Das Netzwerk · Straßenmilitanz und Neonazistrukturen
Militante Neonazis und aktionsorientierte extreme Rechte
Waffen, Chats und AfD-Wahlkampf: Bremens militante Neonaziszene organisiert sich neu
Junge Aktionsgruppen greifen auf ältere Kontakte zurück. Rechte Hooligans setzen auf Einschüchterung, extrem rechte Kampfsportnetzwerke verbinden Training mit politischer Vernetzung, Rechtsrock schafft Bindung und Einnahmen. Die Bremer Beispiele reichen vom Angriff auf antirassistische Fans über Konzert- und Boxveranstaltungen bis zu dokumentierten Kontakten im AfD-Wahlkampf. Antifaschistische Recherche und die Gegenwehr Betroffener machen diese Verbindungen sichtbar.
Einleitung: Wie sich Bremens militante Neonaziszene neu organisiert
Neun Beschuldigte zwischen 15 und 24 Jahren, rechtsextreme Chatgruppen, Messer, eine Schreckschusspistole und Propagandamaterial: Die Durchsuchungen vom Mai 2026 zeigen, wie schnell sich in Bremen und seinem niedersächsischen Umland eine neue Generation militanter Neonazis formiert. Neu sind vor allem die Namen, die digitalen Formate und das junge Erscheinungsbild. Dahinter stehen ältere Kader, gewachsene Rechtsrock- und Kampfsportnetzwerke – und dokumentierte Berührungspunkte bis hinein in den Straßenwahlkampf der Bremer AfD.
Wer Bremens militante Neonaziszene nur nach offiziell registrierten Organisationen betrachtet, unterschätzt ihre Beweglichkeit. Gruppen entstehen kurzfristig, wechseln ihre Bezeichnung oder verschwinden aus der Öffentlichkeit. Die beteiligten Personen, politischen Feindbilder und sozialen Verbindungen bestehen häufig weiter. Antifaschistische Recherchegruppen, Fachjournalist:innen und Beratungsstellen dokumentieren deshalb nicht nur Organisationsnamen, sondern auch gemeinsame Aufmärsche, Konzerte, Kampfsportveranstaltungen, Angriffe und politische Kontaktflächen. Die jüngsten Ermittlungen bestätigen diese Perspektive. Im Jahr 2025 wurden zunächst Strukturen der „weserems.aktion“ durchsucht. Im Mai 2026 folgten Maßnahmen gegen eine deutlich jüngere Gruppe von Beschuldigten aus Bremen und Niedersachsen.
Parallel zeigen Recherchen von AfD Watch Bremen und Recherchen der Seite Antifa Bremen, dass Akteur:innen aus diesem Umfeld auch an AfD-Infoständen auftraten. Das Dossier zeichnet diese Entwicklung vom gegenwärtigen Jugendmilieu bis zu den älteren Bremer Netzwerken nach.
Neun Durchsuchungen – der Nachwuchs ist längst da
Am 21. Mai 2026 wurden sechs Objekte in Bremen und drei in Niedersachsen durchsucht. Wie Radio Bremen über die jüngste Razzia berichtete, richten sich die Ermittlungen gegen neun Beschuldigte im Alter zwischen 15 und 24 Jahren. In Messenger-Gruppen sollen sie Bilder, Sticker und Nachrichten mit nationalsozialistischen, rassistischen und volksverhetzenden Inhalten verbreitet haben. Hinzu kamen pornografische und gewaltverherrlichende Dateien. Sichergestellt wurden digitale Geräte, mehrere Messer, eine Schreckschusspistole, eine Softairwaffe und rechtsextremes Propagandamaterial. Die strafrechtlichen Ermittlungen dauern an; über eine individuelle Schuld ist damit noch nicht entschieden. Die neuen Verfahren entstanden aus der Auswertung eines Mobiltelefons, das bereits bei früheren Ermittlungen gegen die „weserems.aktion“ beschlagnahmt worden war. Schon im August 2025 hatte die Polizei Wohnungen von fünf mutmaßlichen Gruppenmitgliedern durchsucht. Damals fanden die Ermittler:innen nach dem Bericht von buten un binnen über die ersten Durchsuchungen unter anderem Messer, Macheten, Dolche, Schlagringe, Teleskopschlagstöcke, nationalsozialistische Devotionalien und Datenträger.
Die Auswertung dieses Materials führte zu weiteren Tatvorwürfen. Radio Bremen dokumentierte im September 2025, dass Tatverdächtige mit dem Diebstahl antifaschistischer Banner, einer inszenierten Aktion vor der Bremer Grünen-Zentrale, der Beschädigung eines Büros der Partei Die Linke und Verstößen gegen das Waffengesetz in Verbindung gebracht wurden. Die erneuten Durchsuchungen von 2026 widersprechen der Vorstellung, mit der ersten Razzia sei das politische Umfeld dauerhaft erledigt gewesen. Selbst wenn ein öffentlich sichtbarer Kanal verstummt, können die dazugehörigen Kontakte in kleineren Chats, privaten Gruppen und neuen Jugendzusammenhängen weiterleben.
Junges Logo, alte Drahtzieher
Die „weserems.aktion“ präsentierte sich als junge, moderne und regional verwurzelte Aktionsgruppe. Die dahinterliegenden Verbindungen waren älter. Andrea Röpke und Johann Frerichs rekonstruierten bei Endstation Rechts, wie erfahrene Akteur:innen aus dem Umfeld der früheren NPD und ihrer Jugendorganisation JN beim Aufbau jüngerer Strukturen mitwirkten. Die Gruppe war eng mit dem Kanal „Verden verteidigen“ verbunden. Dieser und das Netzwerk „Hermanns.Heide“ werden von den Autor:innen dem Umfeld des früheren NPD-Projekts „Inferno Deutschland“ zugerechnet. Auch die bei den Durchsuchungen gefundenen Materialien verweisen auf ältere Bremer Akteur:innen. Dazu gehörte die Schrift „Ein Fähnlein“, für die der langjährig aktive Bremer Neonazi und frühere NPD-Unterstützer Henrik Ostendorf verantwortlich zeichnet. Ostendorf trat zudem gemeinsam mit Akteur:innen aus dem Umfeld der „weserems.aktion“ bei Aufmärschen auf. Die vermeintlich spontane Jugendgruppe war damit nicht von der bestehenden Szene getrennt, sondern in ein regionales Geflecht aus Parteiaktivismus, Kameradschaftsmilieu und subkulturellen Angeboten eingebunden.
Der Fachjournalist Andreas Speit wertete in der taz auch den Telegram-Auftritt der Gruppe aus. Der Kanal erreichte zeitweise mehr als 150 Abonnent:innen und verbreitete regelmäßig Inhalte der Jungen Nationalisten. Wiederkehrende Themen waren Angriffe auf Christopher-Street-Day-Veranstaltungen und auf die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen. Der digitale Auftritt verband jugendkulturelle Inszenierung mit offenem Neonazismus: kurze Videos, martialische Posen und Provokationen sollten Aufmerksamkeit erzeugen, Zugehörigkeit anbieten und politische Gegner:innen einschüchtern. Röpke und Frerichs berichteten außerdem über ein Umfeld von rund 30 sehr jungen, stark durch TikTok geprägten Neonazis an Schulen in Leeste und Kirchweyhe. Dokumentiert wurden nationalsozialistische Schmierereien, Böllerwürfe und die Einschüchterung von Mitschüler:innen. Nicht jede Person, die einem Kanal folgt oder ein einschlägiges Video teilt, ist deshalb bereits Mitglied. Sichtbar wird jedoch ein regionales Rekrutierungsfeld, in dem ältere Kader, digitale Vorbilder und lokale Cliquen ineinandergreifen.
Einschüchterung wird zum Social-Media-Format
Die Aktionen der „weserems.aktion“ richteten sich vor allem gegen linke und antifaschistische Orte, Parteien, queere Menschen und die demokratische Zivilgesellschaft. Dabei ging es nicht allein um Sachbeschädigungen. Die Aktionen wurden gefilmt, fotografiert und anschließend als vermeintliche Erfolge verbreitet. Der politische Angriff wurde dadurch zugleich zum digitalen Rekrutierungsmaterial.
Eine ausführliche Dokumentation von Antifa Bremen zeigt Aufkleberaktionen, nationalsozialistische Schmierereien, eingeschlagene Fensterscheiben, Provokationen vor linken Einrichtungen und die Teilnahme regionaler Neonazis an Aufmärschen in Braunschweig, Magdeburg, Dresden, Gelsenkirchen und Herford. Besonders öffentlichkeitswirksam war der Diebstahl von Bannern am Sielwallhaus. Anschließend posierten Beteiligte mit der Beute vor der Geschäftsstelle der Grünen und zeigten ein rassistisches Handzeichen. Die Fachrecherche von Röpke und Frerichs dokumentierte darüber hinaus Angriffe auf das Weser-Aller-Bündnis WABE. Rechtsextreme warfen Propagandamaterial ein, filmten die Aktion und veröffentlichten sie. Gegen die zivilgesellschaftliche Fachstelle hatte es zuvor bereits Sachbeschädigungen gegeben. Der Zweck solcher Aktionen liegt nicht nur in ihrer unmittelbaren Wirkung. Beratungsstellen, Jugendzentren, Parteien und queere Initiativen sollen gezwungen werden, Zeit und Geld in Schutzmaßnahmen zu investieren und ihre öffentliche Arbeit unter einem permanenten Bedrohungsgefühl fortzuführen.
Auch die queerfeindliche Mobilisierung besitzt eine strategische Funktion. CSD-Veranstaltungen bieten jungen Neonazis bundesweit sichtbare Feindbilder, an denen sie Gemeinschaft, Männlichkeit und Gewaltbereitschaft inszenieren können. Die lokale Gruppe war deshalb Teil einer überregionalen Entwicklung: Junge Aktionsgruppen reisen zu queerfeindlichen Aufmärschen, produzieren dort Bilder für soziale Netzwerke und bringen die entstandenen Kontakte anschließend in ihre Heimatregionen zurück.
Am AfD-Stand endet die behauptete Distanz
Besonders brisant sind die dokumentierten Berührungspunkte zur Bremer AfD. Die Recherche von Antifa Bremen enthält Bildmaterial, auf dem Akteur:innen aus dem Umfeld der „weserems.aktion“ gemeinsam als Unterstützer:innen der AfD auftreten. Zwei von ihnen waren demnach am 15. März 2025 an einem AfD-Infostand in Gröpelingen beteiligt.
AfD Watch Bremen machte im September 2025 eigene weitergehende Rechercheergebnisse öffentlich. Danach traten Teile der Gruppierung wiederholt an Bremer AfD-Infoständen auf, unterstützten die Partei und gingen militant gegen Protestierende vor. Nach Erkenntnissen der Redaktion waren dabei auch Mitglieder des Bremer AfD-Landesvorstands und der Bundestagsabgeordnete Sergej Minich anwesend. Diese Recherche ist für die Einordnung zentral, weil sie die Szene nicht nur auf Neonaziaufmärschen zeigt, sondern an einem niedrigschwelligen Ort regulärer Parteiarbeit. Die Infostände selbst sind kein beiläufiges Wahlkampfformat. Wie die aktuelle Analyse von AfD Watch Bremen zur extrem rechten Dauerpräsenz zeigt, nutzt die Partei wiederkehrende Stände in Walle, Gröpelingen, Hemelingen, Bremen-Nord, der Innenstadt und Bremerhaven zur politischen Normalisierung, Kontaktpflege, Rekrutierung und Herstellung digitaler Reichweite. Gerade diese offene Struktur macht sie zu möglichen Kontaktzonen zwischen Funktionär:innen, Parteimitgliedern, Sympathisant:innen und Personen aus dem militanten Vorfeld.
Aus den Bildern allein folgt keine formal vereinbarte Zusammenarbeit zwischen der AfD und der „weserems.aktion“. Dokumentiert ist jedoch, dass bekannte Akteur:innen aus dem Neonaziumfeld nicht nur zufällig in der Nähe eines Standes standen, sondern dort unterstützend auftraten. Die von der Partei behauptete Distanz zur militanten Neonaziszene verliert dadurch erheblich an Glaubwürdigkeit.
Die „Friese“ brannte – den Durchbruch brachte die antifaschistische Zivilgesellschaft
Wie wichtig unabhängige zivilgesellschaftliche Recherche für die Aufklärung rechter Gewalt ist, zeigt der Brandanschlag auf das Bremer Jugendzentrum „Friese“. In der Nacht zum 16. Februar 2020 wurde oberhalb eines laufenden Konzerts Feuer gelegt. Mehr als 30 Menschen befanden sich im Gebäude. Mehrere Personen erlitten Rauchvergiftungen, der Sachschaden lag bei rund 200.000 Euro. Dass niemand getötet wurde, war vor allem der rechtzeitigen Entdeckung des Brandes zu verdanken.
Die entscheidenden Hinweise kamen nicht aus der ursprünglichen Polizeiarbeit. Wie Jean-Philipp Baeck und Lotta Kampmann in der taz rekonstruierten, übermittelte eine antifaschistische Recherchegruppe der Polizei im Oktober 2020 ein umfangreiches Dossier mit möglichen Tätern, Verbindungen und Indizien. Diese Hinweise brachten die Ermittlungen entscheidend voran. Im späteren Prozess wurden zugleich erhebliche Verzögerungen und eine unzureichende Berücksichtigung des politischen Tatkontextes sichtbar. Im Mai 2025 verurteilte das Bremer Landgericht den Haupttäter wegen schwerer Brandstiftung und gefährlicher Körperverletzung zu vier Jahren und neun Monaten Haft. Zwei weitere Angeklagte erhielten wegen unterlassener Hilfeleistung Bewährungsstrafen. Buten un binnen dokumentierte bei der Urteilsverkündung, dass das Gericht Hass auf politisch Andersdenkende als Tatmotiv feststellte.
Die Opferberatungsstelle soliport und der Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt bewerteten die Tat als rechtsterroristischen Anschlag und kritisierten die schleppenden Ermittlungen. Röpke und Frerichs berichteten später über enge Kontakte aus dem Umfeld der „weserems.aktion“ zu Personen aus dem Kreis der wegen des Anschlags Verurteilten. Dadurch wird die „Friese“ nicht zu einer Tat der später gegründeten Gruppe. Sichtbar wird aber, dass die jüngeren Aktionszusammenhänge in ein Milieu hineinreichen, in dem der Übergang von Einschüchterung zu lebensgefährlicher Gewalt bereits vollzogen wurde.
Vom Gruppenchat bis zur Anschlagsanleitung
Neben den sichtbaren Aktionsgruppen existiert eine zweite, schwerer erkennbare Form der Radikalisierung. In internationalen Chatnetzwerken werden nationalsozialistische Ideologie, extreme Gewaltdarstellungen, Frauenfeindlichkeit, Rassismus und die Verehrung rechtsterroristischer Attentäter miteinander vermischt. Für Jugendliche kann der Weg von einem provozierenden Meme zu detaillierten Anschlagsfantasien sehr kurz werden.
Ein im Bremer Verfassungsschutzbericht 2025 dokumentierter Fall zeigt die mögliche Eskalation. Auf dem Mobiltelefon eines jungen Bremer Rechtsextremen wurde der „Terror Guide“ des internationalen Netzwerks „No Lives Matter“ gefunden. Das Pamphlet enthält unter anderem Anleitungen für Brand- und Sprengvorrichtungen sowie für schwere Gewalttaten. Ein auswärtiger Kontakt versuchte den Bremer nach Angaben des Berichts dazu zu bringen, im Land Bremen einen rechtsterroristischen Anschlag zu begehen. Der Vorgang zeigt, in welchem digitalen Umfeld sich auch lokale Radikalisierungen bewegen können. Die Chatgruppen aus dem Ermittlungsverfahren von 2026 enthielten ebenfalls rechtsextreme, sexualisierte gewaltförmige und allgemein gewaltverherrlichende Dateien. Ideologie, sexualisierte Erniedrigung und Gewaltkonsum bilden dabei keine getrennten Bereiche. Sie können sich zu einem Weltbild verdichten, in dem Gewalt als Ausweg oder politischer Auftrag präsentiert wird.
Rechte Hooligans: Gewalt gegen eine antirassistische Fankultur
Der Ostkurvensaal: Antirassismus sollte bestraft werden
Im Januar 2007 überfielen rechte Hooligans die Jubiläumsfeier der antirassistischen Ultra-Gruppe „Racaille Verte“ im Ostkurvensaal des Weserstadions. Die Fangruppe Infamous Youth hielt 2011 fest, dass Gäste geschlagen und bespuckt wurden; zwei Personen mussten ins Krankenhaus. Weitere Angriffe seien für den Fall angekündigt worden, dass die Fans an ihrer antirassistischen Haltung festhielten. Beteiligte ordnete die Stellungnahme der „Standarte Bremen“, „Nordsturm Brema“ und deren Umfeld zu. Die damalige Erklärung der Fans macht den politischen Zweck deutlich: Gewalt sollte bestimmen, wer sich im Stadion öffentlich gegen Rassismus positionieren durfte. Die Auseinandersetzung um Tat und Verfahren behandelt das Dossier „Der Ostkurvensaal-Komplex“.
Die Namen verschwanden teilweise, die Verbindungen nicht. Die Mobile Beratung Bremen beschrieb für 2019, wie frühere Mitglieder von „Standarte Bremen“, auch „Standarte 88“, und „City Warriors Bremen“ trotz Auflösungserklärungen in Neonazimilieus eingebunden blieben oder in Rockerclubs wechselten. Beim Pokalspiel Atlas Delmenhorst gegen Werder Bremen am 10. August 2019 dokumentierte sie erneut Drohungen und versuchte Angriffe auf antifaschistische Fans. Historische Gruppenbezeichnungen allein erklären deshalb wenig. Entscheidend ist, ob Personen weiterhin gemeinsam auftreten, Gegner:innen bedrohen und Kontakte zwischen Fußballumfeld und organisierter extremer Rechter aufrechterhalten.
Wie Fans den rechten Führungsanspruch durchbrachen
Die Bremer Fangeschichte erzählt auch von erfolgreicher Gegenwehr. Gareth Joswig rekonstruierte 2017 in der taz, wie antifaschistische Ultras die rechte Dominanz herausforderten. Nach dem Überfall auf den Ostkurvensaal erstatteten annähernd 50 Personen gemeinsam Anzeige. Fans machten den politischen Charakter der Tat öffentlich und verlangten Unterstützung von Verein und Fanprojekt. Die Reportage benennt dabei auch die anfängliche Kritik Betroffener an einer beschwichtigenden Vermittlungspolitik. Später gründete Werder eine Arbeitsgruppe gegen Diskriminierung; das Fanprojekt setzte klarere Grenzen gegenüber rechter Kleidung. Dieser Wandel musste gegen Einschüchterung und die Vorstellung erkämpft werden, Antirassismus störe einen ansonsten unpolitischen Fußballbetrieb.
Wer die Fanszene pauschal mit rechten Hooligans gleichsetzt, macht gerade diejenigen unsichtbar, die sich ihnen entgegenstellen. Ihre Erfahrung zeigt: Gemeinsames Handeln kann die Macht gewaltbereiter Gruppen begrenzen, wenn Betroffene Rückhalt erhalten und Vereine Verantwortung übernehmen. Das Lernzentrum OstKurvenSaal des Fan-Projekts Bremen bietet heute politische Bildung zu Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus an. Solche Angebote setzen dort an, wo rechte Rekrutierung ebenfalls beginnt: beim Wunsch nach Zugehörigkeit, Anerkennung und einem Platz in der Gruppe. Ein Stadion wird nicht allein durch ein Bekenntnis des Vereins diskriminierungsärmer, sondern durch den Schutz der Menschen, die dieses Bekenntnis im Alltag vertreten.
Kampfsport: Training, Geschäft und politische Vernetzung
Bremer Neonazis waren am Aufbau überregionaler Strukturen beteiligt
Bremens Rolle reicht über die Teilnahme einzelner Sportler:innen hinaus. Robert Claus beschreibt im VOLLKONTAKT-Monitoringbericht 2025, veröffentlicht 2026, dass Neonazis aus Bremen, Dortmund und Ludwigshafen 2013 den späteren „Kampf der Nibelungen“ mitgründeten. Im Umfeld des Turniers verbanden sich Kampfsportgruppen mit Bekleidungsmarken und Sponsoren. Zu diesem Netzwerk gehörten auch „SportFrei“ aus Bremen und der „Nordic Fightclub“ aus dem Bremer Raum. Sportliche Auftritte, Verkauf und politische Kontakte stützten sich damit gegenseitig. Der Bericht analysiert körperliche Gewaltbefähigung, Rekrutierung und Einnahmen als zusammenhängende Funktionen des extrem rechten Kampfsports.
Für 2019 machte die Mobile Beratung diese Verbindungen konkret: Henrik Ostendorfs „Sport Frei-Versand“ unterstützte den geplanten „Kampf der Nibelungen“ in Ostritz, während Bremer Neonazis als „Nordic Fightclub“ beim Turnier „Tiwaz“ antraten. Die Beratung beschrieb außerdem „Nordic 12“ als aus der „Brigade 8 – Bremen Crew“ hervorgegangene Bruderschaft. Hier trafen verschiedene Rollen aufeinander: Handel und Sponsoring, kämpfende Teilnehmer:innen sowie Gruppen, die Zusammenhalt und Hierarchie organisierten. Die Befunde beziehen sich auf die jeweils dokumentierten Jahre. Für die Netzwerkgeschichte zeigen sie, dass Bremer Akteur:innen sportliche und wirtschaftliche Ressourcen in eine überregionale Neonaziszene einbrachten.
Dünsen 2025: Ein Boxring bringt die Milieus zusammen
Ein jüngerer Verbindungspunkt war das „Open Air Boxing“ am 20. Juli 2025 beim „West Side Place“ in Dünsen im niedersächsischen Landkreis Oldenburg. Nach der Vor-Ort-Recherche von Otto Belina hatte das Hells-Angels-Charter „West Side“ eingeladen. Unter den Anwesenden waren der Organisator des „Kampf der Nibelungen“, Alexander Deptolla, und „Kategorie C“-Sänger Hannes Ostendorf. Als Mitinitiator benannte der Bericht Christoph Mohrmann, früher aktiv bei „Nordsturm Brema“. Der bekannte Neonazi Lasse Richei trat als Boxer an. Die Rollen unterscheiden sich: Veranstalten, Kämpfen und Zuschauen sind verschiedene Beteiligungen. Zusammen belegen sie jedoch einen konkreten gemeinsamen Treffpunkt von Rocker-, Hooligan- und Neonazimilieu.
Am Veranstaltungsrand wurden Support-Shirts verkauft. Sport, Kontaktpflege und Vermarktung fanden am selben Ort statt. Welche Gewinne daraus entstanden und wohin sie flossen, ist damit nicht belegt. Für die regionale Einordnung ist zudem die Recherche von Andrea Röpke und Johann Frerichs zur „weserems.aktion“ relevant: Sie beschrieben Verbindungen führender Akteur:innen zu „C 60“ und „Division 1161“, Kontakte zu Deptolla und die Teilnahme an dem Boxevent. Die Zusammenschau zeigt, wie jüngere Aktionszusammenhänge Zugang zu älteren Szenekontakten finden können. Eine gemeinsame Dachorganisation lässt sich daraus nicht ableiten. Die weiter reichenden Rockerbeziehungen behandelt der Schwerpunkt „Rechte Rockerszene“.
Die Trainingskultur entscheidet mit
Aus Kampfsport allein folgt keine rechte Orientierung. Eine VOLLKONTAKT-Studie von Robert Claus, Michael Staack und Olaf Zajonc unterschied 2022 auf Grundlage von acht Interviews drei Typen von MMA-Studios: solche mit aktiver Prävention, solche mit gleichgültiger Haltung und solche, deren Trainingskultur Gewalt und Diskriminierung begünstigt. Die qualitative Untersuchung liefert keine repräsentative Quote rechter Studios. Sie zeigt aber, warum Regeln und Verantwortliche wichtig sind: Wer darf trainieren, wer leitet an, welche Abwertungen werden geduldet und wie reagiert die Leitung auf menschenfeindliche Symbole oder Verhalten?
Für den Umgang mit den dokumentierten Bremer Verbindungen ergibt sich daraus ein praktischer Maßstab. Veranstalter:innen entscheiden, wem sie einen öffentlich sichtbaren Auftritt ermöglichen; Trainer:innen prägen, ob Stärke mit Verantwortung oder mit Verachtung anderer verbunden wird. Eine Hausordnung ist erst wirksam, wenn sie auch gegenüber angesehenen Kämpfer:innen und zahlenden Mitgliedern durchgesetzt wird. Der Wunsch nach einem störungsfreien Trainingsbetrieb darf keine Ausrede sein, Betroffene mit rassistischen oder queerfeindlichen Angriffen allein zu lassen. Kampfsport kann Schutz und Selbstvertrauen vermitteln, wenn die Menschen geschützt werden, die ihn ausüben.
Rechtsrock: Musik bindet, Konzerte vernetzen, Vertriebe verdienen
„Kategorie C“ verbindet Hooliganmilieu und Neonaziszene
Bei der Bremer Band „Kategorie C“ sind die politischen Verbindungen nicht allein an einzelnen Liedtexten abzulesen. Die Exif-Recherche zur Wiederbelebung von „Combat 18“ dokumentierte Konzerte mit Beteiligung von C18-Akteur:innen und gemeinsame Auftritte mit der Neonaziband „Oidoxie“, unter anderem 2016 in Dortmund und 2017 in Themar. Fußball, Freundschaft und Gewalt boten dabei Anknüpfungspunkte über das engere Neonazimilieu hinaus. Die dokumentierten Auftritte belegen konkrete Kontakte und gemeinsame Veranstaltungszusammenhänge. Sie machen nicht automatisch jede Person im Publikum zum Mitglied eines militanten Netzwerks.
Gerade diese Reichweite macht Musik politisch wirksam: Ein Konzert stellt Nähe her, ohne dass die Besucher:innen vorher ein Parteiprogramm lesen oder einer Organisation beitreten müssen. Wiederholte Begegnungen können Vertrautheit schaffen; bekannte Musiker:innen geben einem Treffen Anziehungskraft. Die Teilnahme von Sänger Hannes Ostendorf am Boxevent in Dünsen zeigt einen weiteren Berührungspunkt zwischen Musik- und Kampfsportmilieu. Der Bremer Verfassungsschutzbericht 2025 nennt zudem weiterhin Auftritte unter „Hannes Solo“ und „Kategorie C Solo“. Ein Wechsel des Auftrittsnamens ist deshalb nicht mit einem politischen Rückzug gleichzusetzen.
Woltmershausen und Bremerhaven: Räume für die Begegnung
Für Bremen-Woltmershausen dokumentierte Antifa Bremen Veranstaltungen im „Pusdorper Leuchtturm“: ein Konzert von „Kategorie C“ am 16. September 2018, einen Vortrag des Dortmunder Neonazis Robin Schmiemann im März 2024 und einen Auftritt von „Lunikoff“ Ende 2024. Zu Letzterem veröffentlichte die Recherchegruppe ein Foto; ihre Dokumentation zur „weserems.aktion“ ordnet auch einzelne Besucher:innen diesem jüngeren Zusammenhang zu. Damit wird ein Übergang zwischen Generationen sichtbar: Ein Musikabend kann junge Aktionsgruppen mit etablierten Szenegrößen zusammenbringen. Die Einordnung folgt den dokumentierten Veranstaltungen; sie setzt keine belegte Mitgliedschaft aller Gäste in derselben Organisation voraus.
Auch Bremerhaven gehört zur Geschichte solcher Verbindungen. Andrea Röpke berichtete bereits in einem ursprünglich am 2. August 2003 veröffentlichten Text über ein Konzert von „Kategorie C“ beim dortigen „Gremium MC“. Der spätere Nachdruck trägt das Datum 2008; der Bericht beschreibt einen älteren Vorgang. Der historische Befund macht Bremerhaven als Veranstaltungsort sichtbar, belegt aber keinen heutigen Konzertbetrieb. Zusammen mit den Bremer Beispielen zeigt er die Bedeutung verfügbarer Räume: Wer einen Ort bereitstellt, ermöglicht Begegnungen zwischen Milieus, die in einer bloßen Liste von Bands, Clubs und politischen Gruppen getrennt erscheinen würden.
Der Vertrieb verlängert die Wirkung über den Konzertabend hinaus
Musik bleibt durch Tonträger, Kleidung und andere Waren im Alltag präsent. Für die Bremer Band „Endstufe“ nennt der Verfassungsschutzbericht 2025 den in Bremen ansässigen „ESE Sound Shop“ als Vertrieb von Musik und Merchandise; zugleich beschreibt er für dieses Jahr nur geringe Bandaktivität. Wenige öffentliche Auftritte sind damit nicht gleichbedeutend mit dem Ende eines Angebots. Die längerfristige Verbindung von Bands, Labels und internationalen Kontakten wird im anschließenden Kapitel zu den Hammerskins behandelt.
Ein Vertrieb macht aus einem punktuellen Musikerlebnis ein wiederholt kaufbares Angebot. Kleidung kann Zugehörigkeit nach außen zeigen; Tonträger und digitale Werbung halten den Kontakt zum Publikum. Verkäufe schaffen Einnahmen, deren Höhe und Verwendung jeweils gesondert belegt werden müssen. Aus einem Szeneshop folgt kein Nachweis einer Finanzierung konkreter Gewalttaten. Politisch relevant ist bereits die erkennbare Infrastruktur: Veranstaltungsorte ermöglichen Treffen, Musiker:innen ziehen Publikum an, Vertriebe halten Waren verfügbar. Deshalb gehört Rechtsrock in eine Netzwerkanalyse, die neben Ideologie auch betrachtet, wie Beziehungen gepflegt und Aktivitäten materiell getragen werden.
| Bereich | Funktion | Konkreter Bezug |
|---|---|---|
| Rechte Hooligans | Einschüchterung und der Versuch, politische Positionierungen im Fanumfeld zu kontrollieren. | Überfall auf antirassistische Fans im Ostkurvensaal 2007. |
| Extrem rechter Kampfsport | Körperliche Ausbildung, persönliche Vernetzung und Vermarktung. | Bremer Verbindungen zum „Kampf der Nibelungen“; Boxevent in Dünsen 2025. |
| Rechtsrock | Szenebindung, Kontaktpflege und Einnahmen aus Musik und Waren. | Dokumentierte Konzerte in Woltmershausen und Bremerhaven; Bremer Musikvertrieb. |
Phalanx 18: AfD Watch machte die Verbindung öffentlich
Das Muster einer jungen, aggressiv auftretenden Neonazigruppe mit Verbindungen in den AfD-Wahlkampf war bereits 2019 sichtbar. Damals trat in Bremen „Phalanx 18“ auf. Die Gruppe suchte im Viertel und an der Schlachte gezielt Auseinandersetzungen, bedrohte politische Gegner:innen und griff vermeintlich linke Fußballfans an. Zugleich plante sie für den Jahrestag der Novemberpogrome einen neonazistischen „Liederabend“.
AfD Watch Bremen recherchierte die Aktivitäten der Gruppe und konnte nachweisen, dass ihre Akteur:innen zuvor am Europawahlkampf der Bremer AfD beteiligt gewesen waren. Die Redaktion entdeckte Bilder, auf denen der damalige AfD-Schatzmeister und stellvertretende Landesvorsitzende der Jungen Alternative, Mertcan Karakaya, gemeinsam mit späteren „Phalanx 18“-Akteur:innen vor AfD-Wahlplakaten posierte. Die beteiligten Männer bezeichneten ihre Tätigkeit selbst als „Begleitschutz“ für die AfD-Plakatierer:innen. Die Recherche löste eine breitere Berichterstattung und parlamentarische Nachfragen aus. Jean-Philipp Baeck griff den Fund für die taz auf. Der damalige AfD-Landesvorsitzende Peter Beck erklärte den Kontakt zu einer einmaligen Begegnung. Karakaya habe einen der Männer gekannt, ihre angebotene Hilfe angenommen und das gemeinsame Plakatieren später wegen einer aggressiven Stimmung abgebrochen.
Nach weiteren Angriffen wurde „Phalanx 18“ im November 2019 verboten. Andreas Speit und David Siegmund-Schultze dokumentierten in der taz die Durchsuchungen, die Gewaltinszenierung der Gruppe und ihre Verbindungen in die Rechtsrock-, Hooligan- und Kampfsportszene. Das Verbot beendete ihren offenen Auftritt unter diesem Namen. Es beseitigte jedoch nicht das Milieu, aus dem die Gruppe entstanden war. Die Bedeutung des Falls liegt deshalb nicht in der Behauptung einer dauerhaft organisierten Kooperation zwischen AfD und „Phalanx 18“. Entscheidend ist die nachgewiesene Durchlässigkeit: Personen aus einer später militant auftretenden Neonazigruppe konnten sich am Wahlkampf beteiligen und gemeinsam mit einem AfD-Landesvorstandsmitglied präsentieren. Dass Jahre später erneut Akteur:innen einer Neonazigruppe an AfD-Ständen auftauchten, macht aus dem Fall von 2019 mehr als eine historische Randnotiz.
Das lange Gedächtnis der Bremer Szene
Die ältesten bis heute nachwirkenden Strukturen reichen weit in die Rechtsrock- und Skinheadszene der 1990er-Jahre zurück. Eine besonders umfassende zivilgesellschaftliche Rekonstruktion legte Exif mit der Recherche „Das geheime Netzwerk der Hammerskins“ vor. Danach wurde das Bremer Chapter 1993 gegründet und gehörte zu den ältesten deutschen Ablegern des internationalen Neonazinetzwerks. Sein Schwerpunkt lag im Rechtsrock. Bands wie „Endstufe“, „Endlöser“ und „Hetzjagd“, Musiklabels, Vertriebe und internationale Konzerte verbanden Bremen mit Hammerskin-Strukturen in Deutschland, den Niederlanden, Spanien, Italien und weiteren Ländern. Das Chapter half beim Aufbau anderer regionaler Ableger und entwickelte Unterstützungsstrukturen wie die „Crew 38“. Musik war dabei nicht nur Propaganda, sondern zugleich Finanzierungsquelle, Kontaktbörse und Instrument dauerhafter Szenebindung.
Exif dokumentiert außerdem die Beteiligung Bremer Hammerskins an lokalen „Anti-Antifa“-Aktivitäten. Dabei wurden Informationen über politische Gegner:innen gesammelt, fotografiert und innerhalb der Szene weitergegeben. Nach den Recherchen wurden solche Informationen auch für Angriffe und Übergriffe genutzt. Hier zeigt sich eine langfristige Arbeitsteilung: Einige Akteur:innen organisieren Konzerte oder Vertriebe, andere betreiben Kampfsport, sammeln Daten oder treten auf der Straße gewaltsam auf. Das Bremer Hammerskin-Chapter erklärte laut Landesbericht 2025 am 28. Dezember 2025 seine Auflösung. Zuvor hatte das Bundesverwaltungsgericht das bundesweite Verbot der „Hammerskins Deutschland“ aufgehoben. Das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts beruhte darauf, dass das Gericht keine den regionalen Chaptern übergeordnete bundesweite Vereinigung als Verbotsobjekt feststellen konnte. Über die neonazistische Ideologie oder die konkreten Aktivitäten der einzelnen Chapter entschied das Gericht damit nicht. Eine Auflösungserklärung beendet zudem nicht automatisch die persönlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen, die über Jahrzehnte entstanden sind.
Kleine Gruppen, großes Gewaltpotenzial
Die öffentlich sichtbaren Gruppen in Bremen bestehen häufig nur aus wenigen Personen. Das macht sie nicht ungefährlich. Die Stärke des Milieus liegt gerade in seiner Fähigkeit, unterschiedliche Organisationsformen zu verbinden: kurzfristige Jugendgruppen, private Chatnetzwerke, langjährige Neonazikader, Rechtsrock, Kampfsport, rockerähnliche Bruderschaften und politische Kontaktflächen. Die behördlichen Zahlen für 2025 markieren die Größenordnung, erklären aber nicht das Netzwerk. Für 2025 wurden im Land Bremen etwa 240 Personen der rechtsextremen Szene zugerechnet. Rund 120 von ihnen galten als gewaltorientiert. Etwa 180 Personen wurden keinem festen organisatorischen Zusammenhang zugerechnet. Gerade diese große unstrukturierte Gruppe verdeutlicht, warum ein Blick allein auf Parteien und verbotene Vereine zu kurz greift.
Auch die registrierte rechte Kriminalität nahm deutlich zu. Nach den vom Bremer Senat veröffentlichten Zahlen stieg die politisch motivierte Kriminalität rechts im Jahr 2024 um 26,8 Prozent. Die Zahl der Gewaltdelikte erhöhte sich von acht im Jahr 2023 auf 18 im Jahr 2024. Gleichzeitig wuchs das erfasste rechtsextreme Personenpotenzial zunächst von 210 auf 220 und im folgenden Jahr auf etwa 240 Personen. Diese Zahlen bilden nur den bekannt gewordenen Teil der Entwicklung ab. Die tiefergehenden Recherchen zeigen das entscheidende Muster: Neue Gruppen entstehen nicht trotz der Schwäche älterer Organisationen, sondern häufig gerade durch ihr flexibles Vermächtnis. Erfahrene Kader liefern Ideologie, Kontakte und Veranstaltungsorte. Soziale Netzwerke beschleunigen die Rekrutierung. Kampfsport und Rechtsrock schaffen Gemeinschaft. Angriffe auf queere, linke und demokratische Orte erzeugen Aufmerksamkeit und Einschüchterung. AfD-Infostände können schließlich eine Kontaktfläche zur parteiförmig organisierten extremen Rechten eröffnen. Die Bremer Neonaziszene ist deshalb weder eine geschlossene Organisation noch eine bloße Ansammlung isolierter Einzeltäter:innen. Sie funktioniert als bewegliches Milieu. Seine Gruppen können schnell verschwinden, während Personen, Feindbilder und Beziehungen erhalten bleiben. Wer erst hinsieht, wenn ein Verein verboten, eine Waffe gefunden oder ein Anschlag verübt wurde, schaut zu spät hin.
Die wirksamsten frühen Erkenntnisse kamen in Bremen wiederholt aus fachjournalistischer und antifaschistischer Recherche: beim Brandanschlag auf die „Friese“, bei „Phalanx 18“, bei der „weserems.aktion“ und bei den Verbindungen zu AfD-Ständen. Diese Arbeit macht sichtbar, was Organisationsnamen und Jahresstatistiken allein nicht zeigen – die Übergänge zwischen digitaler Radikalisierung, Straßenmilitanz, subkultureller Infrastruktur und parteipolitischer Normalisierung.
