Nationalismus ohne Grenzen

Wie extrem rechte Netzwerke aus dem Ausland auf Bremen wirken

Rechtsextremismus in Bremen ist Teil einer grenzüberschreitenden politischen Infrastruktur. Ideologien, Kampagnen, Medieninhalte, Organisationsmodelle und Gewaltkonzepte gelangen aus den USA, Österreich, Frankreich, Italien, Russland und weiteren Staaten in die Stadt. Bremer Akteur:innen greifen sie auf, verbreiten sie weiter und binden sich an internationale Partei-, Verlags-, Musik-, Kampfsport- und Online-Netzwerke. Der aktuelle Bremer Verfassungsschutzbericht 2025 dokumentiert dafür konkrete lokale Knotenpunkte: den auf dem Telefon eines Bremer Rechtsextremisten gefundenen „NLM Terror Guide“, das aus der US-amerikanischen Hammerskin-Struktur hervorgegangene Bremer „Chapter“, die Beteiligung von Bremer Rechtsextremist:innen an europäischen Kampfsportveranstaltungen, österreichische Publikationskontakte eines führenden AfD-Funktionärs und russische Desinformation in extremistischen Bremer Chatgruppen.

Die Einflusswege reichen von offen organisierten Verbänden bis zu digital verbreiteten Ideologiefragmenten. US-amerikanische Alt-Right-Milieus liefern Meme-Kultur, Plattformen und terroristische Schriften. Die französische Nouvelle Droite und die aus Frankreich und Österreich aufgebaute Identitäre Bewegung prägen Begriffe wie „Großer Austausch“, „Festung Europa“ und „Remigration“. Italienische Neofaschist:innen wirkten am Aufbau einer europäischen Rechtsaußen-Kampfsportszene mit. Russische Akteur:innen verbreiten ultranationalistische Organisationsangebote und staatlich gestützte Desinformation. Die AfD verbindet sich über europäische Parteistrukturen institutionell mit Rechtsaußenparteien aus mehreren Staaten. Hinzu kommt die türkisch-rechtsextreme Ülkücü-Bewegung mit einem eigenen Vereinsnetz und rund 450 Anhänger im Land Bremen.

Internationaler Bezug Einflussweg nach Bremen Dokumentierter Bremer Knoten
USA Alt-Right-Imageboards, „Siege“-Ideologie, akzelerationistische Terrorpropaganda „NLM Terror Guide“ auf dem Telefon eines Bremer Rechtsextremisten; Kontakt zu einem Anschlagsrekrutierer
USA und Europa Hammerskin Nation, Rechtsrock, internationale Konzerte 1993 gegründetes „Hammerskin-Chapter Bremen“
Frankreich und Österreich Identitäre Bewegung, Nouvelle Droite, „Großer Austausch“, „Defend Europe“, „Remigration“ Bremer JA verbreitete identitäre Kampagnen; AfD-Funktionäre nahmen an IB- und Antaios-Veranstaltungen teil
Österreich neurechte Publizistik und FPÖ-nahes Medienmilieu Gastbeiträge des stellvertretenden Bremer AfD-Landesvorsitzenden im Magazin „Freilich“
Italien und Russland neofaschistische und White-Power-Kampfsportnetzwerke Teilnahme und teilweise organisatorische Beteiligung Bremer Rechtsextremist an europäischen Turnieren
Russland NOD, Storm-1516, kremlfreundliche Desinformation NOD-Symbolik und ein Bremer Ableger im AfD-Watch-Material; Storm-1516-Inhalte in extremistischen Bremer Chats
Europäische Union Fraktion und Partei „Europa der Souveränen Nationen“ institutionelle Einbindung der AfD und damit auch ihres Bremer Landesverbandes
Türkei und Europa MHP, ADÜTDF und ATIB vier zugeordnete Vereine, ein Großkonzert und rund 450 Anhänger im Land Bremen

USA: Alt-Right-Kultur und terroristischer Akzelerationismus

Die US-amerikanische Alt-Right hat eine politische Kommunikationsform internationalisiert, in der Rassismus, Antisemitismus, Frauenhass und Gewaltfantasien als Witz, Meme oder kalkulierte Provokation auftreten. Zu ihren wichtigsten digitalen Räumen gehören die Imageboards 4chan und 8kun. Sicherheitsbehörden beschreiben beide Plattformen ausdrücklich als bedeutsam für die Verbreitung rechtsextremistischer Ideologien. Anonymität und „Troll-Kultur“ schaffen dort Echokammern, in denen Verschwörungserzählungen, rassistische und antisemitische Inhalte sowie Gewaltverherrlichung zirkulieren. Eine Inhaltsanalyse von 6.000 Beiträgen auf Reddit, 4chan und 8chan ordnete diese Räume der Alt-Right zu und stellte in 24 Prozent der untersuchten Kommentare offene oder codierte Hassrede fest. Die Studie erschien 2021 in „Social Media + Society“.

In Bremen reicht dieser Einfluss bis in rechtsterroristische Online-Subkulturen. Im Zentrum der sogenannten „Siege“-Ideologie steht die Vorstellung einer weißen Vorherrschaft und eines herbeizuführenden „Rassenkriegs“. Grundlage ist das Buch „Siege“ des US-amerikanischen Rechtsextremisten James Mason, dessen Weltbild durch Antisemitismus, Rassismus und Holocaustleugnung geprägt ist. Die ebenfalls in den USA entstandene „Atomwaffen Division“ verschaffte den Texten ab etwa 2016 internationale Reichweite. Memes, Videos, Symbole und digitale Ableger überführten Masons Anschlagsvorstellungen in eine jugendaffine Online-Kultur.

Auf dem Telefon eines Bremer Rechtsextremisten wurde der „NLM Terror Guide“ der weltweit aktiven akzelerationistischen Gruppierung „No Lives Matter“ gefunden. Das Pamphlet enthält Anleitungen zum Bau von Spreng- und Brandvorrichtungen, zum Messerkampf und zur Jagd auf Menschen. Der Bremer stand zugleich mit einem Angehörigen der sogenannten Attentäter-Fanszene in Kontakt. Dieser versuchte, ihn zu einem rechtsterroristischen Anschlag im Land Bremen zu bewegen. Der dokumentierte Austausch zielte auf die Tötung von Menschen, deren filmische Aufzeichnung und die anschließende propagandistische Verwertung. Damit wird aus dem transnationalen Online-Milieu ein konkreter Rekrutierungs- und Anschlagsraum in Bremen. Ein zweiter US-amerikanischer Organisationsimport wirkte mehr als drei Jahrzehnte in der Stadt. Die „Hammerskin Nation“ entstand 1988 in den Vereinigten Staaten und verbreitete sich als international organisierte neonazistische Bruderschaft. Ihre Mitglieder verstehen sich als Elite der rechtsextremen Skinhead-Subkultur; eine an den Nationalsozialismus angelehnte Rassenlehre gehört zu ihrem ideologischen Kern. 1993 entstand das „Hammerskin-Chapter Bremen“. Konzerte, Musikvertrieb, Mitgliedsbeiträge und Merchandising verbanden ideologische Schulung, Szeneökonomie und internationale Vernetzung.

Das Bundesinnenministerium verbot 2023 die behauptete bundesweite Vereinigung „Hammerskins Deutschland“, die regionalen „Chapter“ und die „Crew 38“. Das Bundesverwaltungsgericht hob das Verbot am 19. Dezember 2025 auf, weil es keine den regionalen „Chaptern“ übergeordnete bundesweite Vereinigung in der vom Ministerium angenommenen Form feststellen konnte. Über die materiellen Verbotsgründe entschied das Gericht deshalb nicht. Das Urteil beschreibt zugleich die Herkunft aus den USA, die internationale Hammerskin-Struktur, europäische „Officers Meetings“, grenzüberschreitende Konzerte und das internationale „Hammerfest“. Das Urteil nennt das Bremer „Chapter“ ausdrücklich als Kläger. Neun Tage nach der Entscheidung gab das Bremer „Chapter“ am 28. Dezember 2025 seine Auflösung bekannt.

Frankreich und Österreich: Begriffe, Kampagnen und Kader der Neuen Rechten

Die Identitäre Bewegung ist selbst das Ergebnis eines politischen Imports. Die deutsche Organisation entstand 2012 als Ableger der französischen „Génération Identitaire“. Diese ging aus dem französischen „Bloc identitaire“ hervor und verband ethnischen Nationalismus mit professioneller Bildsprache, Social-Media-Kampagnen und spektakulären Aktionen. Frankreich löste „Génération Identitaire“ 2021 auf. Der französische Staatsrat bestätigte, dass die Organisation eine Ideologie verbreitete, die zu Hass und Gewalt gegen ausländische und muslimische Menschen anstachelte. Die Entscheidung des Conseil d’État beschreibt ihre rassistische Mobilisierung.

Für das Bremer AfD- und JA-Umfeld wurde die österreichische Identitären-Führung um Martin Sellner zu einem zentralen Bezugspunkt. AfD Watch Bremen beschrieb bereits 2017, wie sich die neu gegründete Bremer JA auf die von Sellner geprägte Organisations- und Kampagnenstrategie bezog. Die Kontakte liefen über die Identitären in mehreren Bundesländern, gemeinsame Veranstaltungen und digitale Propaganda. Die AfD-Watch-Recherche „Identitäre Bewegung und Junge Alternative“ zeichnete diesen Transfer früh nach. Die übernommenen Begriffe sind selbst transnational. Die Verschwörungserzählung vom „Großen Austausch“ geht auf den französischen Autor Renaud Camus zurück. In der deutschen und österreichischen Neuen Rechten wurde sie in die Behauptung übersetzt, politische Eliten betrieben den Austausch einer ethnisch gedachten europäischen Bevölkerung durch Migration. Das 2019 veröffentlichte Gutachten des Bundesamtes für Verfassungsschutz zur AfD dokumentierte für die JA Bremen die Losung „Stoppt die Islamisierung – Stoppt den Großen Austausch!“. Dasselbe Gutachten hielt fest, dass die JA Bremen am 5. August 2017 einen Beitrag des damaligen Identitären-Regionalleiters Jonas Schick verbreitete, der seinen Podcast unter Bezug auf die transnationale IB-Kampagne „Defend Europe“ bewarb. Netzpolitik veröffentlichte das vollständige Behördenpapier.

AfD Watch Bremen dokumentierte 2017 und 2018 zusätzlich gemeinsame Auftritte von Bremer AfD-, JA- und Identitären-Akteur sowie die Beschäftigung Schicks im Bremer Abgeordnetenbüro des damaligen AfD-Bundestagsabgeordneten Frank Magnitz. „AfD-Chef mit Identitären beim Merkel-Auftritt“ und „Unter identitärer Leitung“ zeigen, wie der internationale identitäre Kampagnenrahmen über Personal und Parteiinfrastruktur in Bremen verankert wurde.

Der österreichische Einfluss reicht bis in die gegenwärtige Führung des Bremer AfD-Landesverbandes. Der stellvertretende Landesvorsitzende und frühere JA-Landesvorsitzende nahm 2017 an einer Demonstration der Identitären Bewegung in Berlin teil. Am 5. Juli 2025 besuchte er gemeinsam mit weiteren Bremer AfD-Mitgliedern das Sommerfest des rechtsextremistischen Verlags Antaios. In den Jahren 2023 und 2024 veröffentlichte er Gastbeiträge in der österreichischen Online-Zeitschrift „Freilich“. Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes ordnet das Blatt als Nachfolger der „Aula“ ein, des langjährigen publizistischen Flaggschiffs der österreichischen extremen Rechten. Das DÖW dokumentiert die Gründung von „Freilich“.

In einem Beitrag vom 13. August 2023 verlangte der Bremer AfD-Funktionär eine „Festung Europa“ und stellte Migration als Gefahr für den „ethnisch-kulturellen Fortbestand“ der europäischen Bevölkerung dar. Der Bremer Verfassungsschutz wertet seinen Aufstieg zum stellvertretenden Landesvorsitzenden als Hinweis auf den wachsenden Einfluss der Neuen Rechten im Landesverband. Die österreichische Publikationsplattform transportiert damit nicht nur Inhalte nach Bremen: Ein Bremer Funktionär speist seine völkische Europapolitik selbst in das grenzüberschreitende Mediennetz ein und führt sie in die lokale Partei zurück.

Frankreichs Nouvelle Droite im Bremer Nachleben

Der aus Bremen stammende Weg von Jonas Schick zeigt eine weitere Route des Ideologietransfers. Schick war in der Jungen Alternative Bremen und bei den Identitären aktiv und arbeitete für Frank Magnitz. Später wurde er Herausgeber der Zeitschrift „Die Kehre“ und Vertreter des Oikos-Verlags, der seit 2023 zum Jungeuropa-Verlag gehört. Die von apabiz veröffentlichte Untersuchung „Extrem rechte Publizistik“ beschreibt „Die Kehre“ als völkisch-ökologisches Projekt, das mit der AfD und weiteren Organisationen des extrem rechten „Vorfelds“ eng vernetzt ist.

Jungeuropa übersetzt und verbreitet ältere eurofaschistische und nationalrevolutionäre Literatur. Zum Programm gehören der französische Faschist Pierre Drieu la Rochelle, der militante Rechtsextremist und Nouvelle-Droite-Vordenker Dominique Venner sowie Alain de Benoist. Der Verlag unterhält Kontakte zum Pariser Institut Iliade, das Veranstaltungen und Publikationen für die französische Nouvelle Droite organisiert. So werden französische Ideologieproduktion, deutsche Verlagsarbeit und eine in Bremen begonnene politische Laufbahn miteinander verbunden. Über Bücher, Magazine, Podcasts und AfD-nahe Veranstaltungen gelangen Vorstellungen von ethnischer Homogenität, Antiliberalismus und einem nationalistisch neu geordneten Europa in den deutschsprachigen Diskurs.

Italien und Russland: White-Power-Kampfsport als europäisches Netzwerk

Die Internationalisierung der gewaltorientierten Szene lässt sich besonders deutlich am Kampfsport nachvollziehen. Der russische Rechtsextremist Denis Kapustin, auch bekannt als Denis Nikitin, baute mit seiner Marke „White Rex“ seit 2011 ein Kampfsport- und Bekleidungsnetzwerk auf. Die Marke verband weiße Vorherrschaft, martialische Ästhetik, Hooliganmilieus und kommerzielle Szeneangebote. Ab 2013 weitete Kapustin das Modell nach Westeuropa aus.

Ein Ausgangspunkt war das römische Festival „Tana delle Tigri“ der in der Forschung als neofaschistisch eingeordneten Bewegung CasaPound. 2013 ergänzte CasaPound sein aus Hatecore-Konzerten entstandenes Format erstmals um einen internationalen Kampfsportwettbewerb; White Rex trat als Sponsor auf. Wenige Monate später entstand in Deutschland der „Ring der Nibelungen“, später „Kampf der Nibelungen“. Weitere Veranstaltungen folgten in Frankreich, Griechenland und anderen europäischen Staaten. Die Fachstudie „White Rex, White Nationalism, and Combat Sport“ beschreibt dieses Geflecht als transnationale weiße-nationalistische Kulturszene, in der Veranstalter, Marken, Kämpfer und Delegationen länderübergreifend zusammenarbeiten.

Der Bremer Verfassungsschutz stellt den lokalen Anschluss her. Nachdem Verbote und Ermittlungsdruck Veranstaltungen in Deutschland erschwerten, verlagerte sich der „Kampf der Nibelungen“ ins Ausland. Ersatzveranstaltungen wie die „European Fight Night“ 2023 und der „Day of Glory“ 2024 stärkten die europaweite Vernetzung. Rechtsextremist aus Bremen nahmen nach Behördenangaben an mehreren dieser Veranstaltungen teil und waren teilweise an deren Organisation beteiligt. Das italienisch-russisch geprägte Kampfsportmodell wirkt damit als praktische Infrastruktur in die Bremer Szene: Es verbindet körperliches Training, Gewaltbereitschaft, Rekrutierung, Merchandising und internationale persönliche Kontakte.

Russland: ultranationalistische Organisation und staatliche Desinformation

Russischer Einfluss auf die extreme Rechte in Bremen verläuft über zwei miteinander kompatible Stränge: ultranationalistische Bewegungen und staatlich beziehungsweise staatsnah organisierte Desinformation. AfD Watch Bremen dokumentierte 2021 im Telegram-Netzwerk „Ich wohne in Bremen“ einen Administrator unter dem Namen „Peter Langemark“, dessen Profil das Flaggenband der russischen „Nationalen Befreiungsbewegung“ NOD zeigte. NOD vertritt einen autoritären russischen Ultranationalismus, Antiamerikanismus und die Vorstellung eines von äußeren Mächten kontrollierten Russlands. Nach der Recherche existierte auch in Bremen ein Ableger, der am Hauptbahnhof obdachlose Menschen für seine demokratiefeindliche Agenda zu instrumentalisieren versuchte. „Auf Worte folgen Taten“ verortete diese NOD-Verbindung in einem Telegram-Geflecht aus Reichsbürger, Holocaustleugner, militanten Neonazis und der radikalisierten „Querdenken“-Szene.

Seit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim 2014 und dem russischen Großangriff auf die Ukraine 2022 wurden kremlfreundliche Erzählungen zu einem verbindenden Element verschiedener antidemokratischer Milieus. Autoritäre Herrschaft erscheint darin als Gegenmodell zu liberaler Demokratie; NATO, Europäische Union, pluralistische Gesellschaft und die Westbindung der Ukraine werden als Feindbilder behandelt. „Mit Putin gegen die Impfpflicht“ dokumentierte 2022 den Auftritt des damaligen Bremer AfD-Abgeordneten Heiner Löhmann mit AfD-Funktionären aus dem Landkreis Diepholz in einer rechten Protestszene in Syke, in der kremlfreundliche Deutungen des russischen Angriffskrieges verbreitet wurden. Weitere AfD-Watch-Beiträge zeichneten die Verbindung von Reichsbürgerideologie, Antisemitismus und Anti-NATO-Erzählungen nach.

Im Bundestagswahlkampf 2025 erreichten russische Einflussoperationen auch extremistische Bremer Kommunikationsräume. Nach Angaben des Bremer Verfassungsschutzes kursierten dort KI-generierte Videos, Texte und Bilder. Inhalte des russischen Desinformationsnetzwerks „Storm-1516“ wurden in extremistischen Bremer Chatgruppen weiterverbreitet. Die Kampagne arbeitete mit fingierten Nachrichtenangeboten und falschen Videos und griff rassistische, antimuslimische und queerfeindliche Erzählungen auf. Das Bundesinnenministerium warnte vor der Einflussoperation; internationale Recherchen dokumentierten zusätzlich ihre Verstärkung durch AfD-nahe und pro-russische Accounts. Alliance4Europe analysierte die Verbreitungswege vor der Bundestagswahl.

Der Bremer Verfassungsschutz nennt als besonders anschlussfähig Akteur der Neuen Rechten, Teile der AfD, Reichsbürger und demokratiefeindliche Protestmilieus aus der Pandemiezeit. In diesen Räumen treffen russische Desinformation und bereits vorhandener Rassismus, Antisemitismus, Queerfeindlichkeit sowie Institutionenfeindschaft aufeinander. Das Material aus Russland liefert aktuelle Anlässe, Bilder und Falschbehauptungen; lokale und überregionale Akteur übernehmen deren Verbreitung.

Europäische Parteiallianzen: institutionelle Macht für Rechtsaußen

Der grenzüberschreitende Einfluss beschränkt sich nicht auf Vorfeldorganisationen. Seit Juli 2024 ist die AfD die führende Kraft der Fraktion „Europa der Souveränen Nationen“ im Europäischen Parlament. Die daraus hervorgegangene gleichnamige europäische Partei listete im Juni 2026 neben der AfD unter anderem „Wiedergeburt“ aus Bulgarien, „Neue Hoffnung“ aus Polen, „Republika“ aus der Slowakei, die tschechische SPD, Reconquête aus Frankreich, Mi Hazánk aus Ungarn, das niederländische Forum voor Democratie und die italienische Rechtsaußenpartei Futuro Nazionale als Mitglieder. Die ESN veröffentlicht ihre Mitgliedsparteien selbst.

Die ESN stellt eine institutionalisierte internationale Infrastruktur bereit. Fraktionsstatus schafft Redezeit, Ausschusssitze, Personalstellen und finanzielle Mittel; eine europäische Partei kann zusätzliche Organisation, Kampagnen und Veranstaltungen tragen. Der Bremer AfD-Landesverband ist als organisatorische Untergliederung Teil der Partei, die dieses Bündnis führt. Der stellvertretende Bremer Landesvorsitzende bezog sich in seinem österreichischen „Freilich“-Beitrag bereits 2023 ausdrücklich auf die künftige AfD-Delegation in Brüssel und verlangte eine europäisch koordinierte völkische Migrationspolitik.

Mit Futuro Nazionale erhielt das Bündnis 2026 einen neuen italienischen Partner. Die von Roberto Vannacci gegründete Partei verbindet radikalen Nationalismus, eine ethnisch-kulturell verstandene nationale Identität, Migrationsfeindschaft und Angriffe auf Rechte von Minderheiten und LGBTQIA+-Personen. Reuters ordnet Futuro Nazionale als italienische Rechtsaußenpartei ein. Reconquête, Mi Hazánk und weitere ESN-Mitglieder bringen eigene Kampagnen, Personal und nationale Resonanzräume in dasselbe europäische Bündnis ein. Über die AfD erhalten diese Akteur zugleich Zugang zu einer Partei, deren Bremer Landesverband seit Juni 2022 als rechtsextremistischer Verdachtsfall geführt wird.

Türkischer Rechtsextremismus: MHP-Netzwerke mitten in Bremen

Die Ülkücü-Bewegung ist eine der größten rechtsextremen Bewegungen in Deutschland. Ihre Ideologie verbindet türkischen Ultranationalismus mit Rassismus, Antisemitismus und teilweise islamistischen Elementen. Ihr politisches Fernziel ist „Turan“, ein ethnisch definiertes großtürkisches Reich, das weit über das Gebiet der heutigen Türkei hinausreichen soll. Das Freund-Feind-Schema richtet sich insbesondere gegen Kurd, Alevit, Armenier, Jüd, Kommunist, linke Oppositionelle und Anhänger der Gülen-Bewegung. Grauer Wolf, Wolfsgruß und drei Halbmonde sind ihre bekanntesten Zeichen. Organisatorisch sind vor allem die „Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland“ (ADÜTDF) und die „Union der Türkisch-Islamischen Kulturvereine in Europa“ (ATIB) relevant. Die ADÜTDF fungiert als Auslandsorganisation der türkischen rechtsextremen Partei MHP. Der Bremer Verein „Türkische Familienunion in Bremen und Umgebung e.V.“ und die „Türkische Familien-Union Bremerhaven e.V.“ gehören ihrem Nordverbund an. Als ATIB-Mitglieder nennt der Bericht das „Kultur- und Bildungszentrum in Bremen e.V.“ und das „Kultur- und Bildungszentrum in Bremen und Umgebung e.V.“.

Wie unmittelbar europäische Verbandsstruktur, türkische Parteipolitik und lokale Mobilisierung ineinandergreifen, zeigte ein Konzert am 9. November 2025 in Oslebshausen. Rund 450 Menschen besuchten die Veranstaltung des Bremer ADÜTDF-Vereins. Stargast war der türkisch-nationalistische Sänger Mustafa Yıldızdoğan; sein Lied „Ölürüm Türkiyem“ gilt als Hymne der MHP. Neben dem Deutschlandvorsitzenden der ADÜTDF nahm deren Europavorsitzender teil, der zugleich für die MHP im türkischen Parlament sitzt. Der Bremer Verfassungsschutz hatte vorab erklärt, das Konzert diene der Vernetzung und Gewinnung neuer Anhänger. Das Landesamt warnte öffentlich vor der Veranstaltung.

Das Vereinsmilieu erreicht auch Schulen. 2025 besuchten zwei vierte Klassen der Grundschule Burgdamm eine ATIB-Gemeinde in Bremen-Nord; eine Lerngruppe des siebten Jahrgangs der Oberschule Rockwinkel besuchte eine weitere Gemeinde in Bremen-Ost. Nach Bekanntwerden der Verfassungsschutzbezüge informierte das Bildungsressort alle Schulen über Kontakte zu extremistischen Organisationen. Der Senat erklärte, Besuche von Einrichtungen mit konkreten Anhaltspunkten für nationalistische, rassistische oder islamistische Tendenzen seien für Bremer Schulen keine Option. Radio Bremen dokumentierte die Schulbesuche und die Reaktion des Senats.

Neben den Vereinen wirkt eine jüngere, nicht fest organisierte Ülkücü-Szene in sozialen Netzwerken. Der Bremer Bericht nennt nationalistische, rassistische und israelbezogen-antisemitische Inhalte sowie Todesdrohungen gegen Politiker und Journalist, darunter Abgeordnete der Bremischen Bürgerschaft. Während der Fußball-Europameisterschaft 2024 zeigten türkische Fans in Bremen den Wolfsgruß; nach Provokationen zwischen türkischen Nationalist und Kurd verhinderte die Polizei nach Behördenangaben eine Eskalation. Im Juli 2026 verlangte eine Kleine Anfrage der Grünen im Bundestag erneut Auskunft über die Aktivitäten der Bewegung und ein mögliches Betätigungsverbot.

Musik, Kampfsport und Jugendorganisationen als Grenzverkehr

Die Bremer Rechtsaußenszene ist zugleich Produzentin international zirkulierender Subkultur. Die 1981 in Bremen gegründete Band „Endstufe“ gehört zu den ältesten noch aktiven deutschen Skinhead-Bands und trat nach Angaben des Bremer Verfassungsschutzes bundesweit und international auf. Musik und Merchandising werden über den in Bremen ansässigen „ESE Sound Shop“ vertrieben. Die 1997 in Bremen gegründete Hooligan-Band „Kategorie C – Hungrige Wölfe“ verbindet seit Jahren Hooligan- und rechtsextreme Szenen. Konzerte, Tonträger und Online-Vertrieb schaffen gemeinsame Erlebnisräume, Einnahmen und persönliche Kontakte über Staatsgrenzen hinweg.

Auch die Jugendorganisation „Junge Nationalisten“ der Partei „Die Heimat“ bezeichnet sich als europaweit vernetzte völkische Bewegung. Sie verfügt nach dem Bremer Verfassungsschutzbericht über Mitglieder und Unterstützer in Bremen, organisiert Schulungen und Workshops und beteiligt sich an Anti-CSD-Mobilisierungen. Zusammen mit internationalisierten Online-Subkulturen, Kampfsport und Rechtsrock bildet sie ein Rekrutierungsfeld, in dem politische Sozialisation, Gemeinschaft, Körperkult und Feindbilder ineinandergreifen.

Die transnationale Infrastruktur des Bremer Rechtsextremismus

Die ausländischen Einflüsse treten in Bremen nicht nebeneinander, sondern in miteinander verbundenen politischen Räumen auf. Die Bremer AfD und ihr Nachwuchsmilieu übernehmen Begriffe und Kampagnen aus Frankreich und Österreich, publizieren in einem österreichischen Medium und arbeiten über die ESN mit Rechtsaußenparteien aus mehreren europäischen Staaten zusammen. Ein früher Bremer JA- und Identitären-Akteur verbreitet über Oikos und Jungeuropa französische Nouvelle-Droite- und eurofaschistische Literatur. Russische Propaganda wird in Bremer Chats weitergeleitet; NOD-Symbolik erscheint in einem lokalen Telegram-Netzwerk. Rechtsextremist aus Bremen reisen zu europäischen Kampfsportveranstaltungen, deren Infrastruktur aus russischen, italienischen, französischen und deutschen Zusammenhängen entstand. Die aus den USA importierte Hammerskin-Struktur besaß seit 1993 einen Bremer Ableger. US-amerikanische akzelerationistische Schriften und Rekrutierer erreichten 2025 einen Bremer Rechtsextremisten bis hin zur Vorbereitung eines möglichen Anschlags.

Nationalismus organisiert sich damit grenzüberschreitend. Die gemeinsame Grundlage ist die Vorstellung ethnisch homogener Gemeinschaften, verbunden mit Rassismus, Antisemitismus, Queerfeindlichkeit, autoritären Staatsbildern und der Abwertung demokratischer Gleichheit. Was in den USA als Meme oder Terrorhandbuch, in Frankreich als Theorie, in Österreich als Kampagne, in Italien als neofaschistische Bewegung, in Russland als Propaganda oder Kampfsportmarke und in der Türkei als MHP-nahes Vereinsnetz entsteht, besitzt in Bremen konkrete Verteiler, Räume und Organisationen. Rechtsextremismus mit Auslandsbezug ist deshalb kein Randthema der Außenpolitik, sondern ein Teil der gegenwärtigen politischen Rechten im Land Bremen.

Redaktion
AfD Watch Bremen