Straßenmissionen wie “Werdet Licht!” werden ominös finanziert und reisen in verschiedene Städte, um ihre menschenfeindliche Propaganda gegen queere und trans* Menschen provokativ auf die Straße zu tragen. Wie hier in Bremen beim CSD.

Wie queer- und transfeindliche Deutungen zwischen Straßenmissionen, kirchlichen Medien und Parteipolitik neue Reichweite gewinnen.

Redaktion AfD Watch Bremen

Teil 1 der Serie „Evangelikale Rechte“

Unser Beitrag untersucht Ideologie, öffentliche Mobilisierung und queer- und transfeindliche Deutungsmuster. Teil 2 rekonstruiert die belegten Organisationsstrukturen und Wege der Verbreitung; Teil 3 fragt nach institutionellen Reaktionen und den Erfahrungen Betroffener.

Am Abend des 25. Juli 2026 fuhr ein Mann am Rand des Berliner Christopher Street Days mit einem Transporter in eine Menschenmenge. Anschließend griff er weitere Menschen mit einer Hieb- oder Stichwaffe an. Eine betroffene Person starb, zahlreiche weitere wurden verletzt. Auf dem Mobiltelefon des Tatverdächtigen fanden Ermittler:innen ein Video mit einem Treueeid auf die Terrororganisation „Islamischer Staat“. Am 27. Juli, zwei Tage nach dem Anschlag, kamen auf dem Bremer Marktplatz bis zu 650 Menschen zusammen. Auch in Bremerhaven wurde der getöteten Person und der Verletzten gedacht. Der CSD Bremen beschrieb den Angriff als einen Angriff auf das Recht, „frei, sicher und sichtbar leben zu können“. Zugleich warnten Redner:innen davor, die Tat für Rassismus und Hass gegen Muslime zu instrumentalisieren. Nach dem bisherigen Ermittlungsstand hatte der Tatverdächtige einen islamistischen Hintergrund. Der Berliner CSD-Verein forderte, den islamistischen Terror klar zu benennen, und warnte zugleich vor Hass gegen Muslime.

Der Anschlag lenkt den Blick auf eine Frage, die sich auch in Bremen stellt: Wie werden queere und trans* Menschen zur Zielscheibe? Seit Jahren begegnen ihnen hier ähnliche Feindbilder – auf der Straße, in einer Kirchengemeinde, in evangelikalen Medien und in der Parteipolitik. Mal gelten sie als sündhaft, mal als „Ideologie“, als Gefahr für Kinder und Familie oder als Angriff auf eine vermeintlich natürliche Ordnung.

AfD Watch Bremen hat öffentliche Auftritte, Predigten, Verbandsmedien, Parteipositionen, parlamentarische Vorgänge und eigene Bilddokumentationen ausgewertet. Die Recherche zeigt, wie diese Deutungen auf unterschiedlichen Wegen Reichweite gewinnen: durch Missionsaktionen beim CSD, über die Mediathek der St.-Martini-Gemeinde, durch einen evangelikalen Verein, einen prominenten Publizisten und politische Kampagnen. An einzelnen Stellen arbeiten Akteur zusammen. An anderen verwenden sie unabhängig voneinander ähnliche Begriffe. So wird Queerfeindlichkeit in Bremen zum Brückendiskurs. Gemeint ist ein Deutungsmuster, das unterschiedliche religiöse, mediale und politische Milieus miteinander verbindet, ohne dass diese dafür organisatorisch zusammenarbeiten müssen.

Sichtbarkeit unter Sicherheitsvorbehalt

Die Frage nach Sicherheit wird in Bremen nicht erst seit dem Berliner Anschlag gestellt. Vor dem Bremer CSD 2024 meldeten sich verunsicherte Menschen beim Beratungs- und Communityzentrum Rat&Tat. Geschäftsführer Christian Linker fasste ihre Fragen so zusammen: „Kann ich noch kommen? Ist das noch sicher?“ Eine rechte Gegendemonstration war damals in Bremen nicht angemeldet. Doch die Bilder von Angriffen und Gegenprotesten in anderen Städten reichten aus, um Menschen vor Ort zweifeln zu lassen.

Ein Jahr später wurde aus der allgemeinen Sorge eine lokale Bedrohungslage. Vor dem Bremer CSD am 23. August 2025 ging ein anonymes Drohschreiben ein, in dem ein Anschlag angekündigt wurde. Nach der Demonstration wurde eine 23-jährige teilnehmende Person in der Innenstadt queerfeindlich beleidigt und bedroht. Nach ihrer Schilderung zeigte eine Person aus einer dreiköpfigen Gruppe ein Messer und drohte, sie abzustechen. Die betroffene Person trug Abzeichen und Aufnäher des CSD. Auch Bremerhaven gehört zu diesem Lagebild. Beim CSD am 12. Juli 2025 begleiteten rechte Gruppen die Demonstration mit Zwischenrufen und provokanten Auftritten. „Keine Randnotiz“ dokumentierte zudem, dass zwei Teilnehmende nach dem CSD auf dem Weg zur Bushaltestelle aus einer Gruppe heraus queerfeindlich beleidigt wurden. Queerhaven berichtete später von Bedrohungen gegen Teilnehmende. Im folgenden Jahr hielt der Verein die Route bis zum Beginn der Demonstration geheim – ausdrücklich zum Schutz vor rechter Gewalt. Rechte Störungen, eine anonyme Anschlagsdrohung und eine Messerbedrohung verändern, wie queere Menschen den CSD erleben. In Bremen und Bremerhaven ist selbst die Frage, ob Abzeichen getragen oder Demonstrationsrouten vorab veröffentlicht werden können, zu einer Sicherheitsfrage geworden.

Bundesweit zählte das Center für Monitoring, Analyse und Strategie 2025 insgesamt 47 rechtsextreme Anti-CSD-Proteste; 2024 waren es 33. Die durchschnittliche Zahl der Teilnehmenden sank zwar, die Mobilisierung blieb jedoch auf hohem Niveau. Bremens Innensenatorin Eva Högl (SPD) sprach nach dem Berliner Anschlag von einer Freiheit, die sowohl von rechts als auch von islamistischer Seite bedroht werde.

Das Bremer Lagebild umfasst aber darüber hinaus christlich-fundamentalistische Mobilisierung in etablierten gesellschaftlichen Räumen. International wurden queerfeindliche Angriffe auch christlich legitimiert. In Bremen verbreiten Kirchengemeinden, Verbandsmedien, Parteien und Missionsgruppen am CSD abwertende Deutungen über queere und trans* Menschen. Die folgenden Beispiele zeigen, wie solche Deutungen innerhalb der Gesellschaft entstehen und Reichweite gewinnen.

Mit Missionsplakaten und Traktaten zum CSD

Wer den Bremer CSD besucht, begegnet seit Jahren auch einer Form gezielter Konfrontation: christlicher Straßenmission. Bereits 2018 berichtete der CSD Bremen von Personen, die der Demonstration in der Obernstraße Kreuze entgegenhielten. Für 2022 lässt sich erstmals eine Organisation eindeutig benennen. Die überregional tätige Gruppe „Werde Licht“ veröffentlichte einen Bericht über eine „Evangelisation in Bremen während dem Christopher Street Day“. Das dazugehörige Video trägt den Titel „CSD Bremen | LGBTQ | Evangelisation | Was ist Wahrheit?“. Die Gruppe beschreibt sich als Zusammenschluss bekennender Christ aus verschiedenen Gemeinden und Nationen, die gemeinsam in deutschen Städten missionieren.

Am 24. August 2024 dokumentierte AfD Watch Bremen auf dem Bahnhofsvorplatz und entlang der offiziellen CSD-Route mehrere Personen mit Bibelversen auf der Kleidung. Sie verteilten Schriften an Teilnehmende; mitten im Demonstrationszug war ein mehrere Meter hohes Holzkreuz zu sehen. Eine dieser Personen gab das Traktat „Ich war homosexuell, dann transsexuell … und jetzt?“ aus. Herausgegeben wird es von der Lukas-Schriftenmission; „Werde Licht“ bietet es in seinem Sortiment als „Gender-Traktat“ an. Der Inhalt der Schrift zeigt, worum es bei dieser Form der Mission geht. Eine trans* Identität wird darin als „Lüge“, „Selbstbetrug“, „Rebellion gegen Gott“ und „Sünde“ bezeichnet. Homosexualität erscheint als Zustand innerer Zerrissenheit. Die erhöhte Suizidalität homosexueller und trans* Menschen führt das Traktat auf ihre Identität zurück; Diskriminierung, Ausgrenzung und gesellschaftlicher Druck werden als Ursachen nicht behandelt. Als Ausweg gilt die Rückkehr zu einer als göttlich gesetzten Geschlechterordnung.

Die Mission richtet sich damit nicht nur allgemein an Passant. Die Schrift wird dort verteilt, wo Menschen ihre geschlechtliche und sexuelle Identität öffentlich und selbstbewusst zeigen. Sie macht die Teilnehmenden des CSD zu Missionsobjekten und beschreibt ihr Leben zugleich als Irrweg. Auch 2025 beobachtete die Redaktion große Holzkreuze in der Bremer Innenstadt. Eine mehrköpfige Missionsgruppe stand unmittelbar an der CSD-Route durch das Viertel. Auf vorbereiteten Plakaten fragte sie: „Himmel oder Hölle?“ und „Wo wirst du deine Ewigkeit verbringen?“ Dazu verteilte sie Drucksachen. Seit mindestens 2018 suchen Missionsgruppen gezielt den Bremer CSD auf. Sie tragen Kreuze und Bekehrungsbotschaften an die Route, verteilen religiöse Schriften und verbreiten gefilmte Einsätze anschließend über soziale Netzwerke.

Am 14. August 2026 dokumentierte AfD Watch Bremen außerdem eine organisierte Anti-Abtreibungsaktion von „Aktion SOS Leben“ und TFP in der Innenstadt. Mindestens 20 sichtbar Beteiligte zogen mit roten Standarten, Trommeln und Blechblasinstrumenten durch das Zentrum und traten vor dem St.-Petri-Dom auf. Auf Transparent und Flugblatt wurde Schwangerschaftsabbruch als „Sünde“ und als Tötung unschuldiger Menschen dargestellt. Hinter SOS Leben steht die Deutsche Vereinigung für eine Christliche Kultur; TFP führt sie als verwandte Struktur und dokumentiert gemeinsame Straßenkampagnen. Beide Organisationsräume verbinden ihre Anti-Abtreibungsarbeit mit Kampagnen gegen sogenannte „Gender-Ideologie“, sexuelle Bildung sowie queere und trans* Selbstbestimmung. Der zweite Teil dieser Serie rekonstruiert die dazugehörigen Organisationsstrukturen und Wege der Verbreitung. (SOS Leben; TFP-Strukturübersicht; DVCK; Eigenbeobachtung und Fotodokumentation der Redaktion, 14. August 2026)

Die St.-Martini-Gemeinde: Aussagen eines Eheseminars bleiben dauerhaft verfügbar

In der St.-Martini-Gemeinde bekam die Abwertung queerer Menschen eine besonders große Öffentlichkeit. Im Oktober 2019 hielt Pastor Olaf Latzel dort das Eheseminar „Biblische Fahrschule zur Ehe“. Die Gemeinde stellte die Audioaufnahme anschließend ins Internet. Latzel sprach unter anderem von „Genderdreck“, einer „Homo-Lobby“ und „Verbrechern“ auf dem Christopher Street Day. Die Bremische Evangelische Kirche (BEK) bewertete die Äußerungen als Diffamierung homosexuell lebender Menschen und leitete 2020 ein Disziplinarverfahren ein. Das wegen Volksverhetzung geführte Strafverfahren endete 2024 ohne Urteil: Es wurde gegen eine Geldauflage eingestellt. Latzel zahlte 5.000 Euro an das Rat&Tat-Zentrum, räumte „schwere Fehler“ und „sprachliche Entgleisungen“ ein und bat Betroffene um Entschuldigung. Im Mai 2025 beschloss der Kirchenausschuss zusätzlich, seine Bezüge für 48 Monate um fünf Prozent zu kürzen. Die einbehaltenen Beträge sollen Organisationen zugutekommen, die queere Menschen unterstützen.

Durch die Veröffentlichung machte die Gemeinde die Aussagen eines lokalen Seminars dauerhaft verfügbar: Sie blieben über den Tag und den Gemeinderaum hinaus abrufbar.

Eine Bibelstelle ist keine eindeutige politische Anweisung

Eine häufig angeführte Stelle lautet in der Lutherübersetzung: „Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Gräuel“ (3. Mose 18,22). Der Satz steht im Heiligkeitsgesetz der Tora zwischen weiteren Reinheits-, Sexual- und Ordnungsvorschriften. Welche Handlungen und historischen Verhältnisse er bezeichnet und wie er heute auszulegen ist, gehört zum theologischen Streit – er liefert keinen selbsterklärenden politischen Auftrag. Das wurde auch im Strafverfahren gegen Latzel sichtbar. Die evangelische Theologin Isolde Karle sagte 2022 als Sachverständige, in der evangelischen Wissenschaft bestehe ein breiter Konsens, Homosexualität sei keine Sünde, sondern Teil der Schöpfung. Ein anderer Sachverständiger vertrat die gegenteilige Auslegung. Schon diese Kontroverse zeigt: Latzels Position ist eine bestimmte theologische Deutung, kein unweigerlicher Wahrheitsanspruch des Christentums.

Auch innerhalb einer Theologie, die Homosexualität als Sünde bezeichnet, entsteht daraus kein Recht auf gesellschaftliche Ungleichbehandlung. Der Römerbrief erklärt die Sünde zur allgemeinen menschlichen Erfahrung; im Markusevangelium zählt Jesus die Nächstenliebe zu den höchsten Geboten. Wer einzelne Verse benutzt, um queeren Menschen Gleichwertigkeit oder Rechte abzusprechen, trifft deshalb eine politische Entscheidung – und gerät zugleich in Widerspruch zu zentralen Aussagen der eigenen religiösen Tradition.

Peter Hahne: Bekanntheit vergrößert die Reichweite

Auch Peter Hahne nutzte im August 2025 Kanzel und Mediathek der Gemeinde. Der frühere ZDF-Moderator sprach bei „500 Jahre Reformation St.-Martini“ von der Kanzel; die Gemeinde stellte seinen Auftritt in ihre Mediathek. Hahne bezeichnete eine „gendergerechte Zeitgeistideologie“ als mögliche Abweichung vom Evangelium. Er stellte „Hakenkreuz-Religion“ und „Regenbogen-Religion“ nebeneinander und ordnete feministische und queere Theologie mit weiteren von ihm abgelehnten Strömungen als „Schwurbeleien und Fake News“ ein. Die BEK distanzierte sich. Die Redebeiträge widersprächen ihren verfassungsmäßigen Grundsätzen; die Kirchenleitung missbillige die Verbreitung gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Zugleich verwies sie auf die weitreichende Selbstständigkeit der Gemeinden: Für die Veranstaltung und ihre Veröffentlichung trage St.-Martini allein die Verantwortung.

Hahnes Auftritt verband Kanzel und Mediathek der Gemeinde mit der Bekanntheit eines früheren Fernsehmoderators. Die gemeindeeigene Mediathek hielt seine Aussagen dauerhaft abrufbar und trug sie weit über St.-Martini hinaus.

Der Gemeindehilfsbund: Vom Glaubenssatz zur politischen Deutung

Ähnliche Begriffe finden sich im Mitteilungsblatt Aufbruch des Gemeindehilfsbundes. Der evangelikal-konservative Verein beschrieb Gender bereits 2021 als „Ideologie“ und als Teil eines umfassenden Kulturkampfs. Der Evangelischen Kirche in Deutschland warf das Blatt eine „unkritische Unterwerfung“ darunter vor. Vier Jahre später verband Aufbruch diese religiöse Geschlechterordnung ausdrücklich mit Politik. Die „Gender-Ideologie“ habe mit dem Amtsantritt Donald Trumps einen „erheblichen Dämpfer“ erhalten, hieß es. Zugleich beschrieb der Beitrag Zweigeschlechtlichkeit als ausschließlich biblisch und biologisch vorgegebene Ordnung. Eine Regierungspolitik erscheint hier als willkommenes Mittel gegen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Wandel.

In einer weiteren Ausgabe von 2025 sagte eine interviewte Person über viele trans* Menschen, sie seien in einer Ideologie „gefangen“; körperliche Transitionsmaßnahmen wurden pauschal problematisiert. Im selben Heft wurde die Frau als „Gegenüber, Ergänzung, Geschenk und Gehilfin für den Mann“ beschrieben. Ein theologischer Beitrag bestimmte ihre „Zielbestimmung“ als Hilfe für den Mann. Die Aussagen stammen von unterschiedlichen Autor und Interviewten. Das offizielle Verbandsmedium führt sie jedoch an einem Ort zusammen: Geschlechterhierarchie erscheint als religiöse Ordnung, gesellschaftlicher Wandel als ideologischer Angriff.

Ein gemeinsamer Studientag in der St.-Martini-Gemeinde

Am 25. April 2026 wurde aus inhaltlicher Nähe eine belegte Kooperation. St.-Martini, der Gemeindehilfsbund und ADF International veranstalteten in den Gemeinderäumen gemeinsam den Studientag „Christenverfolgung in Deutschland?!“. ADF International ist eine international tätige christliche Rechtsorganisation. Sie arbeitet mit juristischen Mitteln unter anderem zu Religions- und Meinungsfreiheit, Lebensschutz sowie Ehe und Familie. Der Flyer führte alle drei Organisationen als Veranstalterinnen auf; im Programm ging es auch um „rechtliche Spielräume und mediale Strategien“ für kirchliche „Mitarbeiter und Pfarrer unter Druck“. Die BEK sah darin den Versuch, einen ausgrenzenden christlich-nationalistischen Kulturkampf aus den USA zu importieren – insbesondere gegen Frauen- und LGBTQ-Rechte. Den Titel deutete sie als Selbstviktimisierung. Die Kirchenleitung erinnerte zudem daran, dass St.-Martini Ende November 2024 das „Ruhenlassen ihrer Rechte und Pflichten“ gegenüber der BEK erklärt hatte.

Der Studientag verschob die Perspektive: Als bedrängt erschienen nicht jene Menschen, die von Abwertung und Ausschluss betroffen sind, sondern religiöse Akteur, die wegen ihrer Positionen auf öffentliche Kritik, kirchliche Konsequenzen oder rechtliche Grenzen stoßen. Die Auseinandersetzung um Gleichberechtigung wurde so als Konflikt um Religions- und Meinungsfreiheit erzählt.

Die AfD Bremen: politische Übersetzung des Feindbildes

Bei der AfD Bremen wird aus der Abwehr geschlechtlicher und sexueller Vielfalt eine politische Forderung. Auf ihrer Internetseite wirbt die Partei für eine Zukunft Bremens „ohne Asylmissbrauch, Gendern und Inklusion in der Schule“. Beim rechten „Stolzmonat“, einer Gegenkampagne zum Pride Month, setzte der Landesverband 2024 der queeren Sichtbarkeit die Formel „Heimatliebe statt Randgruppenkult“ entgegen. Nach einem Bericht von Radio Bremen verband die Partei die Regenbogenflagge mit „Wokeismus“, „Bekämpfung von Familie“ und „Frühsexualisierung“.

Auf Nachfrage bestritt die AfD Bremen, homosexuellenfeindlich zu sein. Homosexuelle seien in der Partei willkommen; ihre Kritik richte sich gegen eine vermeintliche Vereinnahmung durch linke Identitätspolitik. Die Partei bestreitet also die Abwertung homosexueller Menschen und beschreibt deren öffentliche Sichtbarkeit zugleich als „Randgruppenkult“ und als Teil eines gegen Familie und Kinder gerichteten Projekts. Eine personelle Verbindung zwischen der AfD Bremen und dem Umfeld von St.-Martini besteht über Olaf Kappelt. AfD Watch Bremen dokumentierte den Bremer AfD-Spitzenkandidaten von 2021 als Akteur der „Christen in der AfD“; Kappelt bezeichnete sich selbst als eng mit St.-Martini verbunden und lehnte die „Ehe für alle“ ab. Belegt ist damit die Nähe eines AfD-Politikers zur Gemeinde – nicht eine formelle Kooperation zwischen St.-Martini und der AfD Bremen.

2026 trug der Bremer AfD-Landesvorsitzende und Bundestagsabgeordnete Sergej Minich diesen Konflikt in den Bundestag. In einer schriftlichen Frage wollte er den „konkreten Erkenntnisgewinn“ eines Bremer Kita-Medienkoffers für drei- bis vierjährige Kinder erfahren. Er verwies dabei auf Materialien zu Geschlechterrollen, Intergeschlechtlichkeit sowie nichtbinären und queersensiblen Perspektiven. Die Bundesregierung antwortete, der Medienkoffer werde nicht aus Bundesmitteln finanziert. Lokale queere Bildungsarbeit wurde so zum Gegenstand parlamentarischer Rechtfertigung.

Die CDU Bremen: Zwischen Gleichstellung und queer- und transfeindlichen Motiven

In der CDU Bremen treffen queerpolitische Schutz- und Gleichstellungsarbeit auf Problemrahmen, die auch in queer- und transfeindlichen Diskursen vorkommen. Nach Sachbeschädigungen an St.-Martini erklärte die CDU-Fraktion 2020, Angriffe auf Kirche und Pastor seien nicht hinnehmbar. Zugleich verurteilte ihr kirchenpolitischer Sprecher Claas Rohmeyer Aussagen Latzels, wenn sie sich gegen Freiheit und Vielfalt der Bremer richteten. Ein Jahr später warnte die Fraktion davor, konservativ-christliche Glaubensgemeinschaften durch parlamentarische Fragen zu evangelikalen Strömungen unter „Generalverdacht“ zu stellen. Der Schwerpunkt verschob sich damit von der Untersuchung politischen Einflusses zum Schutz konservativer Christ vor pauschaler Verdächtigung.

Eine ähnliche Spannung zeigt sich beim Selbstbestimmungsgesetz. Die Bremer Frauen Union bezeichnete das alte Transsexuellengesetz 2023 als überholt und teilweise verfassungswidrig und forderte ein Leben ohne Angst und Diskriminierung für trans* Menschen. Gleichzeitig warnte sie mit Verweis auf „biologisches Geschlecht“, Jugendliche, Frauenhäuser, Saunen und den Verteidigungsfall vor Schutzlücken und Missbrauch. Der Bremer CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Röwekamp stimmte 2024 gegen das Gesetz.

Auch die Debatte über Verwaltungssprache ist widersprüchlicher, als es ein einfaches Links-rechts-Schema nahelegt. Im Februar 2025 unterstützte die CDU-Fraktion den FDP-Antrag „Schluss mit Gendersprache im öffentlichen Dienst“. Dafür stimmten auch FDP, Bündnis Deutschland, ein AfD-Abgeordneter und mehrere Fraktionslose. Die CDU-Abgeordnete Hetav Tek benutzte in ihrer Rede selbst den Doppelpunkt, bezeichnete inklusive Sprache als wichtig und erklärte, sprachlicher Wandel lasse sich nicht politisch aufhalten. Ihre Zustimmung begründete sie mit klarer und barrierearmer Verwaltungssprache.

Daneben steht konkrete queerpolitische Arbeit. Ende 2024 gründete sich mit Unterstützung des Landesvorsitzenden Heiko Strohmann und des damaligen Fraktionsvorsitzenden Frank Imhoff eine Bremer Gruppe der Lesben und Schwulen in der Union. Im Juni 2025 diskutierte sie mit Tek und der Polizei über queerfeindliche Gewalt, queersensible Anzeigenaufnahme und Beratungsangebote – auch für queere Menschen, die von Rassismus betroffen sind, und für Geflüchtete. Vor dem CSD 2025 bekannte sich Strohmann zu Schutz, freier Entfaltung und Respekt; CDU und LSU nahmen gemeinsam an der Demonstration teil. In der Bremer CDU stehen damit zwei Linien nebeneinander: sichtbare Arbeit für Schutz und Gleichstellung sowie Debatten, in denen geschlechtliche Selbstbestimmung und Genderzeichen als Schutz- oder Ordnungsproblem erscheinen. Einzelne Motive queer- und transfeindlicher Diskurse reichen so bis in das konservative Spektrum. Die religiöse Verurteilung der Missionsgruppen und die politische Zuspitzung der AfD Bremen bilden davon unterscheidbare Positionen.

Die Brücke besteht aus Wiederholung, Reichweite und Übersetzung

Straßenmissionen begegnen queeren Menschen direkt beim CSD und erklären ihnen religiöse Umkehr zum Ausweg. Die Aktion von SOS Leben und TFP trägt einen verwandten religiösen Ordnungsdiskurs über Schwangerschaft, Geschlecht und Familie in einer eigenen Mobilisierungsform in die Innenstadt. St.-Martini bewahrt lokale Reden im digitalen Archiv auf. Ein bekannter Publizist wie Peter Hahne vergrößert das erreichbare Publikum. Der Gemeindehilfsbund bietet wiederkehrenden Deutungen ein eigenes Verbandsmedium. St.-Martini, Gemeindehilfsbund und ADF International schaffen einen belegten gemeinsamen Veranstaltungsraum. Die AfD übersetzt ähnliche Feindbildmotive in Kampagnen, parlamentarische Fragen und programmatische Forderungen. Die CDU verhandelt einzelne verwandte Problemrahmen in begrenzter Form, widerspricht einer pauschalen Abwertung queerer Menschen aber zugleich durch eigene Schutz- und Gleichstellungsarbeit.

Diese Wege reichen unterschiedlich weit: von einer gemeinsamen Veranstaltung über einen Gastauftritt und die Veröffentlichung in eigenen Medien bis zu ähnlich formulierten, aber unabhängig voneinander verbreiteten Deutungen. Ihre gemeinsame Klammer ist die Problemkonstruktion. Queere und trans* Menschen erscheinen als Gegenstand von Bekehrung, als Gefahr für Kinder und Familie, als theologische Abweichung oder als politisches Projekt. Die Begründungen wechseln; das Feindbild bleibt.

Queerfeindliche Gewalt ist kein Monopol eines Milieus

Queerfeindliche Gewalt ist aus unterschiedlichen ideologischen Zusammenhängen hervorgegangen. Eric Rudolph verletzte 1997 bei einem Bombenanschlag auf die vor allem von lesbischen Frauen besuchte Otherside Lounge in Atlanta fünf Menschen; das FBI beschrieb seine Ideologie unter anderem als homosexuellenfeindlich, regierungsfeindlich und abtreibungsfeindlich. In Tiflis griffen 2013 Tausende Gegendemonstrant eine queere Kundgebung an; nach Amnesty International wurden sie von Autoritäten der Georgischen Orthodoxen Kirche begleitet und offenbar ermutigt.

Ein ultraorthodoxer jüdischer Extremist tötete 2015 beim Jerusalem Pride die 16-jährige Shira Banki und verletzte fünf weitere Menschen. Rechtsextreme Anschläge auf den Londoner Pub „Admiral Duncan“ 1999 und die queere Bar „Tepláreň“ in Bratislava 2022 forderten zusammen fünf Todesopfer und zahlreiche Verletzte. Die Anschläge und Angriffe hatten islamistische, christlich beziehungsweise anders religiös legitimierte oder rechtsextreme Hintergründe. Für Bremen dokumentiert diese Recherche eine andere Ebene: die wiederkehrende Abwertung, die lange vor einer Gewalttat beginnt. Wenn geschlechtliche und sexuelle Vielfalt immer wieder als Ideologie, Sünde oder Bedrohung beschrieben wird, verschiebt sich der Ausgangspunkt der Debatte. Rechtfertigen müssen sich dann die Menschen, die gleiche Rechte in Anspruch nehmen und öffentlich sichtbar leben.

Was das persönlich bedeuten kann, beschreibt Rebecca Gefken von der Bremer feministischen und queerpolitischen Organisation Belladonna. Sie wuchs in einem christlich-fundamentalistischen Umfeld in Bremen auf und besuchte viele Gottesdienste Latzels. Als sie erkannte, dass sie queer ist, habe sie sich „falsch und sündig gefühlt“.

Gefken gelang der Weg aus diesem Umfeld. Sie wünsche sich, dass „keine jungen Queers die gleichen Schmerzen, die gleiche Ablehnung durchmachen müssen, so wie ich es musste“.

Ihre Erfahrung zeigt zugleich: Religiös begründete Abwertung bestimmt weder den Wert noch die Zukunft eines Menschen. Queere und trans* Personen schaffen in Bremen Sichtbarkeit, Gemeinschaft und eigene Wissensräume – auch dort, wo ihnen Sünde, Gefahr oder Abweichung zugeschrieben werden. Diese gesellschaftliche Realität ist viel stärker als der Anspruch einzelner Milieus, über die Gleichwertigkeit anderer zu urteilen.

Redaktion
AfD Watch Bremen

Teil 2 der Serie: Wie religiös-rechte Inhalte politische Räume erreichen und Teil 3: Wie Bremen auf queerfeindliche Mobilisierung reagiert

 


Redaktioneller Quellenhinweis: Die Beobachtungen zu den Missionsgruppen beim Bremer CSD 2024 und 2025 sowie zur SOS-Leben-/TFP-Aktion vom 14. August 2026 beruhen auf eigenen Bilddokumentationen der Redaktion AfD Watch Bremen. Bei der Aktion von 2026 sind die Organisationskennzeichnungen auf Transparent, Flugblatt und Standarten sichtbar. Die Zuordnung zu „Werde Licht“ stützt sich auf die Eigenveröffentlichung der Gruppe zum Bremer CSD 2022 und ihr eigenes Traktatangebot; die Beobachtungen aus den Jahren 2024 und 2025 werden im Text organisationsunabhängig beschrieben. Die öffentlich zugänglichen Belege sind an den jeweils von ihnen getragenen Aussagen im Text verlinkt.