„weserems.aktion“: Waffen, rechte Einschüchterung und Anschluss an die AfD
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Messer und Macheten, Angriffe auf linke Orte und Unterstützung am AfD-Stand: Die „weserems.aktion“ stand für eine militante Neonaziszene mit Verbindungen weit über Bremen hinaus. Aus den Ermittlungen von 2025 gingen weitere Verfahren hervor. Im Mai 2026 wurden neun Objekte in Bremen und Niedersachsen durchsucht. Hinter dem jungen Auftreten stehen eine gezielte Einschüchterungspraxis und Verbindungen zu älteren rechten Strukturen.

Waffen hinter der Straßenpose
Am 19. August 2025 durchsuchte die Polizei in Bremen Wohnungen von fünf Personen zwischen 19 und 30 Jahren, die sie der „weserems.aktion“ zurechnete. Nach dem Bericht von buten un binnen wurden Messer, Macheten, Dolche, Schlagringe und Teleskopschlagstöcke sowie nationalsozialistische Devotionalien und Datenträger sichergestellt. Die Maßnahmen dienten der Gefahrenabwehr: Die Polizei rechnete nach eigenen Angaben mit weiteren Straftaten. [1]
Am 17. September 2025 wurden erste Ermittlungsergebnisse öffentlich. Laut dem Bericht der Kreiszeitung ordnete die Polizei den Diebstahl zweier Banner vom Sielwallhaus dem untersuchten Zusammenhang zu. Die Transparente waren vor der Grünen-Zentrale präsentiert und Bilder davon im Internet verbreitet worden. Weitere Strafanzeigen betrafen beschädigte Fahrzeuge zweier Personen und den Besitz eines Schlagrings. Einem damals 22-Jährigen aus der Gruppe wurde die Beschädigung des Linken-Parteibüros im Juli 2025 zugerechnet. Das waren die veröffentlichten Tatvorwürfe und Ermittlungsergebnisse. [2]
Die politische Funktion dieser Angriffe liegt offen: Antifaschistische Orte werden als Ziele markiert, ihre Symbole als Trophäen vorgeführt und die Aktionen online verbreitet. Die Veröffentlichung verlängert die Einschüchterung über den Tatort hinaus. Wer ein Parteibüro oder einen linken Treffpunkt angreift, trifft zugleich die Menschen, die diese Räume nutzen. Gewaltbereitschaft wird so zur öffentlichen Machtdemonstration.
Mai 2026: Die Ermittlungen führen in rechte Chatgruppen
Am 21. Mai 2026 folgten Durchsuchungen von sechs Wohnungen in Bremen und drei in Niedersachsen. Der NDR berichtete am folgenden Tag über neun Beschuldigte zwischen 15 und 24 Jahren. Ihnen wurde vorgeworfen, in Messengergruppen unter anderem NS-Symbole, Hitlergrüße sowie rassistische und volksverhetzende Inhalte verbreitet zu haben. Sichergestellt wurden digitale Geräte, mehrere Messer, eine Schreckschusspistole, eine Softairwaffe und Propagandamaterial. [3]
Den Ausgangspunkt bildeten Chatgruppen, die bei der Auswertung eines zuvor beschlagnahmten Mobiltelefons entdeckt worden waren. Nach dem im Mai 2026 veröffentlichten Stand wurden die neuen Datenträger ausgewertet und Verbindungen zu weiteren rechtsextremen Jugendgruppen geprüft. Die Kreiszeitung berichtete außerdem über pornografische und gewaltverherrlichende Inhalte in den untersuchten Chats. [9]
Junges Auftreten, alte Neonazistrukturen
Andrea Röpke und Johann Frerichs rekonstruierten für ENDSTATION RECHTS die Verbindungen zum Umfeld der früheren NPD, heute „Die Heimat“, und ihrer Jugendorganisation Junge Nationalisten. Sie beschrieben gemeinsame Aufmärsche mit langjährigen Kadern und die Vernetzung mit „Verden verteidigen“. Der Partnerkanal warb bereits im Dezember 2024 für „weserems.aktion“. Das gemeinsame Feindbild war ausdrücklich die Antifa. Die neue Bezeichnung bot einer älteren neonazistischen Politik ein jugendliches Erscheinungsbild. [4]
Andreas Speit dokumentierte in der taz, wie der Telegramkanal Aufrufe der Jungen Nationalisten verbreitete und gegen Christopher-Street-Day-Veranstaltungen sowie die Erinnerung an die NS-Verbrechen agitierte. Seine Auswertung des Videos vom Sielwallhaus zeigt eine arbeitsteilige Aktion: Einige Beteiligte nahmen Banner ab, andere sicherten die Umgebung oder filmten. Anschließend folgte die Inszenierung mit rassistischer Symbolik vor der Grünen-Zentrale. [5]
Hier greifen politische Feindbilder, öffentliche Aktionen und digitale Selbstdarstellung ineinander. Queere Sichtbarkeit, antifaschistisches Engagement und die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus werden zu Angriffszielen. Die Bilder solcher Aktionen werben zugleich für ein Milieu, das Anerkennung durch Dominanz und Einschüchterung verspricht.
AfD-Stände als Anschlussstelle für Neonazis
Die antifaschistische Recherche von Antifa Bremen dokumentiert auch Unterstützungsaktivitäten für die AfD. Ein veröffentlichtes Foto zeigt zwei Akteure, die die Recherche der „weserems.aktion“ zuordnet, am 15. März 2025 an einem AfD-Stand in Gröpelingen. Weitere Bilder zeigen Personen aus diesem Zusammenhang gemeinsam bei der Unterstützung der Partei. Damit ist eine konkrete Kontaktfläche zwischen neonazistischer Straßenpolitik und der öffentlichen Arbeit der Bremer AfD dokumentiert. [6]
Diese Unterstützung ist politisch brisant: Der Parteistand verschafft dem militanten Milieu Anschluss an ein öffentliches Parteiformat. Die AfD profitiert von zusätzlicher Präsenz; die Unterstützer:innen können im Umfeld einer parlamentarisch vertretenen Partei auftreten. Wer solche Begegnungen auf die Kulisse eines gewöhnlichen Infostands reduziert, blendet die dokumentierten politischen Aktivitäten der Beteiligten aus.
Verbindungen in das Umfeld der „Friese“-Verurteilten
Röpke und Frerichs berichteten außerdem über enge Kontakte aus dem untersuchten Neonazimilieu zu Personen aus dem Kreis der wegen des Brandanschlags auf die „Friese“ Verurteilten. Die Verbindungen reichen damit in ein Umfeld, in dem politische Feindschaft bereits in lebensgefährliche Gewalt umgeschlagen ist. [4]
Für den Brand während eines Konzerts im Februar 2020 wurde der Hauptangeklagte am 22. Mai 2025 zu vier Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Das Landgericht stellte Hass auf politisch Andersdenkende als Tatmotiv fest. Zwei weitere Angeklagte erhielten wegen unterlassener Hilfeleistung Bewährungsstrafen. [8] Die Tat und ihre Aufarbeitung behandeln wir ausführlich im Beitrag Brandanschlag auf die Friese: Rechter Hass und staatliche Gleichgültigkeit.
Der Maßstab ist die Sicherheit der Angegriffenen
Der 2026 veröffentlichte Bremer Verfassungsschutzbericht für 2025 beschreibt „weserems.aktion“ als Bremer Ableger der Jungen Nationalisten und bezeichnet ihre Strukturen nach den Durchsuchungen als zerschlagen. Diese behördliche Bilanz steht im Abschnitt über die Entwicklung der Gruppe im Jahr 2025. Die im Mai 2026 bekannt gewordenen Verfahren betreffen die daraus hervorgegangenen Ermittlungen zu rechten Chatgruppen. [7] [9]
Für die politische Bewertung gehören die Waffenfunde, die Einschüchterung linker Orte, die queerfeindliche Propaganda und die Auftritte an AfD-Ständen zusammen betrachtet. Sie zeigen, wie militante Neonazis zwischen digitaler Vernetzung und öffentlicher Präsenz handeln. Der Schutz der angegriffenen Menschen verlangt konsequente Aufklärung, verlässlich finanzierte unabhängige Beratung und politische Rückendeckung für antifaschistische Arbeit. Demokratische Teilhabe wird dort verteidigt, wo Menschen bedrohte Räume weiter nutzen können, ohne ihre Sicherheit selbst organisieren zu müssen.
Den größeren Zusammenhang erschließen unsere Beiträge zu militanten Neonazis und der aktionsorientierten extremen Rechten sowie zu neonazistischer Einschüchterung unter dem Feindbild „Antifa“.
Redaktion
AfD Watch Bremen
Quellen und weiterführende Recherchen
Fachjournalistische Recherchen, regionale Berichterstattung und antifaschistische Bilddokumentation. Der amtliche Jahresbericht ergänzt die öffentlich erklärte Bewertung der Gruppenstruktur.
Bremer Polizei durchsucht Wohnungen mutmaßlicher Neo-Nazis
Bericht über die Durchsuchungen, die konkret benannten Waffenfunde und den angegebenen Zweck der Gefahrenabwehr.
Erfolgreiche Durchsuchungen bei Neonazis: Ermittler klären gleich mehrere Taten auf
Zu den veröffentlichten Ermittlungsergebnissen: Banner-Diebstahl, beschädigte Fahrzeuge, Linken-Büro und Schlagringbesitz.
Rechtsextreme Gruppierung: Polizei durchsucht Wohnungen
Zu den neun Beschuldigten, den Durchsuchungen vom 21. Mai 2026 und den dabei sichergestellten Gegenständen.
Fachrecherche über ältere Neonazinetzwerke, Jugendmobilisierung und Kontakte in das Umfeld der „Friese“-Verurteilten.
Polizei-Razzia bei der Weser-Ems-Aktion: Nur ein Knoten im Nazi-Netzwerk
Analyse des Telegram-Auftritts, der ideologischen Schwerpunkte und der gefilmten Aktion am Sielwallhaus.
„Viele Hände, schnelles Ende“ – Jungnazis in Bremen
Bilddokumentation zu Aufmärschen, Gruppenaktivitäten und zur Unterstützung des AfD-Standes am 15. März 2025 in Gröpelingen.
Verfassungsschutzbericht 2025, Seiten 110–111
Dokumentiert die behördliche Zuordnung zur JN und die erklärte Zerschlagung der damaligen Gruppenstruktur.
Urteil nach Feuer in Bremer „Friese“: Neonazi-Brandstifter verurteilt
Zum Brandanschlag von 2020, zum politischen Tatmotiv und zu den unterschiedlichen Schuldsprüchen.
Razzia gegen rechte Jugendgruppe – Messer und Nazi-Propaganda sichergestellt
Zum Zusammenhang mit der früheren Handyauswertung, zu den untersuchten Chatinhalten und zum damaligen Ermittlungsstand.
