
Auf der Hauptseite der Homepage eine deutlich antisemitische Propaganda. Die NSDAP Darstellung eines Juden, hält hier die politischen Fäden in der Hand, an deren Ende Vertreter:innen der Bundesregierung willenlos gelenkt würden. So sollen sie Marionetten sein einer verborgenen jüdischen Übermacht. in neonazistischen Strömungen eine typisches Narrativ. Quelle: Screenshot, hoahe.de
NS-Propaganda mit Anschluss an die Bremer AfD
Auf der Internetseite hoahe.de wurden deutsche Politikerinnen zu Marionetten einer vermeintlichen jüdischen Macht erklärt. Die zentrale Figur der Bildmontage stammte aus der nationalsozialistischen Hetzpropaganda. Der damalige AfD-Beirat Gerald Höns verbreitete Links zu dem Angebot. Der Fall zeigt, wie antisemitische Feindbilder über persönliche Kontakte und kommunalpolitische Netzwerke weitergetragen wurden.
Überlebensgroß steht eine antisemitisch gezeichnete Figur hinter Angela Merkel und Ursula von der Leyen. Von ihren Händen führen Fäden zu den beiden Politikerinnen, deren Körper als bewegliche Puppen dargestellt sind. Darüber steht „Marionetten“. Die gesicherte Darstellung auf hoahe.de, über die bereits 2017 berichtet wurde, schreibt politische Macht einer als jüdisch markierten Instanz zu. Gewählte Politiker:innen erscheinen als deren willenlose Werkzeuge. Das Bild verbreitet damit den antisemitischen Mythos einer verborgenen jüdischen Herrschaft.
Die zentrale Figur wurde dem Plakat zur NS-Hetzausstellung „Der ewige Jude“ entnommen, die 1937 in München eröffnet wurde. Das United States Holocaust Memorial Museum dokumentiert dieses Plakat und seine Darstellung von Jüdinnen und Juden als vermeintliche Marxist:innen, Geldverleiher:innen und Unterdrücker:innen. Auf hoahe.de wurde diese historische Feindfigur mit Politiker:innen der Gegenwart verbunden. Die Montage aktualisierte nationalsozialistische Bildpropaganda für einen Angriff auf die demokratische Politik der Bundesrepublik.
Eine antisemitische Erklärung der Welt
Das Motiv bündelt eine zentrale Funktion des Antisemitismus: Gesellschaftliche Konflikte, wirtschaftliche Macht und politische Entscheidungen werden als Ergebnis einer angeblichen jüdischen Verschwörung gedeutet. Aus unterschiedlichen Menschen mit eigenen Interessen und Überzeugungen macht diese Ideologie ein einheitliches, feindliches Kollektiv. Sie unterstellt ihm zugleich umfassende Macht und moralische Verkommenheit. Der Forscher Michael Butter beschreibt die historische Verbindung zwischen Antisemitismus und Verschwörungserzählungen: Die Vorstellung einer jüdischen Weltverschwörung wurde im Nationalsozialismus zur Staatsideologie erhoben und zur Rechtfertigung der Verfolgung eingesetzt. Die Verwendung ihrer Bildsprache knüpft an diese Geschichte an.
Auch ein gesicherter Text auf hoahe.de bedient das Motiv der Fremdsteuerung. Dort wird Merkel als Marionette beschrieben, an deren Fäden „das internationale Kapital“ ziehe. Im selben Zusammenhang geht es um Kriege, Flucht und die vermeintlich fehlende Eigenständigkeit Deutschlands. Entscheidend für die antisemitismuskritische Einordnung ist das Zusammenspiel mit der Bildmontage: Sie gibt der behaupteten Macht im Hintergrund eine ausdrücklich antisemitische Gestalt. So werden politische und ökonomische Verhältnisse personalisiert und einer als jüdisch dargestellten Instanz zugeschrieben. An die Stelle einer Untersuchung konkreter Entscheidungen und Verantwortlichkeiten tritt ein umfassendes Feindbild.
Der Weg in die Waller Kommunalpolitik
Im damaligen Impressum von hoahe.de wurde Uwe Fastenau als Verantwortlicher genannt. Seine Verbindung zur AfD ist kommunalpolitisch dokumentiert: Laut Protokoll des Waller Beirats vom 6. Oktober 2015 benannte die Partei ihn als ihren Vertreter für den Fachausschuss „Soziales, Kinder, Jugend, Senioren und Migration“. Der Beirat stimmte dem Antrag bei drei Gegenstimmen zu. Damit erhielt Fastenau auf Vorschlag der AfD Zugang zur Arbeit eines Ausschusses, der sich unter anderem mit gesellschaftlicher Teilhabe und Migration beschäftigte.
Für Gerald Höns ist die Weiterverbreitung von Links zu hoahe.de dokumentiert. Die Fachjournalistin Andrea Röpke berichtete am 6. Juli 2017 bei Endstation Rechts, dass Höns solche Links an Beiratsmitglieder verschickte und direkten Kontakt zum Betreiber unterhielt. Die Waller Linksfraktion hatte ihn dem Bericht zufolge bereits aufgefordert, ihr keine weiteren entsprechenden Mails zu senden, und den antisemitischen Charakter der Seite benannt. Höns’ Rolle lag hier in der Verbreitung: Über seine Kommunikation als AfD-Beirat gelangte das Angebot in einen politischen Empfänger:innenkreis. Die institutionelle Einbindung Fastenaus und die Linkverbreitung durch Höns zeigen konkrete Verbindungen zwischen dem Angebot und der örtlichen AfD.
Reichsideologie und die Bedrohung jüdischen Lebens
Die Vorstellung eines fremdgesteuerten Deutschlands ist zugleich ein Anknüpfungspunkt für Reichsbürgerideologie und verwandte souveränistische Strömungen. Der Politikwissenschaftler Jan Rathje beschreibt in seiner Analyse zu „Reichsbürgern“ und Souveränismus deren gemeinsame Grundannahme: Hinter der bestehenden Ordnung stehe eine geheime Macht, von deren Herrschaft sich das eigene Volk befreien müsse. Antisemitische Verschwörungserzählungen geben diesem vorgestellten Gegner eine Identität. Die auf hoahe.de dokumentierte Verbindung von Marionettenmotiv, jüdischer Feindfigur und behaupteter Fremdsteuerung Deutschlands lässt sich in diesen ideologischen Zusammenhang einordnen. Sie richtet sich gegen demokratische Selbstbestimmung und macht Jüdinnen und Juden zu deren angeblichen Verhinder:innen.
Für Jüd:innen bedeutet eine solche Darstellung eine kollektive Feindmarkierung. Sie werden für politische Entwicklungen verantwortlich gemacht, unabhängig von ihren tatsächlichen Positionen oder Handlungen. Die Sozialpsychologin Pia Lamberty erläutert die Gefahren antisemitischer Verschwörungserzählungen, die jüdische Menschen als geheime Machthaber:innen darstellen. In einer solchen Weltsicht können Ausgrenzung und Angriffe als Gegenwehr gegen einen vermeintlich übermächtigen Gegner erscheinen. Die politische Bedeutung des Bremer Falls liegt deshalb sowohl im Inhalt als auch in dessen Verbreitung. Antisemitische Propaganda erhält zusätzliche Zugänge, wenn kommunalpolitische Akteure sie weitertragen. Ihr zu widersprechen heißt, die Gleichberechtigung, Sicherheit und selbstverständliche Zugehörigkeit jüdischer Menschen zu verteidigen.
Redaktion
AfD Watch Bremen

Zitat: „an deren Fäden das internationale Kapital zieht“. Dieser Begriff ist ein beliebter Code in der rechten Szene, der als Chiffre für vermeintlich jüdischen Einfluss genutzt wird. Auch wird mit dem Begriff „Marionetten“ eine Form der Entmenschlichung vorgenommen, durch die Zuschreibung Politiker:innen seien lediglich willenlose Objekte.


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