
Ann Katrin Magnitz und Lars Steinke (ganz links vorne) im Haus der Burschenschaft Hannovera in Göttingen. 21.5.2015 – Bildquelle: Thüringen Rechtsaussen
Ann-Katrin Magnitz: Rechte Vernetzung bis in den Landesvorstand
JA-Hochschulgruppe, ein Treffen mit Neonazis, identitäre Propaganda und eine Kandidatur für die Bremische Bürgerschaft: Ann-Katrin Magnitz’ politische Aktivitäten zeigen, wie durchlässig die Grenzen zwischen AfD-Nachwuchs, parlamentarischem Betrieb und außerparlamentarischer extremer Rechter waren.
Ann-Katrin Magnitz, Tochter des früheren Bremer AfD-Landesvorsitzenden Frank Magnitz, übernahm selbst politische Aufgaben: Sie gehörte zu den Mitgründer der Jungen Alternativen Hochschulgruppe in Kassel und absolvierte ein Praktikum bei der Thüringer AfD-Landtagsfraktion. In dieser Zeit nahm sie an einem Treffen mit der Neonazigruppe „Wir lieben Meiningen“ teil. Diese Stationen dokumentierten das Fachmagazin LOTTA und die taz. Ihre politische Bedeutung erschließt sich aus diesen eigenen Aktivitäten und den Funktionen, die anschließend hinzukamen.
Vom Hochschulverband zum Treffen mit Neonazis
Im September 2016 trafen Ann-Katrin Magnitz und Torben Braga, damals Mitarbeiter von Björn Höcke, Vertreter von „Wir lieben Meiningen“. Die Rechercheplattform Thüringen Rechtsaußen dokumentierte das Treffen anhand von Fotos und Veröffentlichungen der Gruppe. Deren Einbindung in die Neonaziszene war konkret sichtbar: Sie trat bei Rechtsrockveranstaltungen auf und vertrieb unter anderem Kleidung mit dem Motiv „HKNKRZ“. In ihrem eigenen Bericht schrieb die Gruppe Magnitz eine maßgebliche Rolle beim Zustandekommen der Zusammenkunft zu.
Magnitz erklärte ihre Teilnahme mit dem damaligen Praktikum; das Treffen habe der Vorbereitung einer Landtagsdebatte gedient. Diese Einlassung hielt AfD Watch Bremen im ursprünglichen Porträt fest. Gerade dieser angegebene Zweck macht den Vorgang politisch aufschlussreich: Eine Neonazigruppe wurde als Gesprächspartnerin für parlamentarische Arbeit aufgesucht. Der Nachwuchs der Partei lernte dabei einen Umgang mit der extremen Rechten kennen, der persönliche Begegnung und fachpolitischen Austausch miteinander verband.
Gemeinsame Aktionen in Bremen
Am 15. August 2017 war Ann-Katrin Magnitz auf dem Bremer Marktplatz an einer weiteren gemeinsamen Aktion beteiligt. Während des Auftritts von Bundeskanzlerin Angela Merkel verteilten Akteur aus AfD, Junger Alternative und Identitärer Bewegung Propagandamaterial. Zu der Gruppe gehörten neben ihr Frank Magnitz, Robert Teske, Marvin Mergard und der identitäre Aktivist Jonas Schick. AfD Watch Bremen dokumentierte die Zusammenarbeit und die beteiligten Personen.
Der Vorgang zeigt, wie sich die unterschiedlichen Strukturen im politischen Alltag ergänzten: Parteifunktionär, Nachwuchsaktivist und Identitäre traten gemeinsam im öffentlichen Raum auf. Magnitz beteiligte sich an dieser Praxis auch außerhalb ihres Thüringer Praktikums. Für die Geschichte der Bremer AfD ist das ein konkreter Beleg dafür, dass ihre Verbindungen zur Identitären Bewegung bis in den Kreis ihres eigenen Nachwuchses reichten.
Wie #120db Frauenrechte für rechte Propaganda vereinnahmte
2018 wirkte Magnitz im Video der Kampagne #120db mit. Diese griff Gewalt gegen Frauen auf und verknüpfte sie mit einer Mobilisierung gegen Migration. Belltower.News untersuchte die Kampagne und ihre identitären Hintergründe: Die Domain war auf Martin Sellner registriert, identitäre Kanäle verbreiteten das Video, mehrere Mitwirkende waren als IB-Aktivistinnen bekannt. Die Inszenierung als weiblicher Protest verlieh der Kampagne eine andere Ansprache als das übliche Auftreten der Organisation. Ihr politischer Kern blieb die Konstruktion einer durch Zuwanderung bedrohten europäischen Gemeinschaft.
Gegenüber VICE erklärte Magnitz, sie habe einmalig an #120db mitgewirkt, das Projekt anschließend nicht weiterverfolgt und keinen Kontakt zu IB-Mitgliedern. Ihre damalige Mitwirkung gab der Kampagne dennoch ein Gesicht aus dem AfD-Nachwuchs. Die kritische Bedeutung liegt in der politischen Verwendung des Themas: Gewaltbetroffene und ihre Erfahrungen wurden in eine Erzählung eingeordnet, die Herkunft zur entscheidenden Trennlinie zwischen Bedrohten und Bedrohung machte. Frauenrechte dienten damit als Begründung für Ausgrenzung.
Parteiaufstieg und politische Öffentlichkeitsarbeit
Im August 2018 wurde bekannt, dass der Bremer AfD-Landesverband Magnitz durch Kooptation in seinen Vorstand aufgenommen hatte. Gemeinsam mit Hinrich Lührssen und Uwe Felgenträger wurde sie in das bestehende Gremium berufen. AfD Watch Bremen dokumentierte die damalige Mitteilung der Partei. Auf die Aktivitäten in Kassel, Thüringen und auf dem Bremer Marktplatz folgte damit eine Funktion in der Landespartei. Ihre Laufbahn verband außerparlamentarische Vernetzung mit innerparteilichem Aufstieg.
Eine weitere Aufgabe beschrieb Frank Magnitz nach dem Angriff auf ihn im Januar 2019. Nach seiner Darstellung hatte seine Tochter die erste Pressemitteilung anhand seiner Angaben verfasst. Das berichtete die taz unter Berufung auf einen von ihm bestätigten internen Rundbrief. Die anfängliche AfD-Darstellung enthielt Angaben über einen Schlag mit einem Kantholz und anschließende Tritte, denen die Videoaufnahmen widersprachen. Frank Magnitz erläuterte zugleich, mit dem veröffentlichten Verletztenfoto Aufmerksamkeit und „mediale Betroffenheit“ erzeugen zu wollen. Seine Darstellung ordnet Ann-Katrin Magnitz eine operative Rolle in dieser Öffentlichkeitsarbeit zu; eine bewusste Erfindung des geschilderten Tathergangs durch sie ist damit nicht belegt.
Der angestrebte Einzug ins Parlament
Zur Bürgerschaftswahl am 26. Mai 2019 kandidierte Magnitz auf Platz fünf der AfD-Liste im Wahlbereich Bremen. In ihrem Kandidatinnenprofil bei abgeordnetenwatch stellte sie Bildungspolitik in den Mittelpunkt. Sie wandte sich gegen „Gleichmacherei“ und „Gefälligkeitspädagogik“ und warb für ein stärker gegliedertes Schulsystem. Im Wahlkampf präsentierte sie sich damit als bildungspolitisch profilierte Bewerberin. Ihre vorherigen Aktivitäten in extrem rechten Zusammenhängen gehören ebenso zu dieser Kandidatur wie ihre programmatische Selbstdarstellung.
Ein Bürgerschaftsmandat erreichte sie 2019 nicht. Das amtliche Wahlergebnis weist für sie 1.138 Personenstimmen aus. Auch der 2021 durch den Tod Mark Runges frei gewordene Sitz ging an einen anderen Kandidaten: Heinrich Löhmann nahm das Mandat am 28. Juli 2021 an. Magnitz’ dokumentierte Laufbahn bleibt ein Beispiel dafür, wie Nachwuchsarbeit in der AfD, Kontakte zu Neonazis und identitäre Kampagnen ineinandergreifen konnten. Mit ihrer Berufung in den Landesvorstand und ihrer Listenaufstellung erhielten diese Verbindungen eine unmittelbare Bedeutung für die Bremer Parteipolitik.

Ann katrin Magnitz und Torben Braga gemeinsam mit Neonazis der Gruppierung ‚Wir lieben Meiningen‚ – Bildquelle: Thüringen Rechtsaussen

Ann-Katrin Magnitz verteilt mit Akteuren von „IB“ und AfD, Propaganda während des Auftritts der Bundeskanzlerin. 15.08.2017, auf dem Marktplatz in Bremen. Hier mit dem ehemaligen Vorsitzenden der JA Bremen, Robert Teske

Auf der inzwischen von FB entfernten „IB Bremen“ Seite dient Ann-Katrin Magnitz (rechts) im Anschluss der Propaganda, dieser völkisch-nationalistischen Organisation. Bildquelle: FB, IB Bremen 15.08.2017

Ann-Katrin Magnitz (Mitte) bei der von verschiedenen AfD Verbänden inszenierten Propaganda-Veranstaltung am Bremer Goethetheater. 01/2019 Bildquelle: Recherche Nord

Ann-Katrin Magnitz 2019 während des Bundestagswahlkampfs in einem Bremer Gymnasium. Ihre Einlassungen zum Thema Migration stießen bei den SchülerInnen auf starke Ablehnung.
