Glaube, Reichweite, rechte Politik
Christfluencer:innen und die überregionalen Verbindungen der christlichen Rechten in Bremen
Ein Dossier der fortlaufenden Rubrik „Christliche Rechte“. Es vertieft unsere dreiteilige Beitragsserie „Evangelikale Rechte“.
Eine ZDF-Recherche über rechte Christfluencer:innen zeigt, wie persönliche Glaubensbotschaften und politische Positionierungen ineinandergreifen. In Bremen lässt sich verfolgen, wie digitale Angebote, überregionale Kooperationen und der Streit um queerfeindliche Positionen zusammenkommen. Die Bremer St. Martini Gemeinde beteiligt sich dabei auch an der Abwehr der Kritik.
Eine Bremer Gemeinde steht auf einer Unterstützerliste, die mitten in die Debatte über rechte Christfluencer:innen führt. St. Martini, vertreten durch Jürgen Fischer, unterstützt die Erklärung „‚Rechte ChristInnen‘ oder (r)echter Glaube?“ des Gemeindehilfsbundes. Deren aktuell veröffentlichte dritte Auflage richtet sich auch gegen die ZDF-Reportage „Christliche Influencer mit rechter Agenda?“. Sie wirft kirchlichen Kritiker:innen vor, die öffentliche Herabsetzung christlicher Gruppen zu legitimieren. Die Unterstützerliste führt die Gemeinde ohne Datum ihrer Unterstützung oder Angabe der unterstützten Textfassung; die Kritik an der Reportage findet sich in der aktuellen Erklärung.
Damit erhält die bundesweite Auseinandersetzung um religiöse Influencer:innen einen konkreten Bremer Bezug. Die Erklärung verbindet die Verteidigung des eigenen Glaubensverständnisses mit Angriffen auf jene, die seine politischen Folgen untersuchen. Zugleich baut St. Martini digitale Gemeinschaftsangebote aus und arbeitet mit überregionalen Organisationen zusammen. Diese Entwicklungen führen über die Frage hinaus, was einzelne Predigten und Videos vermitteln: Wie entstehen aus religiöser Ansprache dauerhafte Bindungen, organisatorische Zusammenarbeit und politische Anschlussfähigkeit?
Wenn Glaubensbotschaften politische Wirkung entfalten
Die ZDF-Recherche vom 28. Januar 2026 untersucht vor allem Jasmin Friesen, die unter „liebezurbibel“ auftritt, und Leonard Jäger, bekannt als „Ketzer der Neuzeit“. Friesen verbreitete demnach ein Interview Jägers mit Alice Weidel samt dessen guten Wünschen für die Bundestagswahl 2025. Zugleich erklärte sie, dies sei keine Wahlwerbung; sie sei bereit, mit allen Politiker:innen über Jesus zu sprechen. In dieser Spannung liegt die politische Bedeutung des Vorgangs: Die religiöse Selbstbeschreibung begleitet die Verbreitung eines Beitrags, der Unterstützung für die AfD-Kandidatin ausdrückt. Das ZDF dokumentiert außerdem eine gemeinsame Veröffentlichung über einen queeren Gottesdienst. Der Theologe Hans-Ulrich Probst bewertet Friesens Zusammenarbeit mit Jäger als Beitrag zur Normalisierung von dessen extrem rechten Positionen. Diese Vorgänge und die Einordnung sind in der Reportage ab 12:23 beziehungsweise 15:04 Minuten nachvollziehbar.
Für Bremen führt ein bereits bekannter Rechercheweg über Tobias Riemenschneider weiter. Seine Frankfurter Gemeinde veröffentlichte schon im August 2021 einen Podcast Riemenschneiders und Peter Schilds zum Fall Olaf Latzel. Die Auseinandersetzung um den Bremer Pastor wurde damit zum Gegenstand eines überregionalen religiösen Medienangebots. Die ZDF-Reportage behandelt Riemenschneiders Auftritt in Jägers Glaubenspodcast und zeigt anschließend eine AfD-Wahlempfehlung aus einem eigenständigen Post von 2023. Martin Fritz von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen untersucht darüber hinaus Riemenschneiders Auftritt bei den „Christen in der AfD“ im Oktober 2025 und dessen Vorstellung einer christlich bestimmten staatlichen Ordnung. Hier wird der politische Anspruch ausdrücklich: Religiöse Maßstäbe sollen die Auswahl politischer Parteien und die Ordnung des Gemeinwesens bestimmen. Riemenschneiders Rolle in dieser Verbindung von theologischer Begründung, Medienauftritt und Parteipolitik beschreibt Fritz anhand des Vortrags und weiterer Veröffentlichungen.
Aus dem Stream wird Gemeinschaft
In Bremen lässt sich die Weiterentwicklung digitaler religiöser Ansprache an St. Martini untersuchen. Die Gemeinde bietet neben der Übertragung von Predigten einen regelmäßigen Online-Hauskreis mit Bibelarbeit, Austausch und Gebet an. Der Gemeindebrief vom Frühjahr 2026 berichtet außerdem über Online-Konfirmandenunterricht für Jugendliche aus Deutschland, Österreich und Ungarn. Für 2027 wird eine gemeinsame Konfirmation in Bremen angekündigt. Im folgenden Gemeindebrief schildern Internetgemeindemitglieder, wie bei einem Bremer Treffen 2024 Kontakte zwischen Menschen aus Tuttlingen und Geisingen entstanden und anschließend regelmäßiges gemeinsames Bibellesen und Beten begannen. Die Eigenberichte beschreiben konkrete Wege von der digitalen Teilnahme zu wiederkehrenden Kontakten und örtlicher Gemeinschaft. Sie finden sich in den Gemeindebriefen Nr. 152, Seiten 4–5 und Nr. 153, Seiten 15–16.
Mit der 2026 angekündigten CV Martini soll diese überörtliche Zugehörigkeit eine weitere Form erhalten. Die Gründungsankündigung richtet sich an Menschen, die der Gemeinde- und Lebensordnung zustimmen. Sie beschreibt einen beitragsfreien Beitritt, einen jederzeit möglichen Austritt und erklärt ausdrücklich, es entstünden keine weiteren Verpflichtungen. Welche Vorstellungen die Zustimmung umfasst, zeigt die veröffentlichte Gemeindeordnung: Gleichgeschlechtliche Paare werden weder gesegnet noch getraut, theologischer Pluralismus wird abgelehnt. Zugleich untersagt sie parteipolitische Veranstaltungen in Gemeinderäumen und parteipolitische Stellungnahmen in der Verkündigung. Digitale Zugehörigkeit wird so mit einer ausformulierten religiösen und sozialen Ordnung verbunden. Die Ankündigung verbindet diese Vernetzung mit einer Kritik an Gemeindefusionen und dem Rückzug der Landeskirchen aus der Fläche. Als Ziele nennt sie regionale Anlaufstellen, Hauskreise, Hausgemeinden und möglicherweise selbstständige Vereinsgemeinden. Damit entwirft St. Martini eine überörtliche Organisationsperspektive für das eigene Glaubensverständnis.
Gemeinsame Veranstaltungen, dauerhafte Unterstützung
Die Zusammenarbeit mit dem Gemeindehilfsbund und ADF International reicht über einzelne Auftritte hinaus. Die Pfarrerhilfe stellt sich als Projekt des Gemeindehilfsbundes dar und nennt St. Martini und ADF als Unterstützer. Sie bietet die Erfassung von Fällen, die Vermittlung juristischer Kontakte und gegebenenfalls Unterstützung durch Beratung oder Vertretung an. Die Falleinreichung führt zur Rechtshilfe von ADF International. St. Martini beschreibt das Angebot auch im Gemeindebrief Nr. 153 auf Seite 11. Damit ist ein fortlaufendes Unterstützungsangebot dokumentiert, das die bereits recherchierte Veranstaltungskooperation ergänzt.
Öffentlich umstritten war im April auch ein gemeinsamer Studientag in St. Martini. Am 15. April 2026 distanzierte sich der Kirchenausschuss der Bremischen Evangelischen Kirche vom bevorstehenden Studientag „Christenverfolgung in Deutschland?!“. Er wandte sich gegen den Import eines gegen Frauen- und LGBTQ-Rechte gerichteten christlich-nationalistischen Kulturkampfs aus den USA und kritisierte die im Veranstaltungstitel erkennbare Selbstviktimisierung. Eine weitere Ebene eröffnet die eigene Veranstaltungswerbung St. Martinis: Der Gemeindebrief Nr. 152, Seite 12 bezeichnet den Studientag als Abschluss der vorausgehenden Outreach-Woche mit Lighthouse. Die Gemeinde stellte Missionswoche und Studientag damit in einen gemeinsamen Veranstaltungszusammenhang.
Die Kritik wird selbst zum Konfliktfeld
Die von St. Martini unterstützte Erklärung beantwortet die Debatte mit einer umfassenden Kritik an kirchlichen Fachstellen und Einrichtungen der Rechtsextremismusprävention. Ihre aktuelle Fassung greift unter anderem Daniel Rudolphi, Sonja Angelika Strube und Martin Fritz an; auch Mobile Beratung, die Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche + Rechtsextremismus, die Amadeu Antonio Stiftung und apabiz werden behandelt. Die Autor:innen stellen die fachlichen und politischen Grundlagen der Kritik infrage. Gleichzeitig bekennt sich die Erklärung zu Grundgesetz und Volkssouveränität, lehnt Wahlempfehlungen ab und weist einen Anspruch auf staatliche oder gewaltsame Durchsetzung eigener theologischer und ethischer Vorstellungen zurück. Die Zehn Gebote bezeichnet sie dennoch als Maßstab politischen Handelns. Diese Aussagen stehen in der dritten Auflage auf den Seiten 9–17.
Damit verlagert sich der Streit auf die Frage, wie religiöse Überzeugungen, politische Forderungen und demokratische Gleichberechtigung zusammenpassen. Für eine kritische Bewertung zählt, welche Rechte konkrete Forderungen anderen Menschen zugestehen und welche sie beschränken sollen. Rudolphis Untersuchung „Der Staat als ‚Tyrann‘“ setzt dafür an veröffentlichten Aussagen über Kirche, Staat und politische Ordnung an. Die Bremer Unterstützungsbekundung macht die Auseinandersetzung örtlich greifbar: St. Martini beteiligt sich an einer problematischen gemeinsamen öffentlichen Antwort auf wissenschaftliche und journalistische Kritik.
Auch für Bremerhaven gehört die kirchliche Positionierung zum Bild. Pastor:innen der Großen Kirche und der Michaelis-Paulus-Gemeinde kündigten bereits 2023 einen CSD-Gottesdienst und einen Kirchenstand an. Sie begründeten dies mit Gottes vorbehaltloser Liebe und thematisierten das Leid durch Vorurteile gegen queeres Leben. Diese öffentliche Stellungnahme aus Bremerhaven dokumentiert eine ausdrücklich queerfreundliche kirchliche Positionierung. Im Land Bremen stehen sich damit unterschiedliche religiös begründete Vorstellungen von Zugehörigkeit und Gleichberechtigung gegenüber.
Der Bremer Fall zeigt mehrere Formen überregionaler Zusammenarbeit: Medienbeiträge greifen den lokalen Konflikt auf, digitale Gemeindeangebote schaffen regelmäßige Kontakte, und gemeinsame Projekte bieten organisatorische Unterstützung. Die politische Bedeutung dieser Verbindungen reicht über einzelne Videos hinaus. Sie liegt auch darin, wie religiöse Ordnungsvorstellungen vermittelt, Gemeinschaften organisiert und Positionen gegen öffentliche Kritik verteidigt werden.
Die Recherche geht weiter
Dieses Dossier vertieft einen Ausschnitt unserer Berichterstattung über die christliche Rechte. Die bisherige dreiteilige Serie untersucht, wie queerfeindliche Feindbilder unterschiedliche Milieus verbinden, wie religiös rechte Inhalte von Gemeinden bis in politische Institutionen gelangen und wie staatliche und kirchliche Stellen in Bremen darauf reagieren.
In der Rubrik „Christliche Rechte“ führen wir diese Recherchen zusammen und setzen sie mit weiteren Dossiers fort. Im Fokus stehen die politischen und ideologischen Verbindungen von Christfluencer:innen, die überregionalen Netzwerke örtlicher Akteur:innen und ihre Bedeutung für Bremen und Bremerhaven. Dabei bleibt die Frage zentral, welche Folgen religiös begründete Abwertung und politische Mobilisierung für Betroffene haben.
Redaktion
AfD Watch Bremen
