in einem Musikvideo des neonazistischen Hooligan und Sänger der Band „Kategorie C“, Hannes Ostendorf, treten überwiegend rechte Rocker, Hools und Neonazis auf. Diverse Personen des Chapter „Radikal Kameraden“ aus Bremen konnten wir in einer Video-Auswertung zuordnen. Auch der Chef der „Radikal Kameraden“ Heiko Dörfer tritt als Protagonist maskiert in dem Video auf. In einem Interview bestritt Dörfer mit Ostendorf Kontakt zu haben.

Moin Werder: Rechte Rocker, Hooligans und die Frage nach Tim Wieses Umfeld

Tim Wiese betont öffentlich seine Distanz zur extremen Rechten. Gleichzeitig zeigen Recherchen über Jahre wiederkehrende Kontakte des ehemaligen Werder-Torwarts zu Akteur:innen aus der Bremer Rocker- und Hooliganszene, die seit Langem mit rechten und rechtsextremen Strukturen verbunden sind. Besonders seine Freundschaft mit Heiko Dörfer und öffentliche Treffen mit Sascha Mahlstedt und Stefan Ahrlich führten schließlich dazu, dass sich Werder Bremen von seinem früheren Torwart distanzierte.

Heiko Dörfer, „Radikal Kameraden“ und Kategorie C

In einem Interview mit der Deichstube weist Heiko Dörfer, Gründer der „Radikal Kameraden Bremen“ und enger Freund des ehemaligen Werder-Torwarts Tim Wiese, eine Nähe zur extremen Rechten zurück. Dörfer bezeichnet sich als Patriot und erklärt, sein Motorradclub halte sich nicht mit Nazis auf. Zugleich bestätigt er den Kontakt zu Hannes Ostendorf, Sänger der Rechtsrockband „Kategorie C“. Genau diese Verbindung ist für die politische Einordnung relevant: In einem 2021 unter dem Label „Die Firma“ veröffentlichten Musikvideo von Ostendorf treten Dörfer und weitere Akteur:innen aus dem rechten Rocker- und Hooliganmilieu auf. Die Deichstube verweist zudem auf einen Polizeieinsatz vom 5. Juni 2021, bei dem in Bremen-Walle etwa 70 Personen kontrolliert wurden. Viele trugen Kutten mit der Aufschrift „Radikale Kameraden Bremen“. Die Polizei stellte Motorräder, Baseballschläger, Pyrotechnik und zwei CDs mit einem Hitler-Motiv sicher; einige Anwesende ordnete sie der rechtsextremen Szene zu. Dörfer erklärte gegenüber der Deichstube, sein Club sei dadurch zu Unrecht mit der rechten Szene in Verbindung gebracht worden.

Die Verbindung zu Ostendorf steht dabei nicht isoliert. Hannes Ostendorf gehört seit Jahrzehnten zur Bremer rechten Hooliganszene. Seine Band „Kategorie C“ ist eng mit diesem Milieu verbunden und spielte unter anderem bei den HoGeSa-Mobilisierungen eine zentrale Rolle. Auch die Bremer Gruppe „Standarte Bremen“, früher „Standarte 88“, gehörte über Jahre zum Kern der rechten Hooliganszene. Die taz dokumentierte bereits 2007 einen Angriff rechter Hooligans auf antifaschistische Werder-Ultras im Ostkurvensaal des Weserstadions. Dabei wurden zahlreiche Personen verletzt. Hannes Ostendorf gehörte zu den zentralen Akteuren dieses Spektrums. Die formale Selbstauflösung der „Standarte Bremen“ im Jahr 2015 beseitigte diese persönlichen Netzwerke nicht; die taz beschrieb auch danach fortbestehende Verbindungen zwischen rechten Hooligans, Rockern und Neonazis.

Wiese, Dörfer, Mahlstedt und Ahrlich

Tim Wiese bestätigte gegenüber der Deichstube seine Freundschaft mit Dörfer und erklärte zugleich: „Ich habe nichts mit der rechten Szene zu tun und positioniere mich auch ganz klar gegen Rechts.“ Dörfer kenne er über dessen Fitnessstudio in Lilienthal. Auf öffentlich verbreiteten Fotos ist Wiese jedoch nicht nur mit Dörfer, sondern auch gemeinsam mit Sascha Mahlstedt zu sehen. Mahlstedt gehörte zum Umfeld der rechten Hooliganszene um „Standarte Bremen“. Auch Stefan Ahrlich zählt seit Jahren zu diesem Milieu. Die taz beschrieb Ahrlich bereits 2014 als einen Akteur an der Schnittstelle von Rocker-, Hooligan- und rechtsextremer Szene und dokumentierte seine Verbindungen zur „Standarte Bremen“, zu Hells-Angels-Kreisen und zu Hannes Ostendorf. In einer weiteren Recherche bezeichnete die taz Ahrlich als eine zentrale Figur der „Legion Bremen“, eines Rockermilieus mit deutlichen personellen Überschneidungen zu rechten Hooligans und Neonazis.

Gerade diese wiederkehrenden persönlichen Kontakte machen Wieses öffentliche Distanzierung von rechts erklärungsbedürftig. Eine Freundschaft mit einer Person aus einem rechten oder rechtsextremen Milieu macht Wiese selbst nicht automatisch zum Rechtsextremen. Ebenso wenig lässt sich aus einem einzelnen Foto eine politische Gesinnung ableiten. Hier geht es jedoch nicht um ein einzelnes zufälliges Zusammentreffen, sondern um mehrere öffentlich dokumentierte Kontakte zu Personen, die seit Jahren in einem rechten Rocker- und Hooliganmilieu bekannt sind. Dass Wiese Dörfer ausdrücklich als Freund bezeichnet und sich wiederholt mit Akteur:innen aus diesem Spektrum zeigte, steht damit in einem offensichtlichen Spannungsverhältnis zu seiner Erklärung, mit der rechten Szene nichts zu tun zu haben.

Werder Bremen und die rechte Hooligantradition

Der SV Werder Bremen kennt das Problem rechter Hooligans seit Jahrzehnten. Die Auseinandersetzungen zwischen antifaschistischen Ultras und rechten Hooliganstrukturen prägten die Fanszene über Jahre. Die taz dokumentierte den Angriff von 2007 als einen Wendepunkt: Rechte Hooligans griffen eine Feier jüngerer antifaschistischer Ultras im Ostkurvensaal an und verletzten zahlreiche Menschen. Gruppen wie „Standarte Bremen“, die „City Warriors“ und andere Strukturen waren in den Jahrzehnten zuvor sichtbar im Stadionumfeld präsent. Werder positionierte sich später wiederholt öffentlich gegen Rechtsextremismus und beteiligte sich an Kampagnen unter dem Motto „Klare Kante gegen Nazis“.

Vor diesem Hintergrund ist die Frage berechtigt, wie der Verein mit prominenten ehemaligen Spielern umgeht, die öffentlich in einem rechten Milieu verkehren. Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald erklärte gegenüber der Deichstube, der Verein habe bereits zuvor ein deutliches Gespräch mit Wiese geführt und ihm seine Haltung gegen rechts unmissverständlich klargemacht. Gleichzeitig sagte Hess-Grunewald, wer sich an die Stadionordnung halte, dürfe sich Spiele ansehen; eine „Gesinnungskontrolle“ an den Stadiontoren gebe es nicht. Juristisch ist das nachvollziehbar. Politisch bleibt jedoch die Frage, ob bei einer prominenten Vereinsfigur andere Maßstäbe gelten sollten als die bloße Einhaltung der Stadionordnung. Wer öffentlich für Antirassismus und gegen rechte Gewalt eintritt, muss sich daran messen lassen, wie er mit bekannten Akteur:innen aus den entsprechenden Milieus umgeht.

Rechte Netzwerke verschwinden nicht durch Selbstauflösung

Die Bremer rechte Hooligan- und Rockerszene ist nicht dadurch verschwunden, dass einzelne Gruppen ihre Auflösung erklärten oder Logos und Kutten seltener offen gezeigt werden. Bereits ältere Recherchen dokumentieren, dass personelle Netzwerke fortbestanden. „Standarte Bremen“ erklärte 2015 ihre Auflösung, nachdem ein mögliches Vereinsverbot diskutiert worden war. Die taz berichtete jedoch auch danach über fortbestehende Aktivitäten und personelle Verbindungen. Akteur:innen aus diesem Umfeld tauchten weiterhin in Rockerstrukturen, bei Rechtsrockveranstaltungen, in der Sicherheitsbranche und im Nachtleben auf.

Genau darin liegt die Schwierigkeit solcher Szenen. Sie müssen nicht mehr geschlossen mit einem gemeinsamen Gruppenlogo auftreten, um als Netzwerk weiterzubestehen. Persönliche Freundschaften, gemeinsame Clubs, Fitnessstudios, Veranstaltungen und geschäftliche Kontakte können frühere Organisationsstrukturen ersetzen. Gerade deshalb reicht es nicht aus, nur auf offen sichtbare Kennzeichen wie ein „Kategorie C“-Shirt oder eine einschlägige Kutte zu reagieren. Wer die rechte Hooliganszene in Bremen ernsthaft zurückdrängen will, muss ihre personellen Kontinuitäten kennen und dort hinschauen, wo sich diese Akteur:innen heute bewegen.

Der Freimarkt macht den Widerspruch sichtbar

Kurz nach der öffentlichen Debatte um Wiese und Dörfer tauchten weitere Bilder auf. Sie zeigten Tim Wiese auf dem Bremer Freimarkt gemeinsam mit Stefan Ahrlich. Damit wurde aus der bisherigen Diskussion um einzelne ältere Fotos eine aktuelle Auseinandersetzung. Der SV Werder Bremen reagierte darauf am 17. Oktober 2022 deutlich: Der Verein distanzierte sich offiziell von Tim Wiese „wegen dessen wiederholtem öffentlichen Umgang mit bekannten Personen aus dem rechten Milieu“. Werder kündigte an, Wiese vorerst nicht mehr zu offiziellen Veranstaltungen einzuladen und ihn nicht mehr für die Traditionsmannschaft einzusetzen. Präsident Hess-Grunewald erklärte, der Verein habe Wiese bereits zuvor unmissverständlich vermittelt, dass ein solcher Umgang nicht zu den Werten des SV Werder passe.

Damit korrigierte Werder seine zunächst zurückhaltende Position selbst. Entscheidend war nicht eine behauptete Gesinnung Wieses, sondern dessen wiederholter öffentlicher Umgang mit bekannten Personen aus dem rechten Milieu. Genau darin liegt auch der Kern der Kritik. Niemand muss Tim Wiese eine rechtsextreme Überzeugung zuschreiben, um seine Kontakte problematisch zu finden. Entscheidend ist, dass ein prominenter ehemaliger Werder-Spieler wiederholt Nähe zu Personen zeigt, die seit Jahren im rechten Rocker- und Hooliganmilieu dokumentiert sind. Werder hat diesen Widerspruch schließlich selbst anerkannt und Konsequenzen gezogen.

Redaktion
AfD Watch Bremen

Update: Nach der Veröffentlichung weiterer Bilder vom Bremer Freimarkt distanzierte sich der SV Werder Bremen offiziell von Tim Wiese. Der Verein kündigte an, ihn bis auf Weiteres nicht mehr zu offiziellen Veranstaltungen einzuladen und nicht mehr für die Traditionsmannschaft auflaufen zu lassen.

Die rechte Rocker- und Hooliganszene aus dem Umfeld von Hannes Ostendorf, gemeinsam mit dem Werder Ex-Torwart Tim Wiese. Die Akteure kennen sich seit Jahren und sind befreundet. Bildquelle: FB, 2021