Moin Werder: Rechte Rocker, Hooligans und die Frage nach Tim Wieses Umfeld
Tim Wiese betont öffentlich seine Distanz zur extremen Rechten. Gleichzeitig zeigen Recherchen über Jahre wiederkehrende Kontakte des ehemaligen Werder-Torwarts zu Akteur:innen aus der Bremer Rocker- und Hooliganszene, die seit Langem mit rechten und rechtsextremen Strukturen verbunden sind. Besonders seine Freundschaft mit Heiko Dörfer und öffentliche Treffen mit Sascha Mahlstedt und Stefan Ahrlich führten schließlich dazu, dass sich Werder Bremen von seinem früheren Torwart distanzierte.
Heiko Dörfer, „Radikal Kameraden“ und Kategorie C

In einem im Oktober 2022 veröffentlichten Interview mit der Deichstube weist Heiko Dörfer, Gründer der „Radikal Kameraden Bremen“ und enger Freund des ehemaligen Werder-Torwarts Tim Wiese, eine Nähe zur extremen Rechten zurück. Dörfer bezeichnet sich als Patriot und erklärt, sein Motorradclub halte sich nicht mit Nazis auf. Zugleich bestätigt er den Kontakt zu Hannes Ostendorf, Sänger der Rechtsrockband „Kategorie C“.
Genau diese Verbindung ist für die politische Einordnung relevant: In einem 2021 unter dem Label „Die Firma“ veröffentlichten Musikvideo von Ostendorf treten Dörfer und weitere Akteur:innen aus dem rechten Rocker- und Hooliganmilieu auf. Die Deichstube verweist zudem auf einen Polizeieinsatz vom 5. Juni 2021, bei dem in Bremen-Walle etwa 70 Personen kontrolliert wurden. Viele trugen Kutten mit der Aufschrift „Radikale Kameraden Bremen“. Nach der von der DeichStube wiedergegebenen Polizeimeldung wurden Motorräder, Baseballschläger, Pyrotechnik und zwei CDs mit einem Hitler-Motiv sichergestellt; einige Anwesende ordnete die Polizei der rechtsextremen Szene zu. Dörfer erklärte gegenüber der Deichstube, sein Club sei dadurch zu Unrecht mit der rechten Szene in Verbindung gebracht worden.
Die Verbindung zu Ostendorf steht dabei nicht isoliert. Hannes Ostendorf gehört seit Jahrzehnten zur Bremer rechten Hooliganszene. Seine Band „Kategorie C“ ist eng mit diesem Milieu verbunden und spielte unter anderem bei den HoGeSa-Mobilisierungen eine zentrale Rolle. Auch die Bremer Gruppe „Standarte Bremen“, früher „Standarte 88“, gehörte über Jahre zum Kern der rechten Hooliganszene. Die taz rekonstruierte 2017 den Angriff rechter Hooligans auf antifaschistische Werder-Ultras im Januar 2007. Dabei wurden zahlreiche Personen verletzt. Hannes Ostendorf gehörte zu den zentralen Akteuren dieses Spektrums. Die formale Selbstauflösung der „Standarte Bremen“ im Jahr 2015 beseitigte diese persönlichen Netzwerke nicht; die taz dokumentierte im August 2015 fortbestehende Aktivitäten der Gruppe.
Bildbeschreibung der Videoauswertung
Die quadratische Montage verbindet mehrere Aufnahmen. Oben links ist ein Mann in einem weißen Polohemd zu sehen. Daneben steht eine von hinten fotografierte Person mit Motorradkutte und kurzen Hosen. Auf der Kutte steht „Radikal Kameraden Bremen“. Oben rechts zeigt ein schwarz-weißes Videostandbild mehrere Personen auf Bahngleisen in dichtem Rauch.
Rote Rechtecke markieren einen tätowierten Unterarm im Porträt, den Kopf und einen Unterschenkel in der Rückansicht sowie entsprechende Bildbereiche im oberen Videostandbild. Die Montage stellt diese Körperdetails für den Vergleich nebeneinander.
Das untere, größere schwarz-weiße Standbild zeigt eine Gruppe von Männern um ein Auto; mehrere Gesichter sind bedeckt. Ein weiterer roter Rahmen hebt einen tätowierten Arm hervor. Die eingeblendete Beschriftung nennt das Musikvideo „Starke Männer“, das Label „Die Firma“ sowie Hannes Ostendorf und Xavier Naidoo. Die damalige redaktionelle Zuordnung wird in der Bildunterschrift erläutert.
Wiese, Dörfer, Mahlstedt und Ahrlich

Tim Wiese bestätigte gegenüber der Deichstube seine Freundschaft mit Dörfer und erklärte zugleich: „Ich habe nichts mit der rechten Szene zu tun und positioniere mich auch ganz klar gegen Rechts.“ Dörfer kenne er über dessen Fitnessstudio in Lilienthal. Auf öffentlich verbreiteten Fotos ist Wiese jedoch nicht nur mit Dörfer, sondern auch gemeinsam mit Sascha Mahlstedt zu sehen. Mahlstedt gehörte zum Umfeld der rechten Hooliganszene um „Standarte Bremen“.
Auch Stefan Ahrlich zählt seit Jahren zu diesem Milieu. Die taz beschrieb Ahrlich bereits 2014 als einen Akteur an der Schnittstelle von Rocker-, Hooligan- und rechtsextremer Szene und dokumentierte seine Verbindungen zur „Standarte Bremen“, zu Hells-Angels-Kreisen und zu Hannes Ostendorf. In einer weiteren Recherche bezeichnete die taz Ahrlich als eine zentrale Figur der „Legion Bremen“, eines Rockermilieus mit deutlichen personellen Überschneidungen zu rechten Hooligans und Neonazis.
Gerade diese wiederkehrenden persönlichen Kontakte machen Wieses öffentliche Distanzierung von rechts erklärungsbedürftig. Eine Freundschaft mit einer Person aus einem rechten oder rechtsextremen Milieu macht Wiese selbst nicht automatisch zum Rechtsextremen. Ebenso wenig lässt sich aus einem einzelnen Foto eine politische Gesinnung ableiten.
Hier geht es jedoch nicht um ein einzelnes zufälliges Zusammentreffen, sondern um mehrere öffentlich dokumentierte Kontakte zu Personen, die seit Jahren in einem rechten Rocker- und Hooliganmilieu bekannt sind. Dass Wiese Dörfer ausdrücklich als Freund bezeichnet und sich wiederholt mit Akteur:innen aus diesem Spektrum zeigte, steht damit in einem offensichtlichen Spannungsverhältnis zu seiner Erklärung, mit der rechten Szene nichts zu tun zu haben.
Bildbeschreibung der Fotomontage
Die Montage besteht aus zwei kleineren Farbfotos oben und einem größeren Foto darunter. Die oberen Bilder zeigen Männer an einem Tisch im Außenbereich eines Lokals; im Hintergrund sind eine Straße und Blumen zu sehen. Die Personen wenden sich der Kamera zu.
Das untere Foto zeigt eine Tischrunde in einem Innenraum mit Backsteinwand. Auf dem Tisch stehen Gläser, Flaschen und Blumen. Die eingeblendeten Namen lauten von links nach rechts „Tim Wiese“, „Sascha Mahlstedt“ und „Heiko Dörfer“. Das Gesicht einer weiteren Person im Vordergrund links ist unkenntlich gemacht. Die Namensangaben stammen aus der vorhandenen Bildbeschriftung.
Werder Bremen und die rechte Hooligantradition
Der SV Werder Bremen kennt das Problem rechter Hooligans seit Jahrzehnten. Die Auseinandersetzungen zwischen antifaschistischen Ultras und rechten Hooliganstrukturen prägten die Fanszene über Jahre. Die taz beschrieb den Angriff von 2007 in ihrer Recherche von 2017 als einen Wendepunkt: Rechte Hooligans griffen eine Feier jüngerer antifaschistischer Ultras im Ostkurvensaal an und verletzten zahlreiche Menschen. Gruppen wie „Standarte Bremen“, die „City Warriors“ und andere Strukturen waren in den Jahrzehnten zuvor sichtbar im Stadionumfeld präsent. Werder positionierte sich später wiederholt öffentlich gegen Rechtsextremismus und beteiligte sich an Kampagnen unter dem Motto „Klare Kante gegen Nazis“.
Vor diesem Hintergrund ist die Frage berechtigt, wie der Verein mit prominenten ehemaligen Spielern umgeht, die öffentlich in einem rechten Milieu verkehren. Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald erklärte gegenüber der Deichstube, der Verein habe bereits zuvor ein deutliches Gespräch mit Wiese geführt und ihm seine Haltung gegen rechts unmissverständlich klargemacht.
Gleichzeitig sagte Hess-Grunewald, wer sich an die Stadionordnung halte, dürfe sich Spiele ansehen; eine „Gesinnungskontrolle“ an den Stadiontoren gebe es nicht. Damit beschrieb er die damalige Haltung des Vereins zum Stadionzugang. Politisch blieb die Frage, welche Konsequenzen Werder aus dem öffentlichen Auftreten eines prominenten ehemaligen Spielers ziehen würde. Wer öffentlich für Antirassismus und gegen rechte Gewalt eintritt, muss sich daran messen lassen, wie er mit bekannten Akteur:innen aus den entsprechenden Milieus umgeht.
Rechte Netzwerke verschwinden nicht durch Selbstauflösung
Die Bremer rechte Hooligan- und Rockerszene ist nicht dadurch verschwunden, dass einzelne Gruppen ihre Auflösung erklärten oder Logos und Kutten seltener offen gezeigt werden. Bereits ältere Recherchen dokumentieren, dass personelle Netzwerke fortbestanden. „Standarte Bremen“ erklärte 2015 ihre Auflösung, nachdem ein mögliches Vereinsverbot diskutiert worden war. Die taz berichtete jedoch auch danach über fortbestehende Aktivitäten und personelle Verbindungen. Akteur:innen aus diesem Umfeld tauchten weiterhin in Rockerstrukturen, bei Rechtsrockveranstaltungen, in der Sicherheitsbranche und im Nachtleben auf.
Genau darin liegt die Schwierigkeit solcher Szenen. Sie müssen nicht mehr geschlossen mit einem gemeinsamen Gruppenlogo auftreten, um als Netzwerk weiterzubestehen. Persönliche Freundschaften, gemeinsame Clubs, Fitnessstudios, Veranstaltungen und geschäftliche Kontakte können frühere Organisationsstrukturen ersetzen. Gerade deshalb reicht es nicht aus, nur auf offen sichtbare Kennzeichen wie ein „Kategorie C“-Shirt oder eine einschlägige Kutte zu reagieren. Wer die rechte Hooliganszene in Bremen ernsthaft zurückdrängen will, muss ihre personellen Kontinuitäten kennen und dort hinschauen, wo sich diese Akteur:innen heute bewegen.
Der Freimarkt macht den Widerspruch sichtbar
Mitte Oktober 2022, kurz nach der öffentlichen Debatte um Wiese und Dörfer, tauchten weitere Bilder auf. Sie zeigten Tim Wiese auf dem Bremer Freimarkt gemeinsam mit Stefan Ahrlich. Damit verschärfte sich die damalige Auseinandersetzung um seine öffentlich dokumentierten Kontakte. Der SV Werder Bremen reagierte darauf am 17. Oktober 2022 deutlich: Der Verein distanzierte sich offiziell von Tim Wiese „wegen dessen wiederholtem öffentlichen Umgang mit bekannten Personen aus dem rechten Milieu“.
Werder kündigte an, Wiese vorerst nicht mehr zu offiziellen Veranstaltungen einzuladen und ihn nicht mehr für die Traditionsmannschaft einzusetzen. Präsident Hess-Grunewald erklärte, der Verein habe Wiese bereits zuvor unmissverständlich vermittelt, dass ein solcher Umgang nicht zu den Werten des SV Werder passe.
Andreas Speit und Andrea Röpke dokumentierten die Begegnung auf dem Freimarkt am 20. Oktober 2022 in der taz und ordneten Ahrlichs langjährige Verbindungen zu rechten Hooligans und Rockerstrukturen ein.
Damit korrigierte Werder seine zunächst zurückhaltende Position selbst. Entscheidend war nicht eine behauptete Gesinnung Wieses, sondern dessen wiederholter öffentlicher Umgang mit bekannten Personen aus dem rechten Milieu. Genau darin liegt auch der Kern der Kritik. Niemand muss Tim Wiese eine rechtsextreme Überzeugung zuschreiben, um seine Kontakte problematisch zu finden. Entscheidend ist, dass ein prominenter ehemaliger Werder-Spieler wiederholt Nähe zu Personen zeigt, die seit Jahren im rechten Rocker- und Hooliganmilieu dokumentiert sind. Werder hat diesen Widerspruch schließlich selbst anerkannt und Konsequenzen gezogen.
Redaktion
AfD Watch Bremen
Quellen und weiterführende Recherchen
Kontakte zur rechten Szene? Tim Wiese und Werder reagieren
Enthält Wieses Distanzierung, Dörfers Erklärung zum Kontakt mit Ostendorf und Werders damalige Stellungnahme. Der inzwischen mehrfach aktualisierte Artikel kennzeichnet den ursprünglichen Bericht vom 2. Oktober 2022.
Bildmontage zur Auswertung von „Starke Männer“
Erhaltene Dokumentation der damaligen redaktionellen Personen- und Umfeldzuordnungen. Die Bildmontage ist von der Selbstauskunft Dörfers im Interview zu unterscheiden.
Ultras in Bremen: Fankurve wird nazifrei
Rekonstruktion des Überfalls auf antirassistische Fans im Januar 2007 und der Auseinandersetzungen zwischen rechten Hooligans und antifaschistischen Ultras. Erscheinungsjahr des Berichts: 2017.
Recherche zu Stefan Ahrlich, „Legion Bremen“, „Standarte Bremen“ und den Verbindungen zu Hannes Ostendorf sowie Hells-Angels-Kreisen.
Verbandelte Banden: Nazi-Rocker amtlich
Weitere Recherche zu Überschneidungen von Rocker- und Neonazimilieu im Bremer Umland. Ordnet Ahrlich als bekannte Figur der „Legion Bremen“ ein.
Dokumentiert rechte Hooliganaktivitäten und hält ausdrücklich fest, dass die „Standarte Bremen“ nach ihrer Auflösungserklärung von 2015 weiter aktiv war.
Der Rocker-Freund des Fußball-Stars
Recherche zu Wieses Begegnung mit Ahrlich auf dem Freimarkt, zu früheren Kontakten und zur Reaktion des SV Werder Bremen.
Werder distanziert sich von Tim Wiese
Primärquelle für die damalige Vereinsentscheidung: vorerst keine Einladungen zu offiziellen Veranstaltungen und keine Einsätze in der Traditionsmannschaft. Belegt die Position und Maßnahmen des Vereins.
Fotomontage: Wiese, Dörfer und Mahlstedt
Die im ursprünglichen Beitrag verwendete und beschriftete Fotomontage bleibt erhalten. Quellenangabe der damaligen Veröffentlichung: Facebook, 2021.
