
Stefan Dettmann und Sergej Minich diktieren in einem AfD-Propagandavideo der freien Presse und dem Anti-AfD-Protest was demokratisch sei. Screenshot, Youtubekanal @AfD Bremerhaven. Abgerufen am 24.08.2026.
Vom AfD-Sympathisanten zum Kreisvorsitzenden: Stefan Dettmann organisiert Bremerhavens Rechtsaußen-Neustart
Innerhalb weniger Monate stieg Stefan Dettmann vom öffentlich auftretenden AfD-Unterstützer zum Vorsitzenden des Bremerhavener Kreisverbandes auf. Ein Mandat besitzt er nicht. Seine Bedeutung liegt im organisatorischen Wiederaufbau einer rassistisch und rechtsextrem ausgerichteten Partei – und in einer Kommunikationsstrategie, die Öffentlichkeit kontrolliert, statt Transparenz herzustellen.
Noch im Februar 2025 präsentierte sich Stefan Dettmann gegenüber dem britischen Guardian nicht als AfD-Funktionär. Der damals 62-jährige Bremerhavener Kfz-Mechaniker erklärte, er sei noch unsicher, wie er bei der Bundestagswahl abstimmen werde. Zugleich sprach er sich für eine Regierung aus CDU und AfD aus. Diese könne es geben, „wenn es die Brandmauer nicht gäbe“, sagte Dettmann. Spätestens bei der nächsten Bundestagswahl werde der Druck auf die Union so groß sein, dass sie kaum noch eine andere Wahl habe, prognostizierte er. Der Beitrag erschien am Tag vor der Bundestagswahl 2025.
Nur acht Monate später trat Dettmann bereits als Parteifunktionär auf. In einem Video des AfD-Kreisverbandes vom Oktober 2025 stellte er sich als Kreisschatzmeister vor. Den Vorsitz beanspruchte zu diesem Zeitpunkt noch Stephan Hilbers. Spätestens im August 2026 hatte Dettmann ihn abgelöst: In einem AfD-Video zur Bremerhavener Landeswahlversammlung wird er ausdrücklich als „AfD-Kreisvorsitzender Bremerhaven“ bezeichnet. Wann, mit welchem Ergebnis und unter welchen innerparteilichen Umständen dieser Wechsel erfolgte, lässt sich den öffentlich zugänglichen Quellen nicht entnehmen. Gerade diese Leerstelle ist bemerkenswert. Der Kreisverband erklärt auf seiner eigenen Website, „absolute Transparenz“ und „echte Glaubwürdigkeit“ gehörten zu seinen Grundsätzen. Eine öffentlich nachvollziehbare Dokumentation des aktuellen Kreisvorstands, der Wahl Dettmanns oder seiner politischen Biografie fehlt dort. Die Partei verspricht Transparenz, macht aber nicht einmal ihren eigenen Führungswechsel transparent.
Aufstieg nach dem Zusammenbruch der AfD-Gruppe
Dettmann übernimmt den Kreisverband in einer Phase organisatorischer Schwäche. Bei der Bremerhavener Stadtverordnetenwahl 2023 gehörte er nicht zu den neun AfD-Kandidat:innen. Die amtliche Ergebnisübersicht nennt Thomas Jürgewitz, Kevin Schäfer, Wolfgang Koch, Michaela Fahrenholz, Anita Weis, Jens Kupke, Frank Haase, Stephan Hilbers und Gerd Herbert Abrolat – Dettmann kandidierte nicht. Jürgewitz und Koch bildeten später die zweiköpfige AfD-Gruppe in der Stadtverordnetenversammlung. Im Juni 2026 verließen beide die Partei und wechselten zu Bündnis Deutschland. Sie begründeten ihren Austritt mit fehlender innerparteilicher Demokratie und mangelnder Toleranz gegenüber abweichenden Positionen. Zudem berichteten sie von Gewalt gegen Mitglieder auf einem Kreisparteitag und erklärten, die Bremer AfD bewege sich in einem „rechtsradikalen Umfeld“. Mit ihrem Austritt löste sich die AfD-Gruppe faktisch auf.
Seitdem verfügt die AfD in Bremerhaven über kein kommunales Mandat. Dettmann ist weder Stadtverordneter noch Bürgerschaftsabgeordneter. Sein politisches Gewicht entsteht ausschließlich aus seinem Parteiamt und seiner medialen Präsenz. Er steht damit für den Versuch, eine parlamentarisch geschwächte Struktur rechtzeitig vor den Wahlen 2027 wieder handlungsfähig zu machen.
Öffentlichkeit ausgeschlossen, Parteivideo veröffentlicht
Diese Funktion wurde am 22. August 2026 sichtbar. An diesem Tag stellte die AfD ihre Bremerhavener Kandidat:innen für die Bürgerschaftswahl auf. Rund 400 Menschen protestierten gegen die Veranstaltung. Journalist:innen wurden von der Versammlung ausgeschlossen. Landesvorsitzender Sergej Minich bezeichnete den Protest als „zutiefst undemokratisch“ und begründete den Ausschluss der gesamten Presse mit einer angeblichen „Gefährdungslage“ für Parteimitglieder. Radio Bremen dokumentierte sowohl den Protest als auch den Ausschluss.
Anschließend verbreitete die AfD ein eigenes Video mit Minich und Dettmann. Darin erscheinen beide gemeinsam vor der Kamera: Minich als Landesvorsitzender, Dettmann als Bremerhavener Kreisvorsitzender. Eine veröffentlichte Fassung trägt den Titel „AfD Wahlen in Bremerhaven“. Die Abfolge verdeutlicht die Kommunikationsstrategie: Unabhängige Beobachtung wird verhindert, während die Partei anschließend ihre eigene, vollständig kontrollierte Darstellung verbreitet. Dettmann ist dabei nicht bloß zufälliger Teilnehmer. Er fungiert neben Minich als lokales Gesicht dieser Inszenierung. Die Partei entscheidet selbst, welche Bilder, Aussagen und Eindrücke nach außen gelangen. Ausgerechnet der Kreisverband, der „absolute Transparenz“ verspricht, ersetzt journalistische Öffentlichkeit durch Eigenwerbung.
Kommunale Verpackung, rechtsextremer Parteikern
Dettmann tritt bislang weniger durch ausgearbeitete kommunalpolitische Konzepte als durch kurze Videos und Stellungnahmen zu lokal aufgeladenen Themen hervor. Der Kreisverband setzt auf Kriminalität, Verkehr, die Bremerhavener Tafel, Verwaltung und vermeintlich ideologische Stadtpolitik. Auf seiner Website verspricht er „Fakten statt Ideologie“, fordert eine Verkehrsplanung fern von „politisch korrekten Trends“ und erklärt, Kriminalität müsse „ohne Kompromisse“ bekämpft werden. Konkrete Ursachenanalysen, überprüfbare Finanzierungsvorschläge oder belastbare Wirkungskonzepte oder überhaupt irgendein überprüfbarer Fakt bleiben hinter diesen Formeln zurück.
Das Vokabular erfüllt eine politische Funktion: Komplexe soziale und kommunale Probleme werden als Folge von Kontrollverlust, angeblicher Bevormundung oder ideologischer Verblendung dargestellt. Begriffe wie „woke Ideologie“ oder „Altparteien“ markieren demokratische Konkurrenz nicht als legitimen politischen Streit, sondern als abgehobenes Gegenlager. Ob Dettmann einzelne Texte der Website selbst verfasst hat, ist nicht ausgewiesen. Als Vorsitzender trägt er jedoch politische Verantwortung für die öffentliche Linie seines Kreisverbandes. Diese Rolle darf nicht mit der Tätigkeit eines gewöhnlichen kommunalen Parteivorsitzenden verwechselt werden. Dettmann organisiert den lokalen Aufbau einer Partei, deren rassistische und rechtsextreme Ausrichtung sich aus ihrer Programmatik, ihrer Strategie und den Aussagen ihrer Führungspersonen ergibt. Das Deutsche Institut für Menschenrechte kommt auf dieser Grundlage zu dem Ergebnis, dass rassistische und rechtsextreme Positionen fester Bestandteil der AfD seien und sich gegen Menschenwürde und Rechtsgleichheit richteten. Diese Einordnung beruht auf einer menschenrechtlichen Analyse – nicht auf einer bloßen Behördenbezeichnung.
Dettmann selbst hat bislang keine öffentlich auffindbare, eigenständige Abgrenzung von dieser Ausrichtung vorgenommen. Im Gegenteil: Sein Wunsch nach einer Koalition von CDU und AfD zielte bereits im Februar 2025 darauf, die politische Isolierung der Partei zu durchbrechen. Wenige Monate später übernahm er Verantwortung in der lokalen Parteiführung. Heute steht er gemeinsam mit Sergej Minich für den Versuch, die AfD in Bremen und Bremerhaven wieder als parlamentarische Kraft zu etablieren. Stefan Dettmann ist deshalb weniger als profilierter Kommunalpolitiker relevant denn als Organisator der Normalisierung.
Ein öffentlich kaum bekannter Funktionär soll einer zerfallenen Kreisstruktur Geschlossenheit verleihen, lokale Alltagsthemen mit dem Deutungsrahmen der AfD verbinden und die Partei als gewöhnliche bürgerliche Opposition präsentieren. Genau diese Selbstdarstellung verdeckt, worum es politisch geht: um den Wiederaufbau einer rassistisch und rechtsextrem ausgerichteten Partei, die 2027 erneut in die Bremerhavener Parlamente einziehen will.
Redaktion
AfD Watch Bremen
