Keine Bühne für Antifeminismus: Hotel Munte sagt Kelle-Auftritt ab

Archivbeitrag vom 25. August 2022

Der Verein Deutsche Sprache wollte Birgit Kelle am 1. September 2022 in Bremen auftreten lassen. Das Hotel Munte stornierte die Buchung. Die Einladung galt einer Publizistin, deren antifeministische Positionen und Verbindungen zur Neuen Rechten seit Jahren dokumentiert waren.

Birgit Kelle spricht in ein Mikrofon.
Birgit Kelle beim Symposium „Öffnung der Ehe – Folgen für alle“ am 20. Januar 2018 in Kelsterbach. Foto: Demo für Alle / Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0. Verwendete Fassung: beschnitten und gespiegelt; ebenfalls unter CC BY-SA 2.0.

Angekündigt war ein Vortrag für Donnerstag, den 1. September 2022, um 19 Uhr unter dem Titel „Genderpolitik ist das Problem, nicht die Lösung“. Veranstalter war der Verein Deutsche Sprache (VDS), Region 28 Bremen. Als Ort war das Hotel Munte am Stadtwald vorgesehen. Am 25. August dokumentierten wir die Absage auf der VDS-Website; der damals gesicherte Screenshot zeigt den Termin bereits als abgesagt. [1] [2]

Das Hotel fühlte sich über den Inhalt getäuscht

Nachdem wir die Hotelleitung auf die Veranstaltung angesprochen hatten, erklärte uns Detlef Pauls im August 2022, die Buchung sei unter der Bezeichnung „Dichterlesung mit Dr. Schönfeld“ erfolgt. Er bewertete diese Anmeldung als irreführend und warf dem Verein vor, das Hotel über den tatsächlichen Charakter der Veranstaltung getäuscht zu haben. Diese Darstellung stammt aus unserem damaligen Gespräch mit Pauls.

Pauls erklärte gegenüber unserer Redaktion außerdem, rassistischen und queerfeindlichen Veranstaltungen keine Räume geben zu wollen. Er kündigte eine genauere Prüfung entsprechender Buchungen an und verwies auf angepasste Geschäftsbedingungen. Nach unserer damaligen Recherche kam auch der anschließende Versuch, die Veranstaltung im Bremer Radisson Blu Hotel unterzubringen, nicht zustande.

Nachbericht vom 31. August 2022: Der VDS widersprach

Der Weser-Kurier berichtete sechs Tage später ebenfalls über die Absage. Dort erklärte Hotelinhaber Jan Pauls, die Veranstaltung sei als Dichterlesung angekündigt worden; unser Hinweis habe zur Stornierung geführt. VDS-Geschäftsführer Holger Klatte widersprach dem Vorwurf einer beabsichtigten Verschleierung: Der Verein habe die Inhalte nicht vertuschen wollen. Zugleich bestätigte er die Absage. Das Hotel begründete seine Entscheidung gegenüber der Zeitung mit seiner Ablehnung von Diskriminierung und den damit unvereinbaren Veranstaltungsinhalten. [2]

Antifeminismus mit bürgerlicher Reichweite

Die politische Ausrichtung Kelles war lange vor der Bremer Einladung Gegenstand fachjournalistischer Recherche. Ernst Kovahl dokumentierte 2015 im Magazin der rechte rand ihre regelmäßigen Beiträge für die neurechte Junge Freiheit seit 2010, ein Interview mit Götz Kubitschek in der Sezession und ihre Auftritte im Umfeld der CDU/CSU. Inhaltlich richteten sich ihre Interventionen unter anderem gegen die Frauenquote, sexuelle Vielfalt und eine von ihr behauptete „Frühsexualisierung“ in Schulen. [3]

Auch beim VDS gehörte die Kampagne gegen geschlechtergerechte Sprache zu einem weiter reichenden politischen Programm. Der Sprachwissenschaftler Stefan Hartmann beschrieb im Januar 2021 dessen Zusammenarbeit mit Agens e. V. bei den „5 Thesen zur Gendersprache“. Agens verband die Verteidigung traditioneller Geschlechterrollen mit Angriffen auf die Anerkennung unterschiedlicher sexueller Orientierungen. Hartmann ordnete die VDS-Rhetorik in rechtspopulistische und antifeministische Argumentationsmuster ein. [4]

Die Einladung Kelles führte diese Positionen zusammen: Der Sprachverein bot den organisatorischen Rahmen für eine Publizistin, die Gleichstellung und sexuelle Vielfalt zum politischen Feindbild machte. Ein Auftritt in einem etablierten Hotel hätte diesem Programm einen repräsentativen Ort verschafft. Darin liegt die politische Bedeutung solcher Raumbuchungen: Sie erleichtern die Präsentation rechter Positionen als gewöhnlichen Bestandteil des öffentlichen Kulturlebens.

Veranstaltungsräume sind eine politische Ressource

Wie rechte Organisationen versuchen, Räume unter unverfänglich klingenden Angaben zu buchen, hatte das Gastgewerbe-Magazin bereits vor dem Bremer Fall beschrieben. Der Fachbeitrag erläutert die Bedeutung einer Prüfung von Veranstaltungszweck und Vertragspartner:innen. Im Bremer Vorgang ging es zugleich um eine konkrete inhaltliche Entscheidung: Das Hotel Munte entzog einer antifeministischen Veranstaltung seine Räume und stellte sich öffentlich gegen Diskriminierung. [5] [2]

Redaktion
AfD Watch Bremen

Quellen und weiterführende Recherchen

Eigene Recherche vom August 2022, die dokumentierte Veranstalterankündigung und zeitgenössische Berichte. Der Widerspruch des VDS stammt aus dem Nachbericht des Weser-Kurier.

01 · Verein Deutsche Sprache · archiviert am 25. August 2022

Ankündigung mit Absagevermerk: Kelle-Vortrag in Bremen

Von uns gesicherter Screenshot der VDS-Website: Region 28 Bremen, 1. September, 19 Uhr, Vortragstitel und Absagevermerk. Eigenveröffentlichung des Veranstalters.

02 · Weser-Kurier · Kristin Hermann · 31. August 2022

Lesung mit umstrittener Autorin in Bremen abgesagt

Nachbericht mit Aussagen von Hotelinhaber Jan Pauls und VDS-Geschäftsführer Holger Klatte. Der VDS bestreitet eine beabsichtigte Verschleierung der Inhalte.

03 · der rechte rand · Ernst Kovahl · Ausgabe 155, Juli/August 2015

„Lady Gaga des Rechtspopulismus“

Recherche zu Kelles antifeministischen Positionen und ihren Verbindungen zwischen konservativem und neurechtem Milieu.