Vom AfD-Goldshop zur Wutpartei

Piet Leidreiter gehört seit der Gründung der Bremer AfD zum organisatorischen Kern des rechten Parteienspektrums. Er wechselte von der AfD über ALFA und LKR zu Bürger in Wut, führte die Partei 2023 zurück in die Bremische Bürgerschaft und ist heute einer ihrer wichtigsten Finanzpolitiker. Seine Laufbahn zeigt, wie sich Rechtsaußenpolitik hinter wechselnden Parteinamen verstetigt.

Der 1965 geborene Bremer verfügt über langjährige Erfahrung in Parteifinanzen, parlamentarischer Organisation und Wahlkampfstrategie. Nach eigenen Angaben absolvierte er eine Ausbildung zum Steuerfachangestellten und studierte Betriebswirtschaftslehre mit juristischem Schwerpunkt. Politisch führte ihn sein Weg durch mehrere Parteien – die inhaltliche Richtung blieb dabei weitgehend dieselbe. Heute sitzt Leidreiter erneut in der Bremischen Bürgerschaft. Er ist stellvertretender Fraktionsvorsitzender sowie haushalts- und finanzpolitischer Sprecher der Fraktion, die von 2023 bis August 2026 unter dem Namen Bündnis Deutschland auftrat. Seit dem 24. August 2026 firmieren die sechs Abgeordneten im Land Bremen wieder als Bürger in Wut. Die Rückkehr zum alten Namen ist Teil einer Abspaltung vom Bundesverband Bündnis Deutschland. An der personellen Zusammensetzung der Fraktion und an Leidreiters parlamentarischer Funktion änderte der erneute Namenswechsel zunächst nichts.

Damit ist Leidreiter wieder dort angekommen, wo er bereits 2017 politisch gelandet war: bei Bürger in Wut. Seine Laufbahn ist zugleich ein Beispiel dafür, wie sich Akteur:innen des rechten Parteienspektrums zwischen Organisationen bewegen, Mandate behalten, neue Parteihüllen schaffen und politische Kontinuität trotz wechselnder Namen herstellen.

Gründungsmitglied und Bundesschatzmeister der AfD

Leidreiter trat 2013 in die neu gegründete Alternative für Deutschland ein und gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Bremer Landesverbandes. Er wurde zunächst Landesschatzmeister und 2014 auf dem AfD-Parteitag in Erfurt zum Schatzmeister der Bundespartei gewählt. Damit war Leidreiter bereits in der Frühphase der AfD nicht bloß ein einfaches Mitglied. Er gehörte dem Bundesvorstand an und trug Verantwortung für die Finanzierung einer Partei, die damals versuchte, sich als wirtschaftsliberale und europakritische Alternative zu den Unionsparteien und zur FDP zu etablieren. Nationalistische, rassistische und autoritäre Strömungen waren allerdings schon in dieser frühen AfD vorhanden und gewannen rasch an Einfluss.

Leidreiters bekannteste finanzpolitische Konstruktion aus dieser Zeit war der sogenannte AfD-Goldshop. Nach einem Bericht des Handelsblatts entwickelte Leidreiter im Sommer 2014 die Idee, die AfD in den Goldhandel einsteigen zu lassen. Hintergrund war das damalige System der staatlichen Parteienfinanzierung: Die Höhe der Zuschüsse war nicht nur vom Wahlergebnis abhängig, sondern auch davon, wie viele eigene Einnahmen eine Partei vorweisen konnte. Die AfD verkaufte deshalb Goldbarren und Goldmünzen, obwohl die eigentliche Gewinnspanne gering war. Für die Berechnung der staatlichen Finanzierung war nach der damaligen Rechtslage jedoch nicht nur der Gewinn, sondern der vollständige Umsatz aus dem Handelsgeschäft von Bedeutung. Durch hohe Goldumsätze konnte die Partei ihre rechnerischen Eigeneinnahmen und damit die Obergrenze der staatlichen Zuschüsse erhöhen. Die Bundestagsverwaltung stellte 2014 fest, dass dieses Vorgehen nach dem Wortlaut des Parteiengesetzes zulässig war. Bundestagspräsident Norbert Lammert kritisierte die Konstruktion dennoch grundsätzlich. Der Goldhandel dokumentiere keine gesellschaftliche Verwurzelung einer Partei, obwohl genau diese durch das Prinzip der Eigenfinanzierung abgebildet werden solle. Lammert empfahl deshalb ausdrücklich eine Änderung des Parteiengesetzes.

Leidreiter hatte eine Gesetzeslücke beziehungsweise eine problematische Anrechnungsregel gezielt genutzt, um aus hohen Warenumsätzen einen größeren Anspruch auf öffentliche Mittel abzuleiten. Politisch ist das bemerkenswert: Eine Partei, die sich gegen vermeintliche staatliche Verschwendung positionierte, optimierte unter ihrem Bundesschatzmeister die eigene staatliche Finanzierung durch ein Handelsmodell ohne entsprechenden gesellschaftlichen Unterstützungsnachweis. Auf seiner eigenen Internetseite präsentiert Leidreiter den Goldshop bis heute als Erfolg. Unter seiner Leitung habe das Geschäft der AfD Einnahmen „in Millionenhöhe“ eingebracht, heißt es in seiner Selbstdarstellung. Die politische und verfassungsrechtliche Kritik an diesem Modell bleibt dort unerwähnt.

Aus der AfD ausgetreten – aber im Rechtsaußenlager geblieben

Bei der Bürgerschaftswahl 2015 wurde Leidreiter über die AfD-Liste in die Bremische Bürgerschaft gewählt. Nach dem Essener Bundesparteitag im Juli 2015 verließ er die Partei gemeinsam mit Christian Schäfer und Klaus Remkes. Die drei Abgeordneten nahmen ihre Mandate mit und benannten die bisherige AfD-Gruppe zunächst in „Bremer Bürgerliche Reformer“ um. Gegenüber der Öffentlichkeit erklärte Leidreiter damals, die AfD habe ihn verlassen, nicht umgekehrt. Später führte er seinen Austritt auf den wachsenden Einfluss des rechtsextremen Flügels um Björn Höcke zurück. Diese Distanzierung muss als Leidreiters eigene politische Begründung dokumentiert werden. Sie darf jedoch nicht mit einem vollständigen Bruch mit rechtspopulistischer Politik verwechselt werden.

Leidreiter beteiligte sich noch im selben Monat an der Gründung der von Bernd Lucke initiierten Allianz für Fortschritt und Aufbruch, kurz ALFA. Nach einem verlorenen Namensstreit wurde daraus die Partei Liberal-Konservative Reformer. In der Bürgerschaft war Leidreiter stellvertretender Vorsitzender und parlamentarischer Geschäftsführer der entsprechenden Gruppe. Im Juni 2017 wechselte er gemeinsam mit Klaus Remkes zu Bürger in Wut. Zusammen mit Jan Timke bildeten beide anschließend eine dreiköpfige BIW-Gruppe in der Bremischen Bürgerschaft. Der Wechsel war keine Bewegung zurück in die politische Mitte. Bürger in Wut war aus dem Umfeld der rechtspopulistischen Schill-Partei entstanden und konzentrierte sich seit ihrer Gründung auf eine autoritäre Law-and-Order-Politik, eine restriktive Migrationspolitik und die Mobilisierung gegen vermeintliches Staatsversagen.

Leidreiters Ausstieg aus der AfD bedeutete daher vor allem eine organisatorische Abgrenzung von deren völkisch-nationalistischem Flügel. Politisch blieb er in einem Milieu aktiv, das gesellschaftliche Konflikte weiterhin über Kriminalität, Migration, Bestrafung und die Erzählung einer angeblich handlungsunfähigen Demokratie zuspitzte.

Mit Angst Politik machen – und Sicherheit verkaufen

Im Dezember 2017 gründeten Piet Leidreiter und Jan Timke die private Sicherheitsfirma Brewag GmbH. Zu diesem Zeitpunkt waren beide Abgeordnete der BIW-Gruppe in der Bremischen Bürgerschaft. Die Firmengründung war deshalb politisch besonders brisant: Timke und Leidreiter machten innere Sicherheit, Kriminalität und angeblichen Kontrollverlust zu zentralen Themen ihrer Partei – und boten zugleich kommerzielle Sicherheitsdienstleistungen an.

Die taz dokumentierte 2018, wie beide Politiker in sozialen Netzwerken ein Bedrohungsszenario aus Terrorismus, Einbruchskriminalität, Migration und Gewalt zeichneten. Leidreiter schrieb demnach, Deutschland sei innerhalb weniger Jahre „ruiniert“ worden, und sprach von „Justizversagen“ sowie „Verrat am Rechtsstaat“. Auf die Frage nach der Gründung der Sicherheitsfirma erklärte Leidreiter der Zeitung, er sei im Herzen eher Geschäftsmann als Politiker. Unternehmer suchten sich Geschäftsfelder, die Gewinne versprächen; die innere Sicherheit sei ein Bereich, in dem Bedarf bestehe. Damit formulierte Leidreiter selbst die Verbindung zwischen politischem Thema und wirtschaftlichem Interesse. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass jede sicherheitspolitische Forderung ausschließlich kommerziell motiviert gewesen sei. Der Interessenkonflikt ist dennoch offenkundig: Wer öffentlich Unsicherheit als wachsendes gesellschaftliches Problem beschreibt und gleichzeitig an der Nachfrage nach privaten Sicherheitsdienstleistungen beteiligt ist, muss sich eine kritische Prüfung dieser Doppelrolle gefallen lassen.

Hinzu kamen Zweifel an der Außendarstellung der Firma. Auf der Brewag-Webseite wurden Stockfotos aus Bilddatenbanken unter einer Überschrift präsentiert, die den Eindruck erweckte, darauf seien Beschäftigte des Unternehmens bei der Arbeit zu sehen. Leidreiter räumte gegenüber der taz ein, dass die abgebildeten Personen keine Brewag-Mitarbeiter:innen waren. Weitaus schwerer wogen Erkenntnisse über eingesetztes Personal. Recherchen von AfD Watch Bremen, taz und Nordsee-Zeitung zufolge beschäftigte Brewag einen Wachmann, der der neonazistischen Gruppierung „Nordic 12“ zugerechnet wurde. Die Gruppierung verwendete die „Schwarze Sonne“, ein aus dem SS-Kontext stammendes Symbol, und trat bei Veranstaltungen der extremen Rechten in Erscheinung. Eine Gruppierung die einige Jahre zuvor im Beirat Woltmershausen im Einklang mit Akteur:innen von Bürger in Wut gegen eine Asyleinrichtung mobil machte. – 2026 macht Bündnis Deutschland erneut rassistische Stimmung in Woltmershausen gegen eine geplante Asyleinrichtung. 

Nach Bekanntwerden der Verbindungen teilte Brewag mit, der betreffende Mitarbeiter werde das Unternehmen verlassen und bis dahin nicht mehr als Sicherheitskraft eingesetzt. Die taz berichtete anschließend, dass auch ein weiterer Brewag-Wachmann in sozialen Netzwerken Unterstützung für die NPD Bremen und „Nordic 12“ gezeigt habe. Außerdem standen Fragen im Raum, ob eingesetzte Sicherheitskräfte die erforderliche behördliche Zuverlässigkeitsprüfung durchlaufen hatten. Als Geschäftsführer eines Sicherheitsunternehmens und zugleich führender Law-and-Order-Politiker trug er Verantwortung für Personalauswahl, Kontrolle und Unternehmenspraxis. Gerade eine Firma, die mit „Sicherheit durch Kompetenz“ warb, hätte rechtsextreme Verbindungen und fehlende Zuverlässigkeitsnachweise konsequent vor dem Einsatz überprüfen müssen. Wie so oft in den letzten Jahren reagierten Leidreiter und Timke nur, wenn die Presse Verbindungen in das extrem rechte Milieu vorhält.

Wahlkampf nach dem Prinzip der größtmöglichen Wut

Bei der Bürgerschaftswahl 2019 verlor Leidreiter sein Mandat. Bürger in Wut erreichte im Wahlbereich Bremen keinen eigenständigen Einzug. Leidreiter blieb jedoch in der Partei aktiv und wurde stellvertretender Bundesvorsitzender sowie stellvertretender Bremer Landesvorsitzender.

Seine Rückkehr in die Bürgerschaft gelang 2023. Leidreiter war Spitzenkandidat von Bürger in Wut im Wahlbereich Bremen. Die Ausgangslage war außergewöhnlich: Wegen des Machtkampfes zweier konkurrierender Landesvorstände und zweier eingereichter Listen wurde die Bremer AfD nicht zur Wahl zugelassen. BIW konnte dadurch erhebliche Teile ihres Wähler:innenpotenzials übernehmen. Im Wahlkampf konzentrierte sich Leidreiter erneut auf Kriminalität und Migration. Nach Recherchen der taz behauptete er in einem Rundbrief, Bremen sei durch „Jugendliche und Kinder aus Marokko, Tunesien und Algerien“ zu einer „Hochburg des Verbrechens“ geworden. Die von ihm herangezogenen Daten des Senats belegten diese pauschale Verbindung zwischen Herkunft und Kriminalität nach Darstellung der Zeitung nicht. Im Gegenteil. Die Kriminalitätsrate ist insgesamt zurückgegangen. Doch Statistiken verkaufen sich nicht. Gefühlte Wahrheiten hingegen schon.

Die Aussage von Leidreiter ist nicht nur wegen ihrer statistischen Schwäche problematisch. Sie nimmt eine Gruppe Minderjähriger, ordnet sie nach Nationalität und erklärt sie zum Ausgangspunkt eines allgemeinen städtischen Bedrohungsszenarios. Aus komplexen sozialen und kriminalpolitischen Problemen wird so eine ethnisch markierte Tätergruppe konstruiert. Genau darin liegt der rassistische Mechanismus solcher Kommunikation: Individuelles Verhalten wird kollektiviert, Herkunft wird zum scheinbaren Erklärungsmodell und gesellschaftliche Unsicherheit politisch gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen gerichtet. Leidreiter beschrieb seine Wahlkampfstrategie gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bemerkenswert offen: Die Wahlkampfthemen seien darauf ausgerichtet, herauszufinden, „wo die Menschen wütend“ seien. Diese Aussage legt den Kern der BIW-Kommunikation offen. Wut ist nicht bloß eine Reaktion, die von der Partei aufgegriffen wird. Sie wird zum politischen Auswahlkriterium: Thematisiert wird, was destruktiv Empörung erzeugt, Lager bildet und den Eindruck eines permanenten Kontrollverlustes verstärkt. Eine solche Strategie kann reale Probleme aufgreifen. Sie muss sie aber nicht sachgerecht erklären und realpolitisch lösen. Politisch erfolgreich ist sie bereits dann, wenn sie Verantwortliche, Gegner:innen und vermeintlich gefährliche Gruppen eindeutig markiert.Wenn daraus Rechtsextreme sich legitimiert sehen zur Tat zu schreiten, will es bei den Wutbürger:innen nie wer gewesen sein.

Rechtsaußenkontakte auf der eigenen Wahlliste

Kurz vor der Bürgerschaftswahl 2023 wurde bekannt, dass sich mit Heiko Werner ein Kandidat auf der BIW-Liste befand, der 2018 an einem Aufmarsch für die verurteilte Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck teilgenommen hatte. Erst nach der Berichterstattung legte BIW Werner den Austritt nahe. Werner erklärte, ein mögliches Mandat nicht anzunehmen. Leidreiter war Spitzenkandidat im Wahlbereich Bremen und damit eines der zentralen Gesichter dieser Liste. Der Vorgang wirft Fragen zur politischen und organisatorischen Prüfung von Kandidat:innen auf. Eine Partei, die regelmäßig vorgibt sich von Rechtsextremismus abzugrenzen, hatte einen Teilnehmer eines Solidaritätsmarsches für eine Holocaustleugnerin bis unmittelbar vor der Wahl auf ihrer Liste.

Auch weitere Kandidaturen führten zu kritischen Recherchen über Kontakte in das Rocker- und Rechtsaußenmilieu. Es zeigt deutlich, dass die Selbstdarstellung von BIW als eindeutig vom Rechtsextremismus abgegrenzte konservative Kraft nicht allein an öffentlichen Distanzierungen gemessen werden kann. Entscheidend sind Personalentscheidungen, politische Netzwerke und die Konsequenzen, die eine Parteiführung vor – nicht erst nach – journalistischen Veröffentlichungen zieht. Unter dem Strich kann schon lange in Frage gestellt werden, ob diese permanenten problematischen Verbindungen ein einheitliches Muster bilden.

Der Wahlerfolg von 2023 und die Übernahme durch Bündnis Deutschland

Bürger in Wut erreichte bei der Bürgerschaftswahl 2023 landesweit 9,4 Prozent und zog mit neun Abgeordneten in die Bremische Bürgerschaft ein. Im Wahlbereich Bremen erhielt Leidreiter nach dem amtlichen Ergebnis 5.190 Personenstimmen. Der Erfolg lässt sich nicht von der Nichtzulassung der AfD trennen. Nach einer von Radio Bremen veröffentlichten Wahlanalyse erklärte mehr als die Hälfte der befragten BIW-Wähler:innen, ihre Entscheidung habe mit dem fehlenden AfD-Wahlangebot zusammengehangen. BIW wurde damit 2023 zum wichtigsten parlamentarischen Auffangbecken für das rechte bis extrem rechte Wähler:innenpotenzial im Land Bremen.

Nach der Wahl ging Bürger in Wut im bundesweit auftretenden Bündnis Deutschland auf. Leidreiter wurde stellvertretender Fraktionsvorsitzender und haushalts- und finanzpolitischer Sprecher. Die Fusion wurde als Erweiterung eines konservativen Angebots dargestellt. Tatsächlich blieben Fraktionsführung, Personal und wesentliche politische Schwerpunkte erhalten. Auch in der laufenden Wahlperiode verbindet Leidreiter klassische Haushalts- und Verwaltungskritik mit der zugespitzten Kommunikationsweise seiner Partei. Er kritisiert Sonderverschuldung, Verwaltungskosten, Baukostensteigerungen, Abgaben und Verzögerungen bei Behörden. Nicht jede dieser Positionen ist spezifisch rechts oder undemokratisch. Haushaltskontrolle und Kritik an staatlicher Mittelverwendung gehören zu den Aufgaben parlamentarischer Opposition. Politisch relevant ist das Gesamtmuster: Sachpolitische Kontrollarbeit wird mit einer dauerhaften Mobilisierung gegen angebliches Staatsversagen, gegen Migrant:innen und gegen eine vermeintlich ideologisch handelnde politische Klasse verbunden. Die Grenze zwischen legitimer Opposition und populistischer Delegitimierung verläuft dort, wo überprüfbare Kritik durch pauschale Verfallsdiagnosen und ethnische Täter:innenbilder ersetzt wird.

Kein Anspruch auf ein Parlamentsamt

Im April 2026 nominierte die damalige Bündnis-Deutschland-Fraktion Leidreiter als Schriftführer für den Vorstand der Bremischen Bürgerschaft. In geheimer Wahl erhielt er elf Ja-Stimmen, 16 Enthaltungen und 52 Gegenstimmen. Damit scheiterte bereits zum elften Mal ein Kandidat beziehungsweise eine Kandidatin der Fraktion bei dem Versuch, in den Bürgerschaftsvorstand gewählt zu werden. Jan Timke sprach anschließend von einer „Blockadehaltung“ der anderen Fraktionen. Ein Rechtsanspruch auf die Wahl eines bestimmten Kandidaten in ein parlamentarisches Leitungsamt besteht jedoch nicht. Abgeordnete stimmen frei und bei solchen Personalentscheidungen geheim ab. Die Nichtwahl entzog Leidreiter weder sein Mandat noch Rede-, Antrags-, Kontroll- oder Stimmrechte.

Der Vorgang zeigt dennoch, dass die Fraktion parlamentarisch isoliert bleibt. Diese Isolation ist nicht automatisch ein Beleg für undemokratische Ausgrenzung. Sie kann ebenso Ausdruck des politischen Misstrauens sein, das sich aus Programmatik, öffentlicher Kommunikation und personellen Kontroversen einer Partei ergibt.

Zurück zu Bürger in Wut

Im August 2026 löste sich der Bremer Landesverband organisatorisch wieder von Bündnis Deutschland. Die sechs Mitglieder der Bürgerschaftsfraktion wechselten zur erneut eigenständig auftretenden Partei Bürger in Wut. Nach Radio Bremen begründete Jan Timke den Schritt vor allem mit mangelndem Erfolg und geringer Bekanntheit des Namens Bündnis Deutschland. Eine von der Partei selbst beauftragte und ausdrücklich nicht repräsentative Umfrage habe eine größere Bekanntheit der alten Marke BIW ergeben. Zugleich war Bündnis Deutschland in einer Infratest-dimap-Erhebung auf drei Prozent gefallen, während die wieder wählbare AfD 15 Prozent erreichte. Über die politische Realität sind sich Leidreiter und Timke weiterhin nicht im klaren: BiW war 2023 allein nur deshalb erfolgreich, weil die AfD nicht antrat. Nun fällt BiW wieder auf ihr ursprüngliches Potential zurück. Unabhängig davon welches Logo sie auf ihr Programm klebt. 

Die Rückkehr zu Bürger in Wut ist deshalb kein politischer Neuanfang, sondern eine strategische Rückabwicklung. Die Partei reagiert auf Konkurrenzdruck durch die AfD und greift erneut auf jene Marke zurück, unter der sie 2023 ihren größten Wahlerfolg erzielte. Leidreiter bleibt dabei eine Schlüsselfigur: ehemaliger AfD-Bundesschatzmeister, mehrfacher Parteigründer und -wechsler, Wahlkampfstratege, Finanzpolitiker und Stellvertreter Timkes.

Kritische Einordnung

Piet Leidreiter stellt sich als wirtschaftsliberal, konservativ und vom Höcke-Flügel der AfD klar getrennt dar. Dass er die AfD 2015 verlassen hat, ist eine überprüfbare Tatsache. Ebenso ist festzuhalten, dass keine Mitgliedschaft Leidreiters in einer extrem rechten Organisation belegt ist. Diese notwendigen Abgrenzungen dürfen jedoch nicht dazu führen, seine politische Laufbahn zu entkontextualisieren. Leidreiter gehörte der frühen AfD nicht nur an, sondern organisierte als Bundesvorstandsmitglied ihre Finanzen. Er entwickelte ein umstrittenes Handelsmodell, das den Anspruch der Partei auf staatliche Mittel erhöhen sollte. Nach seinem Austritt blieb er im rechtspopulistischen Parteienspektrum, wechselte zu Bürger in Wut und beteiligte sich an einer Politik, die gesellschaftliche Probleme regelmäßig über Angst, Strafe, Migration und Kontrollverlust mobilisiert.

Seine Tätigkeit bei Brewag machte die Widersprüche dieses Politikmodells besonders sichtbar. Leidreiter beschrieb Unsicherheit öffentlich als wachsendes Problem und erklärte gleichzeitig, die Sicherheitsbranche verspreche unternehmerischen Gewinn. In dem von ihm mitgeführten Unternehmen wurden anschließend Beschäftigte mit dokumentierten Bezügen zur Neonaziszene bekannt. Im Wahlkampf 2023 verband Leidreiter Kriminalität pauschal mit Kindern und Jugendlichen aus nordafrikanischen Staaten, obwohl die herangezogenen Daten eine solche Verallgemeinerung nicht belegten. Zugleich erklärte er Wut ausdrücklich zum Ausgangspunkt seiner Themenwahl. Diese Kommunikation unterscheidet sich in ihrer Funktion nur begrenzt von jener Mobilisierungsstrategie, mit der die AfD gesellschaftliche Konflikte ethnisiert und die demokratische Öffentlichkeit in ein vermeintlich wahres Volk und eine angeblich versagende politische Klasse aufteilt.

Leidreiter ist damit nicht einfach ein ehemaliger AfD-Politiker, der die Partei wegen ihres Rechtsrucks verlassen hat. Er ist einer der erfahrensten Organisatoren eines Bremer Rechtsaußenlagers, das sich personell und strategisch mehrfach neu formiert hat. Seine Geschichte zeigt: Ein anderer Parteiname, eine konservative Selbstbeschreibung und die formale Distanz zu Björn Höcke ergeben noch keine politische Mitte.

Der Goldshop hieß AfD, die Fraktionen hießen ALFA, LKR, Bürger in Wut und Bündnis Deutschland. Seit August 2026 heißt die Organisation wieder Bürger in Wut. Piet Leidreiter blieb – und mit ihm eine Politik, die sich modernisiert, umbenennt und abgrenzt, ohne ihre zentralen autoritären und rassistischen Mobilisierungsmuster aufzugeben.

Redaktion
AfD Watch Bremen