
Heiko Werner auf einer Neonazi-Demonstration in Goslar, Foto: Recherche Nord.
Heiko Werner: Von Neonazi-Aufmärschen in den Beirat
Heiko Werner gelangte über die Liste von Bürger in Wut in den Beirat Vegesack. Zuvor nahm er an neonazistischen Aufmärschen teil; 2024 teilte er seinen Beitritt zur früheren NPD mit. Heute wird er als parteilos geführt. Seine politische Biografie verschwindet dadurch nicht – ebenso wenig wie die Verachtung, mit der er 2025 Vortragende und widersprechende Beiratsmitglieder anging.
Das aktuelle Mitgliederverzeichnis des Ortsamtes führt Werner weiterhin als Beiratsmitglied unter „Parteilos“. Für die Einordnung ist beides entscheidend: Seine heutige formale Zuordnung muss stimmen. Seine eigenen Aktivitäten in der neonazistischen Szene bleiben zugleich Gegenstand politischer Kritik.
Bürger in Wut öffnete den Weg ins Mandat
Andrea Röpke und Andreas Speit dokumentierten im Mai 2023 in der taz Werners Teilnahme an zwei Aufmärschen des Jahres 2018: im Mai in Bielefeld an einem Solidaritätsmarsch für die inhaftierte Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck, im Juni in Goslar am „Tag der deutschen Zukunft“ aus dem Umfeld von NPD und militanter Kameradschaftsszene. Das waren eigene politische Auftritte in einem neonazistischen Zusammenhang. Besonders der Haverbeck-Marsch hatte einen eindeutigen Gegenstand: die öffentliche Unterstützung einer Holocaustleugnerin.
Die BIW erklärten damals, Werners Hintergrund nicht gekannt zu haben. Nach Angaben des BIW-Vorsitzenden Jan Timke gegenüber der tagesschau räumte Werner Kontakte ein und verließ die Partei auf deren Aufforderung noch vor der Wahl. Auf dem Wahlvorschlag blieb sein Name stehen: Das amtliche Ergebnis vom 14. Mai 2023 verzeichnet Heiko Tido Werner auf Platz zwei der Vegesacker BIW-Liste mit 636 Personenstimmen. Der Parteiaustritt verhinderte seinen Einzug in den Beirat nicht. Die politische Distanzierung kam, nachdem BIW ihm bereits den Zugang zur Kandidatur eröffnet hatte.
„Die Heimat“: Entscheidung für eine neonazistische Partei
Im Februar 2024 folgte eine weitere dokumentierte Verbindung zur organisierten extremen Rechten. Laut Beiratsprotokoll vom 19. Februar hatte das Ortsamt am 16. Februar die Nachricht erhalten, Werner sei nach eigener Aussage „Die Heimat“ beigetreten. Der Tag der Mitteilung belegt nicht den genauen Eintrittstermin. Er belegt aber, dass Werner seine Zugehörigkeit zur umbenannten NPD gegenüber dem Ortsamt selbst erklärte.
Die ideologische Bedeutung dieses Schrittes ist konkret: Das Bundesverfassungsgericht stellte am 23. Januar 2024 fest, dass „Die Heimat“ die demokratische Verfassungsordnung durch einen autoritären Staat auf Grundlage einer ethnisch definierten „Volksgemeinschaft“ ersetzen will. Das Gericht beschrieb die Missachtung der Menschenwürde und der gleichen politischen Teilhabe sowie die fortbestehende Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus. Es schloss die Partei für sechs Jahre von der staatlichen Finanzierung aus. Werners mitgeteilter Beitritt verband ihn damit organisatorisch mit einer Partei, deren Programm Menschen nach Abstammung ausschließt. Die heutige Bezeichnung „parteilos“ hebt diese politische Entscheidung nicht auf.
Hitzevorsorge als Anlass für persönliche Herabsetzung
Am 28. April 2025 beriet der Beirat über den Hitzeaktionsplan. Es ging unter anderem um Trinkwasserangebote, Schatten und den Schutz älterer Menschen. Werner kritisierte zunächst die Datengrundlage der Präsentation. Dann griff er die beiden Vortragenden persönlich an: Sie wirkten wie „Karikaturen des Links-grünen Wokeismus“. Auf Widerspruch aus dem Beirat stellte er das Demokratieverständnis der anderen infrage und endete mit „Ihr Wichser!“. Der Sitzungsleiter ermahnte ihn. Der Wortlaut ist in einer amtlichen Anlage zum Protokoll festgehalten.
Die Szene zeigt, wie Werner eine Sachdebatte politisch auflud: Aus Fragen zu Karten und Quellen wurde eine Abwertung der Personen, die fachliche Informationen vortrugen. Mit dem Schlagwort „Wokeismus“ ordnete er sie einem politischen Feindbild zu. Widerspruch beantwortete er mit einer Beleidigung. Für sich selbst beanspruchte er demokratisches Gehör; anderen begegnete er mit demonstrativer Geringschätzung.
Werner hatte außerdem erklärt, die Sitzung werde auf Twitch übertragen. Nach einer Unterbrechung, während der er den Raum verließ, beschloss der Beirat einstimmig das Ende der digitalen Übertragung. Das Sitzungsprotokoll dokumentiert die Sorge über eine unkontrollierte Weiterverbreitung sowie Forderungen nach Sicherung der Aufzeichnung und rechtlicher Prüfung. Wer die Twitch-Übertragung betrieb, geht daraus nicht hervor. Die Folgen für die Sitzung sind dagegen festgehalten: Die Beratung wurde unterbrochen, die digitale Übertragung beendet. Ein Mandat verschafft Öffentlichkeit und Redezeit. Werners Auftritt zeigt, wie diese Möglichkeiten von Rechtsextremen zur persönlichen Herabsetzung genutzt werden können.
Redaktion
AfD Watch Bremen
Quellen und weiterführende Recherchen
Amtliche Sitzungsunterlagen, Wahlergebnis, aktuelle Mandatsübersicht und journalistische Recherchen.
Andrea Röpke und Andreas Speit · taz · 11. Mai 2023
Ziemlich unbürgerlich: Werners Teilnahme an Neonazi-Aufmärschen
Tagesschau · 12. Mai 2023
Statistisches Landesamt Bremen · Wahl vom 14. Mai 2023
Ortsamt Vegesack · 19. Februar 2024 · PDF, Seite 2
Bundesverfassungsgericht · 23. Januar 2024
„Die Heimat“: Verfassungsfeindliche Ziele und Ausschluss von der Parteienfinanzierung
Ortsamt Vegesack · 28. April 2025 · PDF
Amtliches Wortprotokoll zu Werners Äußerungen und den Reaktionen
Ortsamt Vegesack · 28. April 2025 · PDF, Seiten 3–5
Sitzungsprotokoll: Hitzeaktionsplan, Unterbrechung und Ende der digitalen Übertragung
Ortsamt Vegesack · Abruf 18. September 2026
