Hotelstreit in Augsburg: Wie die AfD NS-Verfolgung für ihre Opferrolle benutzt
Archivbeitrag · Erstveröffentlichung: 8. Juni 2018 · Überarbeitet und um den späteren Parteitagsverlauf ergänzt.
Vor dem AfD-Bundesparteitag in Augsburg am 30. Juni und 1. Juli 2018 verweigerten Hotels einzelnen AfD-Politiker:innen die Aufnahme oder knüpften sie an Bedingungen. Der Landtagsabgeordnete Ralph Weber reagierte mit einem Gestapo-Vergleich. Damit wurde ein Streit um eine Hotelbuchung mit nationalsozialistischer Verfolgung aufgeladen. Wenige Wochen später beschwor Alexander Gauland auf dem Parteitag den Widerstand gegen ein vermeintlich untergehendes System.

Zwei Hotels, unterschiedliche Entscheidungen
Anfang Juni 2018 wurde bekannt, dass das Augsburger Hotel „Drei Mohren“ Ralph Webers Buchung storniert hatte. Das Unternehmen begründete seine Entscheidung mit Sicherheitsbedenken für die Gäste während des Parteitags. [1]
Beim „Holiday Inn Express“ betraf die Auseinandersetzung unter anderem Alexander Gauland und Alice Weidel. Die Betreiber verwiesen auf öffentliche Äußerungen gegen Menschen wegen ihrer Herkunft oder Abstammung und auf den Schutz von Beschäftigten und Gästen. [1]
Die Welt präzisierte ihren Bericht später: Das „Holiday Inn Express“ hatte ein Hausverbot unter Vorbehalt ausgesprochen; die Verträge bestanden fort. Eine schriftliche Zusicherung, den Hausfrieden zu wahren und Gäste sowie Beschäftigte vor Ort nicht wegen ethnischer, kultureller oder religiöser Merkmale anzugreifen, konnte das Verbot abwenden. [2]
Ralph Weber zieht den Gestapo-Vergleich
Ralph Weber, damals AfD-Abgeordneter in Mecklenburg-Vorpommern, erklärte gegenüber der Welt: „Aber dass das Hotel vier Wochen nach meiner Anfrage plötzlich die Buchung storniert, ist glatter Vertragsbruch.“ Dies erinnere ihn an „Gestapo-Methoden“. Der Vergleich bezog sich auf seine stornierte Buchung im „Drei Mohren“. Das RedaktionsNetzwerk Deutschland dokumentierte die Äußerung am 8. Juni 2018. [1]
Weber machte aus seiner Beschwerde über eine Unterkunft eine Erzählung politischer Verfolgung. Der Name der nationalsozialistischen Geheimpolizei rückte die Hotelentscheidung in die Nähe eines staatlichen Terrorapparats. So beanspruchte ein AfD-Funktionär die moralische Stellung eines Verfolgten und belegte die Verantwortlichen des Hotels mit einem historisch extrem belasteten Vorwurf.
Der Vergleich verharmlost staatlichen Terror
Die Gestapo verfolgte politische Gegner:innen, setzte Folter ein und konnte Menschen ohne gerichtliche Kontrolle in Konzentrationslager bringen. Sie war außerdem an der Organisation der Deportationen von Jüdinnen und Juden in die Vernichtungsstätten beteiligt. Das United States Holocaust Memorial Museum beschreibt diese Aufgaben als zentrale Bestandteile ihrer Tätigkeit im nationalsozialistischen Herrschaftsapparat. [3]
Wer die Stornierung eines Hotelzimmers mit diesen Methoden verbindet, verkleinert den historischen Terror zum austauschbaren Bild für eigene Kränkungen. Zugleich wird eine geschäftliche Entscheidung moralisch zum Verfolgungsakt hochgestuft. Die Opfer der Gestapo und ihre Erfahrungen werden für die Selbstdarstellung eines heutigen Politikers vereinnahmt.
Gaulands NS-Verharmlosung bildet den politischen Hintergrund
Bereits am 2. Juni 2018 hatte Gauland beim Bundeskongress der Jungen Alternative in Seebach Hitler und die Nationalsozialisten mit dem Ausdruck „Vogelschiss“ gegenüber einer vermeintlich erfolgreichen tausendjährigen deutschen Geschichte herabgestuft. Der Satz folgte auf ein Bekenntnis zur deutschen Verantwortung für die NS-Zeit, wie die Deutsche Welle dokumentierte. Gerade diese Verbindung machte die Relativierung sichtbar: Auf das Verantwortungsbekenntnis folgte die sprachliche Verkleinerung der nationalsozialistischen Herrschaft. [4]
Anetta Kahane kritisierte auf Belltower.News die Verachtung gegenüber den Opfern und beschrieb ein politisches Muster: Auf den Tabubruch folgen öffentliche Empörung und die Inszenierung des missverstandenen Politikers. In diesem Kontext bekam auch der Augsburger Hotelstreit seine Bedeutung. Die Auseinandersetzung um diskriminierende Aussagen wurde in eine Klage über die angebliche Verfolgung der AfD verschoben. [5]
Auf dem Parteitag folgt die Erzählung vom Widerstand
Auf dem Bundesparteitag am 30. Juni 2018 setzte Gauland die Diktaturvergleiche fort. Er verglich die damalige Bundesrepublik mit der DDR vor ihrem Ende, Angela Merkel mit Erich Honecker und die AfD mit dem Neuen Forum. Die taz dokumentierte außerdem eine Anspielung auf Hitler: Nach einer Aufzählung vermeintlicher außenpolitischer Gegner Deutschlands ließ Gauland den Vergleich mit einem früheren deutschen Regierungschef demonstrativ unausgesprochen. Die Delegierten reagierten mit Applaus. [6]
Der Politikwissenschaftler Jürgen P. Lang arbeitete in seiner Analyse für den Bayerischen Rundfunk die weitergehende Stoßrichtung heraus. Gauland forderte die Beseitigung eines ganzen politischen Apparats, verband seinen Volksbegriff mit Abstammung und Heimat und warnte vor einem „Bevölkerungsaustausch“. Damit griff er Sprache und Bedrohungsvorstellungen auf, die auch die „Identitäre Bewegung“ verbreitete. [7]
Die Kombination stellt demokratische Politik als fremdbestimmte Herrschaft dar und bietet der AfD die Rolle einer nationalen Befreiungsbewegung an. Politischer Widerspruch erscheint in dieser Erzählung als Repression; die eigene Radikalisierung erhält den Anschein legitimen Widerstands. Der Hotelstreit und die Parteitagsrede zeigten unterschiedliche Ausprägungen dieser Selbstermächtigung.
Tausende widersprechen der rechten Opferinszenierung
Am 30. Juni protestierten Tausende gegen den Parteitag. „Aufstehen gegen Rassismus“ dokumentiert die Beteiligung und Redebeiträge, darunter einen Beitrag von Cornelia Kerth für die VVN-BdA. Der Aufruf stellte die Solidarität mit Menschen in den Mittelpunkt, die durch rassistische und andere menschenfeindliche Positionen der AfD ausgegrenzt werden. [8]
Darin lag der politische Gegenentwurf zur Opferrolle der Partei: Die Aufmerksamkeit galt den Menschen, gegen die rechte Politik mobilisiert. Die Geschichte nationalsozialistischer Verfolgung begründet Verantwortung für deren Schutz. Ihre Umdeutung zum Instrument persönlicher Empörung über ein Hotelzimmer entwertet diese Verantwortung.
Berichtigung: Die ursprüngliche Fassung schrieb den Gestapo-Vergleich fälschlich Alexander Gauland zu. Er stammt von Ralph Weber. Der Parteitag fand am 30. Juni und 1. Juli 2018 statt. Die Hotelentscheidungen sind hier nach der korrigierten Berichterstattung getrennt dargestellt. [1] [2]
Redaktion
AfD Watch Bremen
Quellen und weiterführende Recherchen
Zeitgenössische Berichte zum Hotelstreit und Parteitag, historische Fachinformation zur Gestapo und die Dokumentation des zivilgesellschaftlichen Gegenprotests.
Augsburg: Hotel „Drei Mohren“ will keine AfD-Gäste
Dokumentiert Webers Äußerung und die Hotelbegründungen. Für den korrigierten Status beim Holiday Inn Express siehe Quelle 2.
Hotel weigert sich, AfD-Spitzen zu beherbergen
Ursprüngliche Recherche mit Korrekturhinweis: Hausverbot unter Vorbehalt beim Holiday Inn Express und fortbestehende Verträge.
Historische Fachinformation zu Verfolgung, Folter, unkontrollierter Haft und der Beteiligung der Gestapo an den Deportationen.
„Vogelschiss in der Geschichte“
Zeitgenössische Dokumentation von Gaulands Äußerung beim JA-Bundeskongress einschließlich des vorausgehenden Verantwortungsbekenntnisses.
Kritische Einordnung der NS-Verharmlosung und des Musters aus Tabubruch, Empörung und anschließender Opferinszenierung.
Die Rechte diskutiert Sozialpolitik
Parteitagsbericht mit Gaulands DDR-Vergleichen, seiner Hitler-Anspielung und den Reaktionen der Delegierten.
Analyse von Gaulands völkischem Volksbegriff, seiner System- und Widerstandsrhetorik sowie der Nähe zur Sprache der Identitären.
Unsere Alternative ist Solidarität
Aufruf und Rückblick auf die Augsburger Gegenproteste mit dokumentierten Redebeiträgen; Quelle aus dem organisierenden Bündnis.
