Autoritäre Versprechen verlieren, wenn Menschen aus sich selbst heraus zusammenstehen.

Warum antifaschistische Kultur stärker ist als autoritäre Versprechen

Wenn Menschen über Popkultur sprechen, geht es selten nur um Unterhaltung. Gerade bei global erfolgreichen Serien wird sichtbar, welche gesellschaftlichen Bilder anschlussfähig sind – und welche Konflikte darunter liegen. Ein besonders gutes Beispiel ist die Netflix-Serie Stranger Things: ein Massenphänomen, das weltweit von allen Milieus geschaut wird, auch von Menschen mit autoritären oder AfD-nahen rechten Einstellungen. Genau darin liegt ein aufschlussreiches Paradox, das mehr über Gegenwartspolitik verrät als manche Sonntagsrede.

Als sich im Verlauf von Stranger Things eine der zentralen Figuren als queer zu erkennen gibt, bleibt die Reaktion nicht auf den Bildschirm beschränkt. Innerhalb kürzester Zeit formiert sich eine internationale Empörungsdynamik, getragen von rechtsextremen, reaktionären und rechtskonservativen, religiösen Akteur:innen, wie Elon Musk, die aus einer Erzählung über Freundschaft, Angst und Solidarität einen Kulturkampf machen. Dieser Moment markiert mehr als mediale Aufregung. Er legt eine Bruchstelle offen – zwischen populärer Kultur und politischer Realität, zwischen dem, was emotional anschlussfähig ist, und dem, was politisch bekämpft wird.

Denn was in Stranger Things millionenfach rezipiert wird, ist kein Narrativ von Ordnung, Führung oder nationaler Einheit. Handlungsfähig wird eine kleine, heterogene Gruppe, die sich nicht über Hierarchie organisiert, sondern über Beziehung. Institutionen, Behörden, militärische Strukturen scheitern immer wieder an Kontrolle, Geheimhaltung und dem Versuch, Komplexität autoritär zu beherrschen. Handlungsmacht entsteht stattdessen dort, wo Menschen Wissen teilen, einander widersprechen, Gefühle zulassen und Verantwortung nicht delegieren, sondern gemeinsam tragen. Ordnung ohne Beziehung erweist sich als hohl; Solidarität ohne Befehl hingegen als tragfähig.

Unterschiedlichkeit ist keine Schwäche

Diese Gruppe funktioniert nicht trotz ihrer Unterschiedlichkeit, sondern gerade durch sie. Sensibilität, Queerness, körperliche Unterschiedlichkeit, emotionale Brüche – all das ist kein erzählerisches Beiwerk, sondern funktionsentscheidend. Ohne diese Perspektiven scheitert das gemeinsame Handeln. Damit wird ein zentrales autoritäres Versprechen unterlaufen: die Vorstellung, Homogenität mache Gesellschaften stark. Stranger Things zeigt das Gegenteil. Differenz ist hier keine Gefahr, sondern Ressource. Abweichung kein Risiko, sondern Voraussetzung kollektiver Handlungsfähigkeit. Das sind menschliche Züge, die autoritären Gesellschaften unterdrücken wollen.

Besonders deutlich wird dieser Widerspruch dort, wo queere Figuren selbstverständlich Teil dieser Gemeinschaft sind. Ihre Existenz wird nicht problematisiert, nicht erklärt, nicht geopfert. Sie ist Teil des Normalen. Genau hier greift der Denkfehler vieler AfD-naher Zuschauer*innen. Queeres Leben wird als fiktionales Element gelesen, als kulturelle Überzeichnung oder Zeitgeist – nicht als Spiegel realer gesellschaftlicher Existenz. Die Figuren werden akzeptiert, solange sie Unterhaltung bleiben. Dass sie Lebensrealitäten repräsentieren, die außerhalb des Bildschirms politisch delegitimiert, angegriffen und bedroht werden, wird ausgeblendet.

Dabei ist der Unterschied entscheidend. Die reale Gefahr für queere Menschen geht nicht von Monstern oder Parallelwelten aus. Sie geht von politischen Ideologien aus – von rechtsextremem, reaktionärem und menschenfeindlichem Denken, das Abweichung pathologisiert und Existenz infrage stellt. Während im Narrativ Solidarität schützt, erleben viele Menschen im Hier und Jetzt, dass genau diese Solidarität politisch relativiert wird. Sichtbarkeit wird zur Provokation erklärt. Selbstverständlichkeit zum Angriffsziel, zum Feindbild.

Diese Diskursverschiebung bleibt nicht abstrakt. Mit der fortschreitenden rechten Formierung nimmt die Bereitschaft zu, Individualität offen anzugreifen. Was abwertend als „Wokeness“ oder irreführend als „Genderkritik“ gerahmt wird, übersetzt sich in ein Klima wachsender Feindseligkeit gegenüber liberaler Praxis im öffentlichen Raum. Die Grenze zwischen Meinung und Bedrohung verschiebt sich schleichend. Abwertung wird normalisiert, Entmenschlichung rhetorisch vorbereitet, Gewalt plausibilisiert. Sie ist kein Betriebsunfall, sondern eine mögliche Konsequenz eines Denkens, das kalte Ordnung über Würde und Menschlichkeit stellt.

Kalte Ordnung verbindet nicht

Dem setzt Stranger Things eine andere Logik entgegen. Entscheidende Wendepunkte entstehen nicht durch Überlegenheit oder Vernichtung, sondern durch Erinnerung, Nähe oder Musik. Gewalt verliert dort Macht, wo Menschen an Beziehungen rückgebunden werden. Entmenschlichung – die Voraussetzung autoritärer Herrschaft – wird nicht frontal bekämpft, sondern unterlaufen. Menschlichkeit wirkt hier nicht moralisch, sondern praktisch.

Auch das Führungsversprechen der extremen Rechten läuft ins Leere. Es gibt keine Erlösungsfigur, keinen starken Führer, keine natürliche Hierarchie. Verantwortung zirkuliert, Führung ist situativ, fehlerhaft, teilbar. Das ist kein Zufall, sondern der Kern eines demokratischen und antifaschistischen Erzählmusters: Handlungsmacht entsteht nicht durch Unterordnung, sondern durch geteilte Verantwortung unter Berücksichtigung der individuellen Eigenschaften und Bedürfnisse eines Menschen.

Dass dieses Modell emotional so anschlussfähig ist – auch für Menschen, die politisch autoritäre Lösungen unterstützen – verweist auf einen zentralen Widerspruch. Die autoritäre Sehnsucht mag politisch mobilisierbar sein, sie bleibt jedoch emotional unerfüllt. Ordnung verspricht Sicherheit, erzeugt aber keine Bindung. Angst organisiert, trägt aber nicht.

Antifaschismus ist eine Praxis der Menschlichkeit

Gerade deshalb ist antifaschistische Kultur stärker als autoritäre Versprechen. Nicht, weil sie lauter wäre, sondern weil sie bindungsfähig ist. Nicht, weil sie moralisch überlegen auftritt, sondern weil sie erfahrbar macht, dass Freiheit, Pluralität und Solidarität handlungsfähig sind.

Zum Beginn eines neuen Jahres, in dem viele Menschen mit realer Angst auf die Stärke der extremen Rechten blicken, ist diese Erkenntnis mehr als Trost. Sie ist eine Aufforderung. Wenn autoritäre Politik Angst produziert und Vereinzelung verstärkt, dann braucht antifaschistische Praxis Nähe, Solidarität und den Mut, füreinander einzustehen. Nicht heroisch, nicht perfekt – sondern so, wie es Stranger Things als populäres, demokratisches Gruppen-Narrativ nahelegt: Unterschiede aushalten, Verantwortung teilen, sichtbar bleiben – und Ordnung niemals über Menschlichkeit stellen.

Demokratie entsteht dort, wo Menschen trotz Angst ihre Stimme erheben und handeln. Gemeinsam, sichtbar, solidarisch. Genau das wird im kommenden Jahr gebraucht.

Redaktion
AfD Watch Bremen