend über das AfD-Büro in der Falkenstraße.
AfD Watch Bremen dokumentierte später weitere nur begrenzt erkennbare Parteistrukturen: das Büro in der Helgolander Straße 3 sowie 2019 eine nicht öffentlich beworbene Geschäftsstelle des Bremerhavener Kreisverbandes in der Straße An der Mühle. Die Recherche „Nicht noch ein AfD-Büro“ zeigt ein wiederkehrendes Muster: Die Partei benötigte feste Arbeits- und Versammlungsorte, machte deren politische Funktion nach außen aber nicht immer eindeutig sichtbar. Die aktuelle AfD Bremen nennt zwar eine Anschrift im Impressum, veröffentlicht dort jedoch keine regelmäßigen Öffnungszeiten und bewirbt kein dauerhaft zugängliches Bürger- oder Parteibüro. Die Zeit berichtete 2025, dass sich die Bremer AfD in einem Café traf und offenbar nicht über eine hauptamtlich betriebene Geschäftsstelle verfügte. Aus der fehlenden öffentlichen Kennzeichnung lässt sich nicht schließen, dass keine internen Arbeitsräume existieren. Ein dauerhaft geöffnetes und öffentlich zugängliches Landesparteibüro ist derzeit jedoch nicht belegt.
Das Waller Büro: Mandatsmittel und Identitäre Bewegung
Besondere Bedeutung hatte 2018 ein Gebäude im Bremer Stadtteil Walle, das dem damaligen AfD-Bundestagsabgeordneten und Landesvorsitzenden Frank Magnitz gehörte. Dort sollte nach seinen Angaben ein Abgeordneten- und Bürgerbüro mit Sprechstunden und Veranstaltungen entstehen. Magnitz erklärte gegenüber Radio Bremen, für den Aufbau zwei Teilzeitkräfte eingestellt zu haben.
AfD Watch Bremen recherchierte über mehrere Wochen, wer die Räume tatsächlich nutzte. Dabei konnte nachgewiesen werden, dass Jonas Schick, damals ein führender Bremer Akteur der vom Verfassungsschutz beobachteten Identitären Bewegung, das Gebäude regelmäßig zu üblichen Bürozeiten betrat. Teilweise erschien er gemeinsam mit Robert Teske, der zu dieser Zeit die Bremer Junge Alternative führte. Die Recherchen von AfD Watch Bremen machten damit öffentlich sichtbar, dass Akteure der Identitären Bewegung in der für Magnitz vorbereiteten Bürostruktur tätig waren. Die taz griff die Recherche auf und konfrontierte Magnitz mit den Beobachtungen.
Nicht abschließend belegt werden konnte, ob Schick formal als Mitarbeiter beschäftigt und aus Mitteln des Bundestagsmandats bezahlt wurde. Nachgewiesen sind seine wiederholte Anwesenheit zu Bürozeiten, die Nutzung der Räume durch das AfD- und JA-Umfeld sowie die vorgesehene Funktion als Abgeordnetenbüro. Die konkrete arbeitsvertragliche und finanzielle Beziehung blieb öffentlich ungeklärt. Das Büro führte außerdem zu einem baurechtlichen Konflikt und zu erheblichen Protesten im Stadtteil. Mehr als 2.000 Menschen unterzeichneten eine Petition gegen die geplante AfD-Präsenz. Der Bremer Senat erklärte, dass das ausschließlich zum Wohnen genehmigte Gebäude nicht ohne Nutzungsänderung regelmäßig für Veranstaltungen einer Organisation verwendet werden dürfe. Der Konflikt wurde 2018 ebenfalls von der taz dokumentiert.
Der Fall zeigt, wie eine private Immobilie, die Ressourcen eines Bundestagsmandats, Parteifunktionen und außerparlamentarische extrem rechte Akteure räumlich zusammenkommen konnten. Aus den damaligen Quellen lässt sich allerdings keine Aussage über die heutige Nutzung des Gebäudes ableiten.
Der Höns-Bunker und die Motorradgruppe Bunker F-76
Eine andere Form politischer Infrastruktur entstand im Umfeld des Hochbunkers in der Grenzstraße 110. Gerald Höns, zunächst für die AfD und später für Bürger in Wut beziehungsweise Bündnis Deutschland politisch aktiv, verwendete die Bezeichnung „AfD-Büro Bremen-Walle“ mit dieser Anschrift in offiziellen Unterlagen des Beirats. Damit war der Bunker zeitweise nicht nur privater Besitz oder Veranstaltungsort, sondern eine ausdrücklich benannte politische Arbeitsadresse.
AfD Watch Bremen dokumentierte im Dossier über Gerald Höns außerdem die von ihm betriebene Motorradgruppe Bunker F-76. Die Gruppe verwendete eine rockerähnliche Außendarstellung und war eng mit dem Gebäude verbunden. Der Bunker diente als Abstell- und Treffpunkt für Motorräder, als Veranstaltungsraum und zeitweise als Ort für Treffen weiterer Motorrad- und Rockergruppen. 2016 kamen dort nach Recherchen von Endstation Rechts rund 100 Personen aus 27 Motorrad- und Rockergruppen zusammen, darunter Angehörige eines Hells-Angels-Charters. In dem Gebäude wurden zudem nationalsozialistische Gegenstände und rechte Propaganda dokumentiert. Der Bericht „Gemeinsam mit Identitären, Antisemiten und Rockern“ beschreibt damit Überschneidungen zwischen politischer Rechter, Rockermilieu und privaten Veranstaltungsstrukturen.
Die Existenz von Motorradgruppen oder die Vermietung an solche Gruppen ist für sich genommen kein Beleg für eine extrem rechte Organisation. Im Fall des Bunkers kommen jedoch mehrere nachgewiesene Faktoren zusammen: seine zeitweilige Nutzung als AfD-Arbeitsadresse, die politische Tätigkeit des Eigentümers, die eigene Motorradgruppe Bunker F-76, Treffen weiterer Rockergruppen und die dokumentierten rechten beziehungsweise nationalsozialistischen Gegenstände. Welche politischen Veranstaltungen derzeit im Bunker stattfinden, ist öffentlich noch nicht ausreichend dokumentiert. Der belegbare Schwerpunkt des Falls liegt deshalb auf seiner historischen Funktion als Schnittstelle zwischen privater Immobilie, Parteiarbeit und unterschiedlichen rechten Milieus.
Gemietete Veranstaltungsorte als vorübergehende Infrastruktur
Parteien ohne dauerhaft verfügbares Veranstaltungszentrum sind auf Gaststätten, Hotels, Säle oder gewerblich angebotene Räume angewiesen. Diese Orte werden für die Dauer einer Versammlung zu politischer Infrastruktur, ohne dass daraus automatisch eine ideologische Nähe der Betreiber:innen folgt.
Im August 2026 führte die AfD in den Havenstudios in Bremerhaven ihre Landeswahlversammlung zur Aufstellung der Bremerhavener Kandidierenden durch. Betreiber der Räume war Jens Grotelüschen, ein ehemaliger FDP-Fraktionsvorsitzender. Er bezeichnete die Vermietung gegenüber Radio Bremen als geschäftliche Entscheidung. Der Vorgang löste dennoch politische Kritik aus, weil die Veranstaltung einer als rechtsextremistischer Verdachtsfall geführten Partei einen organisatorisch kontrollierbaren Versammlungsraum verschaffte. Radio Bremen berichtete über die Vermietung. Bei der Versammlung schloss die AfD sämtliche Medien aus. Vor dem Gebäude protestierten nach Angaben von Radio Bremen etwa 400 Menschen. Der Presseausschluss und die Proteste zeigen, dass die Kontrolle über einen zeitweise angemieteten Raum auch die Kontrolle darüber ermöglicht, wer innerparteiliche Vorgänge beobachten kann.
Der Fall belegt keine politische Zusammenarbeit zwischen dem Vermieter und der AfD. Er zeigt vielmehr, wie wichtig der kommerzielle Veranstaltungsmarkt für Parteien ist, die keine eigene öffentlich erkennbare Versammlungsstätte unterhalten. Politische Infrastruktur kann deshalb für einzelne Tage entstehen und danach wieder verschwinden.
Die Finanzierung der AfD Bremen
Der Rechenschaftsbericht der Parteien für 2024 ermöglicht einen genaueren Blick auf die finanzielle Grundlage des AfD-Landesverbandes Bremen. Der Landesverband verzeichnete Gesamteinnahmen von 71.717,70 Euro. Davon stammten 66.516,66 Euro aus Zuschüssen anderer Parteigliederungen. Weitere 5.190,04 Euro kamen aus Spenden natürlicher Personen. Mitgliedsbeiträge, Mandatsträgerbeiträge, Spenden juristischer Personen und unmittelbar ausgewiesene staatliche Mittel wurden beim Landesverband nicht verbucht. Damit bestanden knapp 93 Prozent seiner Einnahmen aus parteiinternen Transfers. Die Bremer AfD war finanziell also stark von Mitteln abhängig, die ihr innerhalb der bundesweiten Parteiorganisation zur Verfügung gestellt wurden. Der Rechenschaftsbericht legt allerdings nicht offen, aus welchen einzelnen Einnahmequellen diese übertragenen Gelder ursprünglich stammten. Die Zuschüsse dürfen deshalb nicht mit einer direkten staatlichen Finanzierung des Landesverbandes gleichgesetzt werden.
Den Einnahmen standen Ausgaben von 45.882,21 Euro gegenüber. Davon entfielen 17.481,09 Euro auf allgemeine politische Arbeit, 12.774,34 Euro auf Wahlkämpfe und 10.735,68 Euro auf den laufenden Geschäftsbetrieb. Weitere 4.891,10 Euro wurden an nachgeordnete Parteigliederungen weitergegeben. Personalausgaben wies der Landesverband für 2024 nicht aus. Das bedeutet nicht, dass keinerlei bezahlte Arbeit für die Bremer AfD stattfand: Beschäftigte können beispielsweise über Abgeordnetenbüros, Fraktionen oder andere Parteiebenen finanziert werden. Der Landesverband selbst verbuchte jedoch keine Personalkosten.
Das Jahr schloss mit einem Überschuss von 25.835,49 Euro. Das ausgewiesene Nettovermögen betrug zum Jahresende lediglich 6.577,72 Euro. Die Zahlen aus dem Rechenschaftsbericht des Deutschen Bundestages zeichnen damit das Bild eines kleinen Landesverbandes mit begrenztem eigenem Vermögen und einer erheblichen Abhängigkeit von der übergeordneten Parteistruktur.
Der Bremer Wahlkampf von Bürger in Wut und Bündnis Deutschland
Wie entscheidend überregionale Mittel für einen Bremer Wahlkampf sein können, zeigt die Kampagne von Bürger in Wut im Jahr 2023. Bündnis Deutschland kündigte damals öffentlich an, den Wahlkampf mit rund 300.000 Euro sowie mit Personal für Infostände und die Verteilung von Flugblättern zu unterstützen. Zugleich wurde die spätere Fusion beider Parteien vorbereitet. Die Ankündigung von Bündnis Deutschland machte die materielle Unterstützung bereits vor der Wahl ausdrücklich zum Bestandteil der gemeinsamen Strategie.
Der spätere Rechenschaftsbericht von Bürger in Wut bestätigt die Größenordnung. Für den Zeitraum vom 1. Januar bis zum 22. Dezember 2023 verzeichnete die Partei Einnahmen von 40.916,98 Euro, aber Ausgaben von 330.172,84 Euro. Allein 264.950,43 Euro flossen in Wahlkämpfe. Das entsprach mehr als 80 Prozent sämtlicher Ausgaben. Finanziert wurde diese Differenz wesentlich durch ein Darlehen von Bündnis Deutschland über 300.000 Euro. Zum Ende des Berichtszeitraums wies Bürger in Wut ein negatives Nettovermögen von 274.795,29 Euro aus. Nach der Fusion gingen die Verbindlichkeiten auf die Bundespartei Bündnis Deutschland und die verbliebenen Vermögenswerte auf den Bremer Landesverband über. Spender:innen mit Einzelzuwendungen von mehr als 10.000 Euro wurden nicht ausgewiesen. Die entsprechenden Angaben finden sich im Rechenschaftsbericht des Deutschen Bundestages.
Der Wahlerfolg von Bürger in Wut war damit nicht allein das Ergebnis einer lokal finanzierten Kampagne. Er wurde materiell durch Kapital und personelle Unterstützung einer überregionalen Partei ermöglicht. Das Darlehen schuf kurzfristig einen Wahlkampfetat, der die regulären Einnahmen von Bürger in Wut um ein Mehrfaches überstieg. Im August 2026 kehrte die Bürgerschaftsfraktion zur Bezeichnung Bürger in Wut zurück. Die Partei erklärte zugleich, politischer Partner von Bündnis Deutschland bleiben zu wollen. Die organisatorische Trennung beendet damit nicht zwangsläufig die politische und infrastrukturelle Zusammenarbeit.
Öffentliche Mittel für die BIW-Fraktion
Von der Parteienfinanzierung zu unterscheiden sind die öffentlichen Mittel für parlamentarische Fraktionen. Diese Gelder sind für die parlamentarische Arbeit bestimmt und dürfen nicht einfach für Parteizwecke oder Wahlkämpfe verwendet werden. Sie schaffen dennoch eine dauerhafte politische Infrastruktur: Fraktionen können damit Personal beschäftigen, Räume anmieten, Veranstaltungen durchführen und eigene Medienangebote betreiben. Nach dem Finanzierungsbeschluss der Bremischen Bürgerschaft erhält jede Fraktion in der 21. Wahlperiode einen monatlichen Grundbetrag von 35.000 Euro. Hinzu kommen monatlich 4.600 Euro je Abgeordnetem sowie für Oppositionsfraktionen weitere 1.150 Euro je Mitglied. Bei sechs Abgeordneten ergibt sich für die BIW-Fraktion rechnerisch ein monatlicher Betrag von 69.500 Euro beziehungsweise 834.000 Euro im Jahr, sofern die Fraktionsstärke während des gesamten Jahres unverändert bleibt. Die genaue Summe verändert sich mit Ein- und Austritten. Die Berechnungsgrundlage ist im Beschluss der Bremischen Bürgerschaft festgelegt.
Die Bürgerschaft stellt den Fraktionen keine kostenlosen Geschäftsstellen, IT-Systeme oder vollständigen technischen Einrichtungen zur Verfügung. Entsprechende Kosten müssen aus den Fraktionsmitteln bezahlt werden. Die BIW-Fraktion unterhält damit eine Geschäftsstelle in der Bremer Innenstadt und finanziert einen eigenen Personal- und Kommunikationsapparat. Dazu gehören neben der Fraktionswebsite der Podcast „Inside Bremen“, Videoformate, Newsletter, Veranstaltungen, ein Bürgertelefon und thematische Kampagnen. Die Plattform „Tatort Bremen“ und die Initiative „Genug Bremen“ werden ausdrücklich als Projekte der Fraktion ausgewiesen. „Genug Bremen“ wurde mit Website, Plakaten, Anzeigen in sozialen Netzwerken und Flugblattverteilungen aufgebaut und mit parlamentarischen Anträgen verbunden. Für Gestaltung und technische Umsetzung griff die Fraktion auf die Firma Medien-Druckerei zurück. Das Unternehmen wird sowohl im Impressum von „Genug Bremen“ als auch auf der Fraktionswebsite genannt. Daraus ergibt sich eine belegte geschäftliche Dienstleistungsbeziehung, aber kein Nachweis einer ideologischen Übereinstimmung oder einer darüber hinausgehenden politischen Beteiligung des Unternehmens.
Die öffentlich finanzierte Fraktionsarbeit ermöglicht BIW damit eine kontinuierliche Präsenz weit über Redebeiträge im Parlament hinaus. Es entsteht ein eigener Medien- und Kampagnenapparat, der Themen auswählt, zuspitzt und über verschiedene Kanäle in die Öffentlichkeit trägt. Diese Reichweite beruht wesentlich auf den Ressourcen, die mit dem parlamentarischen Status verbunden sind.
Das Bundestagsmandat als zusätzliche Ressourcenquelle
Mit dem Bundestagsmandat von Sergej Minich verfügt die Bremer AfD seit 2025 erneut über eine erhebliche zusätzliche Infrastruktur. Bundestagsabgeordnete können Beschäftigte über ein monatliches Personalbudget finanzieren, das seit Mai 2026 bis zu 27.396 Euro beträgt. Das Geld wird nicht an die Abgeordneten ausgezahlt, sondern von der Bundestagsverwaltung unmittelbar für genehmigte Beschäftigungsverhältnisse verwendet. Hinzu kommen ein eingerichtetes Berliner Büro, Kommunikationsleistungen und eine jährliche Sachmittelpauschale von bis zu 12.000 Euro für Büro- und Informationstechnik. Die steuerfreie Aufwandspauschale von monatlich 5.467,27 Euro dient unter anderem der Unterhaltung eines Wahlkreisbüros und der Betreuung des Wahlkreises.
Diese Ansprüche bedeuten nicht, dass Minich jede Leistung vollständig abruft oder sämtliche Mittel in Bremen einsetzt. In seinem Bundestagsprofil ist derzeit nur das Berliner Büro aufgeführt. Ein öffentlich beworbenes Bremer Wahlkreisbüro mit regelmäßigen Öffnungszeiten ist nicht erkennbar. Auch Namen, Tätigkeitsorte und Aufgaben seiner Beschäftigten sind nicht vollständig öffentlich dokumentiert. Das Mandat schafft dennoch die finanzielle Möglichkeit, Personal und organisatorische Kapazitäten aufzubauen, die dem kleinen AfD-Landesverband aus seinem eigenen Haushalt nicht zur Verfügung stehen. Gerade vor dem Hintergrund der im Landesverband nicht ausgewiesenen Personalausgaben muss parlamentarische Mandatsinfrastruktur deshalb als eigenständige Ressource betrachtet werden.
BREWAG: Das Sicherheitsgewerbe im Umfeld von Bürger in Wut
AfD Watch Bremen dokumentierte bereits die Gründung der Bremer Wach- und Sicherheitsdienste GmbH, kurz BREWAG, durch die damaligen Bürger-in-Wut-Politiker Jan Timke und Piet Leidreiter. Damit waren führende Parteifunktionäre zugleich am Aufbau eines privaten Sicherheitsunternehmens beteiligt. Die Recherche „Rechtsradikale Abgeordnete gründen Sicherheitsunternehmen“ untersuchte diese personelle Verbindung zwischen Partei und Sicherheitswirtschaft.
Später wies AfD Watch Bremen nach, dass das Unternehmen zeitweise einen Akteur aus dem Umfeld der extrem rechten Bremer Gruppe Nordic 12 beschäftigte. Die Recherche „Sicherer shoppen mit Hitler“ machte damit sichtbar, dass ein kommerzielles Sicherheitsunternehmen aus dem politischen BIW-Umfeld zugleich Beschäftigungsmöglichkeiten für einen Angehörigen der extrem rechten Szene bot. Der historische Fall ist relevant, weil Sicherheitsunternehmen Zugang zu Veranstaltungen, Objekten und Kontrollaufgaben erhalten. Personelle Überschneidungen in diesem Bereich können daher eine besondere infrastrukturelle Bedeutung entwickeln. Aus den bislang ausgewerteten Quellen lässt sich jedoch nicht ableiten, dass die damaligen Verbindungen unverändert fortbestehen oder das heutige Unternehmen als rechte Organisation einzustufen wäre.
Musik, Versandhandel und Kampfsport als extrem rechte Ökonomie
Extrem rechte Infrastruktur besteht nicht ausschließlich aus Parteigeschäftsstellen. Der Bremer Verfassungsschutz beschreibt seit Jahren Überschneidungen zwischen gewaltorientierten Rechtsextremen, der Hooligan-, Rocker-, Musik- und Kampfsportszene. Ehemalige Hooligans wirken demnach als Verbindungspersonen zwischen diesen Milieus. Eine besonders langlebige Struktur ist die Bremer Rechtsrockband Endstufe. Auch bei gegenwärtig geringerer öffentlicher Aktivität bleiben ihre Musik und ihre Symbolik über den ESE Sound Shop verfügbar. Der weiterhin aktive Onlineshop verkauft Tonträger, Kleidung und weitere Fanartikel. Der Bremer Senat ordnete den Betreiber bereits in einer früheren Antwort als Rechtsextremisten mit Verbindungen zur rechten Hooliganszene ein.
Ein solcher Versandhandel erfüllt mehrere Funktionen gleichzeitig: Er verbreitet Musik und politische Codes, erhält Szenebindungen aufrecht und erschließt Einnahmen. Öffentlich bekannt ist jedoch nicht, welche Umsätze erzielt werden und wofür Gewinne verwendet werden. Die Existenz des Shops belegt daher eine fortbestehende kommerzielle Infrastruktur des Bremer Rechtsrockmilieus, nicht aber die Finanzierung bestimmter Organisationen. Der Bremer Verfassungsschutzbericht 2025 beschreibt außerdem Kampfsportveranstaltungen als Orte der Rekrutierung, Vergemeinschaftung und Geschäftstätigkeit. Einnahmen entstehen unter anderem über Eintrittskarten, Bekleidung, Trainingsangebote und Merchandising. Bremer Rechtsextremisten nahmen dem Bericht zufolge an entsprechenden Veranstaltungen teil und waren teilweise an deren Organisation beteiligt. Als regionales Beispiel nennt der Bericht den „West Side Cup“, der im Juli 2025 auf dem Gelände eines Rockerclubs im niedersächsischen Dünsen stattfand. Unter den Anwesenden befanden sich Rechtsextremisten aus Bremen und anderen Regionen. Obwohl der Veranstaltungsort außerhalb des Landes Bremen liegt, zeigt der Fall, dass die infrastrukturellen Räume der Szene nicht an Landesgrenzen enden.
Konkrete öffentlich zugängliche Bremer Fitnessstudios oder Sportvereine dürfen aus diesen allgemeinen Erkenntnissen nicht pauschal als extrem rechte Treffpunkte bezeichnet werden. Belegt ist jedoch, dass Rechtsextremisten öffentliche und szeneeigene Trainingsmöglichkeiten in Bremen und im Umland nutzen. Kampfsport schafft dabei körperliche Fähigkeiten, soziale Bindungen und Zugang zu überregionalen Netzwerken.
St. Martini als religiös-rechte Infrastruktur
Auch die religiöse Rechte verfügt in Bremen über eigene Räume und publizistische Strukturen. Die St.-Martini-Gemeinde ist dabei nicht deshalb relevant, weil sie eine christliche Gemeinde ist, sondern wegen ihrer dokumentierten Zusammenarbeit mit Organisationen und Akteuren der internationalen christlichen Rechten sowie ihrer Mobilisierung gegen sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung. Die Gemeinde verfügt mit Kirche, Gemeindehaus und Veranstaltungsräumen über eine dauerhaft nutzbare physische Infrastruktur. Hinzu kommen Website, Livestreams, Mediathek, Newsletter und soziale Netzwerke. Predigten und Veranstaltungen erreichen dadurch ein Publikum weit über Bremen hinaus. Am 25. April 2026 führte St. Martini unter dem Titel „Verfolgung?!“ eine Veranstaltung mit Stefan Felber vom Gemeindehilfsbund und Felix Böllmann von ADF International durch. Im Mittelpunkt standen rechtliche, mediale und gesellschaftspolitische Konflikte um konservative christliche Positionen. ADF International ist Teil eines international agierenden Netzwerks, das weltweit juristische und politische Kampagnen gegen Schwangerschaftsabbrüche sowie gegen Rechte von LGBTIQ*-Personen unterstützt.
Die Bremische Evangelische Kirche distanzierte sich ausdrücklich von der Veranstaltung und kritisierte den Import eines christlich-nationalistischen Kulturkampfes gegen Frauenrechte sowie gegen lesbische, schwule, bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen. Zugleich verwies sie auf die weitreichende Selbstständigkeit der Gemeinde. 2026 begann St. Martini zusätzlich mit dem Aufbau der „Christlichen Vereinigung St. Martini Bremen“. Über ein Nutzerkonto sollen Menschen unabhängig von einer kirchenrechtlichen Mitgliedschaft miteinander vernetzt werden. Geplant sind nach eigenen Angaben Onlinekurse, regionale Ansprechpersonen, Hauskreise, Hauskirchen und möglicherweise eigenständige Bekenntnisgemeinden. Die Gemeinde nennt selbst rund 1.100 tägliche Aufrufe ihrer Website, bis zu 45.000 Downloads einzelner Predigten und annähernd 75.000 Abonnent:innen ihres YouTube-Kanals. Diese Zahlen sind Selbstauskünfte und nicht vollständig unabhängig überprüfbar. Sie verdeutlichen jedoch den Anspruch, aus einer lokalen Gemeinde eine überregional wirksame digitale Gemeinschaft zu entwickeln.
St. Martini verbindet damit ein dauerhaft verfügbares Gebäude, religiöse Autorität, Spendeneinnahmen, professionelle Medientechnik und digitale Reichweite. Diese Infrastruktur ermöglicht nicht nur Gemeindearbeit, sondern auch die Verbreitung politisch aufgeladener antifeministischer und queerfeindlicher Deutungen sowie die Vernetzung mit Organisationen der internationalen christlichen Rechten. Eine direkte organisatorische Steuerung durch die AfD ist damit nicht belegt.
Digitale und mobile Strukturen
Nicht alle rechten Zusammenschlüsse verfügen über erkennbare Büros oder Vereinsräume. Gerade jüngere extrem rechte Gruppen organisieren sich über Messenger, soziale Netzwerke und kurzfristig bekannt gegebene Aktionen. Dadurch sinkt die Bedeutung dauerhaft sichtbarer Treffpunkte. Der Bremer Verfassungsschutz beschreibt die 2024 gegründete Gruppe „weserems.aktion“ als jungen, aktionsorientierten Zusammenschluss, der zugleich als verdeckt arbeitende Bremer Struktur der Jungen Nationalisten fungiert habe. Digitale Kanäle ermöglichten niedrigschwellige Kontaktaufnahme, interne Koordination und die öffentliche Inszenierung kleiner Aktionen. Nach Durchsuchungen wurde die Struktur nach Angaben des Verfassungsschutzes zerschlagen.
Auch Parteien kombinieren digitale und mobile Infrastruktur. Infostände benötigen keine dauerhaft betriebene Geschäftsstelle, aber Lagerfläche, Fahrzeuge, Pavillons, Druckerzeugnisse, Helfer:innen und organisatorische Vorbereitung. Fotos und Videos dieser Aktionen werden anschließend für soziale Netzwerke weiterverwendet. Die kurzfristige Straßenpräsenz liefert damit zugleich Material für eine länger anhaltende digitale Inszenierung politischer Aktivität. Der Verfassungsschutzbericht weist für Parteien wie Die Heimat in Bremen derzeit keine nennenswerte öffentliche Aktivität und für den III. Weg keine feste Bremer Organisationsstruktur aus. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass einzelne Anhänger:innen fehlen. Es zeigt aber, dass digitale Kleingruppen, überregionale Veranstaltungen und informelle Kontakte eine feste örtliche Parteistruktur teilweise ersetzen können.
Eine Infrastruktur aus unterschiedlichen Ressourcen
Die recherchierten Fälle ergeben kein Bild einer einzigen, zentral gesteuerten rechten Infrastruktur. Sichtbar werden vielmehr unterschiedliche Ressourcensysteme, die teilweise nebeneinander bestehen und sich punktuell überschneiden. Die Bremer AfD erscheint organisatorisch und finanziell vergleichsweise schwach. Sie verfügt über begrenztes eigenes Vermögen, weist keine Personalausgaben im Landesverband aus und unterhält derzeit kein öffentlich erkennbares dauerhaft geöffnetes Parteibüro. Zugleich erhält sie umfangreiche innerparteiliche Zuschüsse und kann über das Bundestagsmandat von Sergej Minich auf personelle und technische Ressourcen zugreifen, die im Landesparteietat nicht erscheinen.
Bürger in Wut profitierte 2023 von einem außergewöhnlich hohen Darlehen und personeller Unterstützung durch Bündnis Deutschland. Nach dem Einzug in die Bürgerschaft ermöglicht die öffentliche Fraktionsfinanzierung eine dauerhafte Geschäftsstelle sowie einen breit aufgestellten Medien- und Kampagnenapparat. Außerhalb der Parlamente stellen private Immobilien, Unternehmen, Versandhandel, Musik, Kampfsport, Rocker- und Motorradszenen sowie religiöse Institutionen weitere Räume und Ressourcen bereit. Der Waller Magnitz-Komplex, der Höns-Bunker mit der Motorradgruppe Bunker F-76, die historischen Verbindungen der BREWAG, der ESE Sound Shop und die digitale Expansion von St. Martini zeigen sehr unterschiedliche Formen politischer Infrastruktur.
Nicht jede Vermietung, Dienstleistung oder räumliche Überschneidung begründet ein politisches Bündnis. Entscheidend wird sie dort, wo regelmäßige Nutzung, personelle Verbindungen, finanzielle Abhängigkeiten oder gemeinsame politische Aktivitäten nachgewiesen werden können. Die kritische Beobachtung rechter Netzwerke muss deshalb über Wahlprogramme und öffentliche Reden hinausgehen. Wer politische Wirkung verstehen will, muss auch untersuchen, welche Räume geöffnet, welche Stellen finanziert, welche Medien betrieben und welche organisatorischen Ressourcen dauerhaft verfügbar gemacht werden.
Redaktion
AfD Watch Bremen
