Lührssen bei Lanz: Ausreden für den Schulterschluss mit Neonazis

Analyse und Kommentar · Sendung vom 4. September 2018

Bei „Markus Lanz“ verteidigte Hinrich Lührssen am 4. September 2018 die AfD gegen Kritik an ihrem gemeinsamen Aufmarsch mit Rechtsextremen in Chemnitz. Der Bremer Vorstandsfunktionär wich der Frage nach politischer Verantwortung aus. Beim Thema steigende Mieten rückte er Geflüchtete ins Zentrum seiner Erklärung. Der Auftritt zeigte, wie sich Verharmlosung nach rechts und Schuldzuweisung gegen Schutzsuchende ergänzen.

Hinrich Lührssen sitzt während seines Auftritts bei Markus Lanz im ZDF-Studio.
Hinrich Lührssen bei „Markus Lanz“ am 4. September 2018. Screenshot: ZDF; Archiv AfD Watch Bremen.

Markus Lanz befragte seinen früheren Journalistenkollegen zu dessen Engagement im Bremer AfD-Landesvorstand. Mit im Studio saß der Journalist und Rechtsextremismusexperte Olaf Sundermeyer. Die Diskussion verband Lührssens Parteientscheidung mit den Ereignissen in Chemnitz und der Frage, wie die AfD mit organisierten Rechtsextremen zusammenarbeitete. [1]

Chemnitz: Der Schulterschluss war sichtbar

Am 1. September 2018 hatten AfD und Pegida in Chemnitz zu einem sogenannten Trauermarsch mobilisiert. Teilnehmer:innen einer zuvor beendeten Kundgebung von „Pro Chemnitz“ schlossen sich an. Belltower.News dokumentierte offen auftretende Neonazis, einschlägige Kleidung und NS-verherrlichende Bezüge. Björn Höcke und weitere AfD-Funktionäre liefen in den vorderen Reihen. [2]

Der Vor-Ort-Bericht beschreibt zudem massive Angriffe auf Journalist:innen nach dem Ende der Demonstration. Auch das Belltower-Team wurde demnach von einer rechtsextremen Kampfsportgruppe eingeschüchtert. Die politische Zusammenarbeit und die Gewalt gegen Berichterstatter:innen gehörten zum konkreten Hintergrund der Fernsehdebatte. [2]

Olaf Sundermeyer während der Diskussion über Chemnitz und die AfD bei Markus Lanz.
Olaf Sundermeyer ordnete die Verbindungen zwischen AfD und extremer Rechter ein. „Markus Lanz“, 4. September 2018. Screenshot: ZDF; Archiv AfD Watch Bremen.

Höckes Verantwortung kleingeredet

In der Sendung wurden Aufnahmen von Angriffen auf Pressevertreter:innen gezeigt. Lanz fragte Lührssen nach Höckes Zusammenarbeit mit diesem Umfeld. Der Tagesspiegel dokumentierte seine Antwort: „Ich habe jetzt nicht gesehen, dass Björn Höcke da geschubst oder geschlagen hat.“ [1]

Damit verschob Lührssen den Maßstab. Die Frage galt der gemeinsamen politischen Mobilisierung mit Rechtsextremen. Seine Antwort machte Höckes eigene körperliche Gewalt zum entscheidenden Kriterium. Führungsverantwortung und gemeinsame Straßenpräsenz verschwanden hinter der Frage, wer persönlich zugeschlagen hatte. So ließ sich der organisierte Schulterschluss kleinreden.

Den gezeigten Angriff auf die Reporterin Sophia Maier bewertete Lührssen zwar als schlimm. Zugleich behauptete er später: „Niemand aus der AfD, soweit ich das überblicken kann, marschiert mit Menschen, die den Hitlergruß zeigen.“ Die Frankfurter Neue Presse hielt beide Reaktionen fest. [3]

Steigende Mieten: Geflüchtete werden zum Sündenbock

Lanz fragte auch nach den Antworten der AfD auf hohe Mieten, Umweltprobleme und den Wandel der Autoindustrie. Lührssen verknüpfte steigende Mieten mit der Unterbringung von mehr als einer Million Geflüchteten und einem dadurch verringerten Wohnraumangebot. Lanz hielt ihm internationale Kapitalströme und Spekulation entgegen. [3]

Die politische Funktion dieser Antwort liegt in der Schuldzuweisung: Menschen, die selbst Wohnraum brauchen, werden als Belastung für andere Wohnungssuchende dargestellt. Aus einer sozialen Frage wird ein Konkurrenzverhältnis zwischen Einheimischen und Geflüchteten. Die Verantwortung für bezahlbaren Wohnraum rückt hinter das migrationsfeindliche Deutungsmuster zurück.

Ein öffentlicher Auftritt mit politischer Funktion

Lührssen brachte seine Bekanntheit aus dem Fernsehen in die Verteidigung der AfD ein. Seine Antworten verbanden zwei Muster: Die Zusammenarbeit mit der extremen Rechten wurde verharmlost, ein sozialer Missstand über Zuwanderung erklärt. Diese Argumentation entlastete die Parteiführung und wies Menschen, die Schutz suchten, Verantwortung für gesellschaftliche Probleme zu.

Die Vorgeschichte behandeln unsere Beiträge zur Erweiterung des Bremer AfD-Landesvorstands und zum Interessenkonflikt zwischen Parteiamt und journalistischer Arbeit.

Nachgeschichte 2021: Die Erklärung vom politischen Rollenspiel

Im März 2021 erklärte Lührssen gegenüber Übermedien, er habe bei Lanz eine Rolle gespielt. Seine Parteitätigkeit stellte er im Zusammenhang mit seinem Buch als verdeckte Recherche dar. Übermedien prüfte diese Darstellung: Radio-Bremen-Regionalchef Frank Schulte widersprach der behaupteten Einweihung; ein Verantwortlicher von „stern TV“ bestätigte ein Gespräch über Pläne nach Bekanntwerden der AfD-Mitgliedschaft. Die Redaktion hatte die Zusammenarbeit dennoch wegen Lührssens Streben nach einer politischen Funktion ausgesetzt. [4]

Diese spätere Selbsterklärung gehört zur Geschichte des Auftritts. Die damals öffentlich verbreiteten Argumente bleiben daran zu messen, welche politischen Positionen sie verteidigten: Verharmlosung des rechten Schulterschlusses und Schuldzuweisung an Geflüchtete bei sozialen Problemen.

Redaktion
AfD Watch Bremen

Quellen und weiterführende Recherchen

Zeitgenössische Sendungsberichte, eine Vor-Ort-Dokumentation aus Chemnitz und die spätere Recherche zu Lührssens Selbstdarstellung.

[1] Der Tagesspiegel · Markus Ehrenberg · 5. September 2018

Chemnitz- und AfD-Debatte bei Markus Lanz

Zeitgenössischer Bericht zur Sendung vom Vorabend mit Lührssens Antwort auf die Frage nach Höckes politischer Verantwortung.

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