Waffen, Chats und AfD-Wahlkampf: Bremens militante Neonaziszene organisiert sich neu

Neun Beschuldigte zwischen 15 und 24 Jahren, rechtsextreme Chatgruppen, Messer, eine Schreckschusspistole und Propagandamaterial: Die Durchsuchungen vom Mai 2026 zeigen, wie schnell sich in Bremen und seinem niedersächsischen Umland eine neue Generation militanter Neonazis formiert. Neu sind vor allem die Namen, die digitalen Formate und das junge Erscheinungsbild. Dahinter stehen ältere Kader, gewachsene Rechtsrock- und Kampfsportnetzwerke – und dokumentierte Berührungspunkte bis hinein in den Straßenwahlkampf der Bremer AfD.

Wer Bremens militante Neonaziszene nur nach offiziell registrierten Organisationen betrachtet, unterschätzt ihre Beweglichkeit. Gruppen entstehen kurzfristig, wechseln ihre Bezeichnung oder verschwinden aus der Öffentlichkeit. Die beteiligten Personen, politischen Feindbilder und sozialen Verbindungen bestehen häufig weiter. Antifaschistische Recherchegruppen, Fachjournalist:innen und Beratungsstellen dokumentieren deshalb nicht nur Organisationsnamen, sondern auch gemeinsame Aufmärsche, Konzerte, Kampfsportveranstaltungen, Angriffe und politische Kontaktflächen. Die jüngsten Ermittlungen bestätigen diese Perspektive. Im Jahr 2025 wurden zunächst Strukturen der „weserems.aktion“ durchsucht. Im Mai 2026 folgten Maßnahmen gegen eine deutlich jüngere Gruppe von Beschuldigten aus Bremen und Niedersachsen.

Parallel zeigen Recherchen von AfD Watch Bremen und Recherchen der Seite Antifa Bremen, dass Akteur:innen aus diesem Umfeld auch an AfD-Infoständen auftraten. Das Dossier zeichnet diese Entwicklung vom gegenwärtigen Jugendmilieu bis zu den älteren Bremer Netzwerken nach.

Neun Durchsuchungen – der Nachwuchs ist längst da

Am 21. Mai 2026 wurden sechs Objekte in Bremen und drei in Niedersachsen durchsucht. Wie Radio Bremen über die jüngste Razzia berichtete, richten sich die Ermittlungen gegen neun Beschuldigte im Alter zwischen 15 und 24 Jahren. In Messenger-Gruppen sollen sie Bilder, Sticker und Nachrichten mit nationalsozialistischen, rassistischen und volksverhetzenden Inhalten verbreitet haben. Hinzu kamen pornografische und gewaltverherrlichende Dateien. Sichergestellt wurden digitale Geräte, mehrere Messer, eine Schreckschusspistole, eine Softairwaffe und rechtsextremes Propagandamaterial. Die strafrechtlichen Ermittlungen dauern an; über eine individuelle Schuld ist damit noch nicht entschieden. Die neuen Verfahren entstanden aus der Auswertung eines Mobiltelefons, das bereits bei früheren Ermittlungen gegen die „weserems.aktion“ beschlagnahmt worden war. Schon im August 2025 hatte die Polizei Wohnungen von fünf mutmaßlichen Gruppenmitgliedern durchsucht. Damals fanden die Ermittler:innen nach dem Bericht von buten un binnen über die ersten Durchsuchungen unter anderem Messer, Macheten, Dolche, Schlagringe, Teleskopschlagstöcke, nationalsozialistische Devotionalien und Datenträger.

Die Auswertung dieses Materials führte zu weiteren Tatvorwürfen. Radio Bremen dokumentierte im September 2025, dass Tatverdächtige mit dem Diebstahl antifaschistischer Banner, einer inszenierten Aktion vor der Bremer Grünen-Zentrale, der Beschädigung eines Büros der Partei Die Linke und Verstößen gegen das Waffengesetz in Verbindung gebracht wurden. Die erneuten Durchsuchungen von 2026 widersprechen der Vorstellung, mit der ersten Razzia sei das politische Umfeld dauerhaft erledigt gewesen. Selbst wenn ein öffentlich sichtbarer Kanal verstummt, können die dazugehörigen Kontakte in kleineren Chats, privaten Gruppen und neuen Jugendzusammenhängen weiterleben.

Junges Logo, alte Drahtzieher

Die „weserems.aktion“ präsentierte sich als junge, moderne und regional verwurzelte Aktionsgruppe. Die dahinterliegenden Verbindungen waren älter. Andrea Röpke und Johann Frerichs rekonstruierten bei Endstation Rechts, wie erfahrene Akteur:innen aus dem Umfeld der früheren NPD und ihrer Jugendorganisation JN beim Aufbau jüngerer Strukturen mitwirkten. Die Gruppe war eng mit dem Kanal „Verden verteidigen“ verbunden. Dieser und das Netzwerk „Hermanns.Heide“ werden von den Autor:innen dem Umfeld des früheren NPD-Projekts „Inferno Deutschland“ zugerechnet. Auch die bei den Durchsuchungen gefundenen Materialien verweisen auf ältere Bremer Akteur:innen. Dazu gehörte die Schrift „Ein Fähnlein“, für die der langjährig aktive Bremer Neonazi und frühere NPD-Unterstützer Henrik Ostendorf verantwortlich zeichnet. Ostendorf trat zudem gemeinsam mit Akteuren aus dem Umfeld der „weserems.aktion“ bei Aufmärschen auf. Die vermeintlich spontane Jugendgruppe war damit nicht von der bestehenden Szene getrennt, sondern in ein regionales Geflecht aus Parteiaktivismus, Kameradschaftsmilieu und subkulturellen Angeboten eingebunden.

Der Fachjournalist Andreas Speit wertete in der taz auch den Telegram-Auftritt der Gruppe aus. Der Kanal erreichte zeitweise mehr als 150 Abonnent:innen und verbreitete regelmäßig Inhalte der Jungen Nationalisten. Wiederkehrende Themen waren Angriffe auf Christopher-Street-Day-Veranstaltungen und auf die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen. Der digitale Auftritt verband jugendkulturelle Inszenierung mit offenem Neonazismus: kurze Videos, martialische Posen und Provokationen sollten Aufmerksamkeit erzeugen, Zugehörigkeit anbieten und politische Gegner:innen einschüchtern. Röpke und Frerichs berichteten außerdem über ein Umfeld von rund 30 sehr jungen, stark durch TikTok geprägten Neonazis an Schulen in Leeste und Kirchweyhe. Dokumentiert wurden nationalsozialistische Schmierereien, Böllerwürfe und die Einschüchterung von Mitschüler:innen. Nicht jede Person, die einem Kanal folgt oder ein einschlägiges Video teilt, ist deshalb bereits Mitglied. Sichtbar wird jedoch ein regionales Rekrutierungsfeld, in dem ältere Kader, digitale Vorbilder und lokale Cliquen ineinandergreifen.

Einschüchterung wird zum Social-Media-Format

Die Aktionen der „weserems.aktion“ richteten sich vor allem gegen linke und antifaschistische Orte, Parteien, queere Menschen und die demokratische Zivilgesellschaft. Dabei ging es nicht allein um Sachbeschädigungen. Die Aktionen wurden gefilmt, fotografiert und anschließend als vermeintliche Erfolge verbreitet. Der politische Angriff wurde dadurch zugleich zum digitalen Rekrutierungsmaterial.

Eine ausführliche Dokumentation von Antifa Bremen zeigt Aufkleberaktionen, nationalsozialistische Schmierereien, eingeschlagene Fensterscheiben, Provokationen vor linken Einrichtungen und die Teilnahme regionaler Neonazis an Aufmärschen in Braunschweig, Magdeburg, Dresden, Gelsenkirchen und Herford. Besonders öffentlichkeitswirksam war der Diebstahl von Bannern am Sielwallhaus. Anschließend posierten Beteiligte mit der Beute vor der Geschäftsstelle der Grünen und zeigten ein rassistisches Handzeichen. Die Fachrecherche von Röpke und Frerichs dokumentierte darüber hinaus Angriffe auf das Weser-Aller-Bündnis WABE. Rechtsextreme warfen Propagandamaterial ein, filmten die Aktion und veröffentlichten sie. Gegen die zivilgesellschaftliche Fachstelle hatte es zuvor bereits Sachbeschädigungen gegeben. Der Zweck solcher Aktionen liegt nicht nur in ihrer unmittelbaren Wirkung. Beratungsstellen, Jugendzentren, Parteien und queere Initiativen sollen gezwungen werden, Zeit und Geld in Schutzmaßnahmen zu investieren und ihre öffentliche Arbeit unter einem permanenten Bedrohungsgefühl fortzuführen.

Auch die queerfeindliche Mobilisierung besitzt eine strategische Funktion. CSD-Veranstaltungen bieten jungen Neonazis bundesweit sichtbare Feindbilder, an denen sie Gemeinschaft, Männlichkeit und Gewaltbereitschaft inszenieren können. Die lokale Gruppe war deshalb Teil einer überregionalen Entwicklung: Junge Aktionsgruppen reisen zu queerfeindlichen Aufmärschen, produzieren dort Bilder für soziale Netzwerke und bringen die entstandenen Kontakte anschließend in ihre Heimatregionen zurück.

Am AfD-Stand endet die behauptete Distanz

Besonders brisant sind die dokumentierten Berührungspunkte zur Bremer AfD. Die Recherche von Antifa Bremen enthält Bildmaterial, auf dem Akteur:innen aus dem Umfeld der „weserems.aktion“ gemeinsam als Unterstützer:innen der AfD auftreten. Zwei von ihnen waren demnach am 15. März 2025 an einem AfD-Infostand in Gröpelingen beteiligt.

AfD Watch Bremen machte im September 2025 eigene weitergehende Rechercheergebnisse öffentlich. Danach traten Teile der Gruppierung wiederholt an Bremer AfD-Infoständen auf, unterstützten die Partei und gingen militant gegen Protestierende vor. Nach Erkenntnissen der Redaktion waren dabei auch Mitglieder des Bremer AfD-Landesvorstands und der Bundestagsabgeordnete Sergej Minich anwesend. Diese Recherche ist für die Einordnung zentral, weil sie die Szene nicht nur auf Neonaziaufmärschen zeigt, sondern an einem niedrigschwelligen Ort regulärer Parteiarbeit. Die Infostände selbst sind kein beiläufiges Wahlkampfformat. Wie die aktuelle Analyse von AfD Watch Bremen zur extrem rechten Dauerpräsenz zeigt, nutzt die Partei wiederkehrende Stände in Walle, Gröpelingen, Hemelingen, Bremen-Nord, der Innenstadt und Bremerhaven zur politischen Normalisierung, Kontaktpflege, Rekrutierung und Herstellung digitaler Reichweite. Gerade diese offene Struktur macht sie zu möglichen Kontaktzonen zwischen Funktionär:innen, Parteimitgliedern, Sympathisant:innen und Personen aus dem militanten Vorfeld.

Aus den Bildern allein folgt keine formal vereinbarte Zusammenarbeit zwischen der AfD und der „weserems.aktion“. Dokumentiert ist jedoch, dass bekannte Akteure aus dem Neonaziumfeld nicht nur zufällig in der Nähe eines Standes standen, sondern dort unterstützend auftraten. Die von der Partei behauptete Distanz zur militanten Neonaziszene verliert dadurch erheblich an Glaubwürdigkeit.

Die „Friese“ brannte – den Durchbruch brachte die antifaschistische Zivilgesellschaft

Wie wichtig unabhängige zivilgesellschaftliche Recherche für die Aufklärung rechter Gewalt ist, zeigt der Brandanschlag auf das Bremer Jugendzentrum „Friese“. In der Nacht zum 16. Februar 2020 wurde oberhalb eines laufenden Konzerts Feuer gelegt. Mehr als 30 Menschen befanden sich im Gebäude. Mehrere Personen erlitten Rauchvergiftungen, der Sachschaden lag bei rund 200.000 Euro. Dass niemand getötet wurde, war vor allem der rechtzeitigen Entdeckung des Brandes zu verdanken.

Die entscheidenden Hinweise kamen nicht aus der ursprünglichen Polizeiarbeit. Wie Jean-Philipp Baeck und Lotta Kampmann in der taz rekonstruierten, übermittelte eine antifaschistische Recherchegruppe der Polizei im Oktober 2020 ein umfangreiches Dossier mit möglichen Tätern, Verbindungen und Indizien. Diese Hinweise brachten die Ermittlungen entscheidend voran. Im späteren Prozess wurden zugleich erhebliche Verzögerungen und eine unzureichende Berücksichtigung des politischen Tatkontextes sichtbar. Im Mai 2025 verurteilte das Bremer Landgericht den Haupttäter wegen schwerer Brandstiftung und gefährlicher Körperverletzung zu vier Jahren und neun Monaten Haft. Zwei weitere Angeklagte erhielten wegen unterlassener Hilfeleistung Bewährungsstrafen. Buten un binnen dokumentierte bei der Urteilsverkündung, dass das Gericht Hass auf politisch Andersdenkende als Tatmotiv feststellte.

Die Opferberatungsstelle soliport und der Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt bewerteten die Tat als rechtsterroristischen Anschlag und kritisierten die schleppenden Ermittlungen. Röpke und Frerichs berichteten später über enge Kontakte aus dem Umfeld der „weserems.aktion“ zu Personen aus dem Kreis der wegen des Anschlags Verurteilten. Dadurch wird die „Friese“ nicht zu einer Tat der später gegründeten Gruppe. Sichtbar wird aber, dass die jüngeren Aktionszusammenhänge in ein Milieu hineinreichen, in dem der Übergang von Einschüchterung zu lebensgefährlicher Gewalt bereits vollzogen wurde.

Vom Gruppenchat bis zur Anschlagsanleitung

Neben den sichtbaren Aktionsgruppen existiert eine zweite, schwerer erkennbare Form der Radikalisierung. In internationalen Chatnetzwerken werden nationalsozialistische Ideologie, extreme Gewaltdarstellungen, Frauenfeindlichkeit, Rassismus und die Verehrung rechtsterroristischer Attentäter miteinander vermischt. Für Jugendliche kann der Weg von einem provozierenden Meme zu detaillierten Anschlagsfantasien sehr kurz werden.

Ein im Bremer Verfassungsschutzbericht 2025 dokumentierter Fall zeigt die mögliche Eskalation. Auf dem Mobiltelefon eines jungen Bremer Rechtsextremen wurde der „Terror Guide“ des internationalen Netzwerks „No Lives Matter“ gefunden. Das Pamphlet enthält unter anderem Anleitungen für Brand- und Sprengvorrichtungen sowie für schwere Gewalttaten. Ein auswärtiger Kontakt versuchte den Bremer nach Angaben des Berichts dazu zu bringen, im Land Bremen einen rechtsterroristischen Anschlag zu begehen. Der Vorgang zeigt, in welchem digitalen Umfeld sich auch lokale Radikalisierungen bewegen können. Die Chatgruppen aus dem Ermittlungsverfahren von 2026 enthielten ebenfalls rechtsextreme, sexualisierte gewaltförmige und allgemein gewaltverherrlichende Dateien. Ideologie, sexualisierte Erniedrigung und Gewaltkonsum bilden dabei keine getrennten Bereiche. Sie können sich zu einem Weltbild verdichten, in dem Gewalt als Ausweg oder politischer Auftrag präsentiert wird.

Kampfsport, Rocker, Rechtsrock – das Rückgrat hinter den Namen

Jugendliche Aktionsgruppen entstehen nicht im luftleeren Raum. Kampfsport, Rechtsrock, Hooliganmilieu und rockerähnliche Bruderschaften stellen Räume bereit, in denen Gewaltbereitschaft aufgewertet, politische Kontakte geknüpft und Zugehörigkeit hergestellt werden kann. Nicht jede Person, die ein Kampfsportstudio oder ein Rockkonzert besucht, gehört deshalb zur extremen Rechten. Entscheidend sind konkret dokumentierte Veranstaltungen, Akteure und Organisationszusammenhänge. Röpke und Frerichs ordnen führende Akteure aus dem Umfeld der „weserems.aktion“ auch den Netzwerken „C 60“ und „Division 1161“ zu. Diese bewegen sich im Überschneidungsbereich von Neonazismus, Kampfsport, Hooligan- und Rockerszene. Dokumentiert wurden Kontakte zum Organisator der Neonazi-Kampfsportveranstaltung „Kampf der Nibelungen“ sowie die Teilnahme an einem Boxkampf auf dem Gelände eines Hells-Angels-Clubs im niedersächsischen Dünsen. Dort trafen Neonazis, Hooligans, Rocker und Kampfsportler aus dem Bremer Raum aufeinander.

Antifa Bremen dokumentierte außerdem die Teilnahme einzelner Akteure aus dem Umfeld der „weserems.aktion“ an einem Rechtsrockkonzert im „Pusdorfer Leuchtturm“ in Bremen-Woltmershausen. Röpke und Frerichs verweisen auf eine weitere dort veranstaltete Zusammenkunft mit dem Dortmunder Neonazi Robin Schmiemann. Solche Orte erfüllen eine Funktion, die über den einzelnen Musikabend oder Vortrag hinausgeht: Sie bringen regional und überregional aktive Personen zusammen, ermöglichen persönliche Vertrauensbildung und verbinden politische, subkulturelle und kommerzielle Szenen. Eine langfristige Bremer Verbindung zwischen Rechtsrock, Hooliganismus und internationalen Neonazistrukturen dokumentiert die Rechercheplattform Exif. In ihrer Untersuchung zur Wiederbelebung von „Combat 18“ ordnet sie die Bremer Hooliganband „Kategorie C“ dem erweiterten Netzwerk dieser militanten Struktur zu. Mitglieder von „Combat 18“ besuchten demnach regelmäßig Konzerte der Band; „Kategorie C“ trat gemeinsam mit der Neonaziband „Oidoxie“ bei Veranstaltungen auf, an denen sich auch internationale C18-Akteur:innen beteiligten. Die Band erreicht mit Fußball-, Freundschafts- und Gewaltmotiven zugleich ein Publikum, das sich selbst teilweise als unpolitisch versteht.

Die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus beschrieb bereits in ihrem Bremer Jahresrückblick für Belltower.News die Bruderschaft „Nordic 12“, den „Nordic Fightclub Bremen“ und Verbindungen zum neonazistischen Kampfsport. „Nordic 12“ war aus der „Brigade 8 – Bremen Crew“ hervorgegangen und orientierte sich in Auftreten und Hierarchie an Rockerclubs. Bremer Neonazis nahmen unter dem Namen „Nordic Fightclub“ an extrem rechten Kampfsportturnieren teil. Die Gruppennamen wechselten; die Verbindung von körperlicher Ausbildung, Männlichkeitskult, Rechtsrock und politischer Vernetzung bleibt bestehen.

Phalanx 18: AfD Watch machte die Verbindung öffentlich

Das Muster einer jungen, aggressiv auftretenden Neonazigruppe mit Verbindungen in den AfD-Wahlkampf war bereits 2019 sichtbar. Damals trat in Bremen „Phalanx 18“ auf. Die Gruppe suchte im Viertel und an der Schlachte gezielt Auseinandersetzungen, bedrohte politische Gegner:innen und griff vermeintlich linke Fußballfans an. Zugleich plante sie für den Jahrestag der Novemberpogrome einen neonazistischen „Liederabend“.

AfD Watch Bremen recherchierte die Aktivitäten der Gruppe und konnte nachweisen, dass ihre Akteur:innen zuvor am Europawahlkampf der Bremer AfD beteiligt gewesen waren. Die Redaktion entdeckte Bilder, auf denen der damalige AfD-Schatzmeister und stellvertretende Landesvorsitzende der Jungen Alternative, Mertcan Karakaya, gemeinsam mit späteren „Phalanx 18“-Akteur:innen vor AfD-Wahlplakaten posierte. Die beteiligten Männer bezeichneten ihre Tätigkeit selbst als „Begleitschutz“ für die AfD-Plakatierer. Die Recherche löste eine breitere Berichterstattung und parlamentarische Nachfragen aus. Jean-Philipp Baeck griff den Fund für die taz auf. Der damalige AfD-Landesvorsitzende Peter Beck erklärte den Kontakt zu einer einmaligen Begegnung. Karakaya habe einen der Männer gekannt, ihre angebotene Hilfe angenommen und das gemeinsame Plakatieren später wegen einer aggressiven Stimmung abgebrochen.

Nach weiteren Angriffen wurde „Phalanx 18“ im November 2019 verboten. Andreas Speit und David Siegmund-Schultze dokumentierten in der taz die Durchsuchungen, die Gewaltinszenierung der Gruppe und ihre Verbindungen in die Rechtsrock-, Hooligan- und Kampfsportszene. Das Verbot beendete ihren offenen Auftritt unter diesem Namen. Es beseitigte jedoch nicht das Milieu, aus dem die Gruppe entstanden war. Die Bedeutung des Falls liegt deshalb nicht in der Behauptung einer dauerhaft organisierten Kooperation zwischen AfD und „Phalanx 18“. Entscheidend ist die nachgewiesene Durchlässigkeit: Personen aus einer später militant auftretenden Neonazigruppe konnten sich am Wahlkampf beteiligen und gemeinsam mit einem AfD-Landesvorstandsmitglied präsentieren. Dass Jahre später erneut Akteure einer Neonazigruppe an AfD-Ständen auftauchten, macht aus dem Fall von 2019 mehr als eine historische Randnotiz.

Das lange Gedächtnis der Bremer Szene

Die ältesten bis heute nachwirkenden Strukturen reichen weit in die Rechtsrock- und Skinheadszene der 1990er-Jahre zurück. Eine besonders umfassende zivilgesellschaftliche Rekonstruktion legte Exif mit der Recherche „Das geheime Netzwerk der Hammerskins“ vor. Danach wurde das Bremer Chapter 1993 gegründet und gehörte zu den ältesten deutschen Ablegern des internationalen Neonazinetzwerks. Sein Schwerpunkt lag im Rechtsrock. Bands wie „Endstufe“, „Endlöser“ und „Hetzjagd“, Musiklabels, Vertriebe und internationale Konzerte verbanden Bremen mit Hammerskin-Strukturen in Deutschland, den Niederlanden, Spanien, Italien und weiteren Ländern. Das Chapter half beim Aufbau anderer regionaler Ableger und entwickelte Unterstützungsstrukturen wie die „Crew 38“. Musik war dabei nicht nur Propaganda, sondern zugleich Finanzierungsquelle, Kontaktbörse und Instrument dauerhafter Szenebindung.

Exif dokumentiert außerdem die Beteiligung Bremer Hammerskins an lokalen „Anti-Antifa“-Aktivitäten. Dabei wurden Informationen über politische Gegner:innen gesammelt, fotografiert und innerhalb der Szene weitergegeben. Nach den Recherchen wurden solche Informationen auch für Angriffe und Übergriffe genutzt. Hier zeigt sich eine langfristige Arbeitsteilung: Einige Akteure organisieren Konzerte oder Vertriebe, andere betreiben Kampfsport, sammeln Daten oder treten auf der Straße gewaltsam auf. Das Bremer Hammerskin-Chapter erklärte Ende Dezember 2025 seine Auflösung. Zuvor hatte das Bundesverwaltungsgericht das bundesweite Verbot der „Hammerskins Deutschland“ aufgehoben. Das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts beruhte darauf, dass das Gericht keine den regionalen Chaptern übergeordnete bundesweite Vereinigung als Verbotsobjekt feststellen konnte. Über die neonazistische Ideologie oder die konkreten Aktivitäten der einzelnen Chapter entschied das Gericht damit nicht. Eine Auflösungserklärung beendet zudem nicht automatisch die persönlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen, die über Jahrzehnte entstanden sind.

Kleine Gruppen, großes Gewaltpotenzial

Die öffentlich sichtbaren Gruppen in Bremen bestehen häufig nur aus wenigen Personen. Das macht sie nicht ungefährlich. Die Stärke des Milieus liegt gerade in seiner Fähigkeit, unterschiedliche Organisationsformen zu verbinden: kurzfristige Jugendgruppen, private Chatnetzwerke, langjährige Neonazikader, Rechtsrock, Kampfsport, rockerähnliche Bruderschaften und politische Kontaktflächen. Die behördlichen Zahlen markieren die Größenordnung, erklären aber nicht das Netzwerk. Für 2025 wurden im Land Bremen etwa 240 Personen der rechtsextremen Szene zugerechnet. Rund 120 von ihnen galten als gewaltorientiert. Etwa 180 Personen wurden keinem festen organisatorischen Zusammenhang zugerechnet. Gerade diese große unstrukturierte Gruppe verdeutlicht, warum ein Blick allein auf Parteien und verbotene Vereine zu kurz greift.

Auch die registrierte rechte Kriminalität nahm deutlich zu. Nach den vom Bremer Senat veröffentlichten Zahlen stieg die politisch motivierte Kriminalität rechts im Jahr 2024 um 26,8 Prozent. Die Zahl der Gewaltdelikte erhöhte sich von acht im Jahr 2023 auf 18 im Jahr 2024. Gleichzeitig wuchs das erfasste rechtsextreme Personenpotenzial zunächst von 210 auf 220 und im folgenden Jahr auf etwa 240 Personen. Diese Zahlen bilden nur den bekannt gewordenen Teil der Entwicklung ab. Die tiefergehenden Recherchen zeigen das entscheidende Muster: Neue Gruppen entstehen nicht trotz der Schwäche älterer Organisationen, sondern häufig gerade durch ihre flexibles Vermächtnis. Erfahrene Kader liefern Ideologie, Kontakte und Veranstaltungsorte. Soziale Netzwerke beschleunigen die Rekrutierung. Kampfsport und Rechtsrock schaffen Gemeinschaft. Angriffe auf queere, linke und demokratische Orte erzeugen Aufmerksamkeit und Einschüchterung. AfD-Infostände können schließlich eine Kontaktfläche zur parteiförmig organisierten extremen Rechten eröffnen. Die Bremer Neonaziszene ist deshalb weder eine geschlossene Organisation noch eine bloße Ansammlung isolierter Einzeltäter. Sie funktioniert als bewegliches Milieu. Seine Gruppen können schnell verschwinden, während Personen, Feindbilder und Beziehungen erhalten bleiben. Wer erst hinsieht, wenn ein Verein verboten, eine Waffe gefunden oder ein Anschlag verübt wurde, schaut zu spät hin.

Die wirksamsten frühen Erkenntnisse kamen in Bremen wiederholt aus fachjournalistischer und antifaschistischer Recherche: beim Brandanschlag auf die „Friese“, bei „Phalanx 18“, bei der „weserems.aktion“ und bei den Verbindungen zu AfD-Ständen. Diese Arbeit macht sichtbar, was Organisationsnamen und Jahresstatistiken allein nicht zeigen – die Übergänge zwischen digitaler Radikalisierung, Straßenmilitanz, subkultureller Infrastruktur und parteipolitischer Normalisierung.

Redaktion
AfD Watch Bremen