Bremer AfD-Landesvorsitzender Sergej Minich (rechts) beim Bundesparteitag der AfD in Riesa am 11.01.2025. Bild: Recherche Nord

Sergej Minich – Wie sich der AfD-Landeschef zum Machtzentrum der Bremer Partei entwickelt

Noch vor wenigen Jahren war die AfD Bremen vor allem mit sich selbst beschäftigt. Bei der Bürgerschaftswahl 2023 scheiterte der Landesverband nach einem erbitterten innerparteilichen Machtkampf sogar daran, überhaupt eine gültige Kandidatenliste aufzustellen. Drei Jahre später präsentiert sich die Partei organisatorisch konsolidiert. Im Zentrum dieses Umbaus steht Sergej Minich.

Minich ist inzwischen Landesvorsitzender, Bundestagsabgeordneter und Spitzenkandidat für die Bürgerschaftswahl 2027. Diese Entwicklung ist nicht nur eine persönliche Karriere. Sie erzählt auch etwas darüber, wie sich die Bremer AfD verändert hat: weg vom offen ausgetragenen internen Chaos, hin zu einer stärker zentralisierten Partei, deren Landes- und Bundespolitik zunehmend in einer Person zusammenlaufen.

Vom Landesvorsitzenden zum Bundestagsabgeordneten

Sergej Minich, Jahrgang 1987, ist seit 2018 Mitglied der AfD. Nach Angaben des Deutschen Bundestages arbeitete der gelernte Industriemechaniker und Maschinenbauingenieur unter anderem als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Vertriebsingenieur und Projektmanager. Am 15. Oktober 2022 übernahm er den Landesvorsitz der AfD Bremen. Der Zeitpunkt ist bemerkenswert. Minich übernahm den Landesverband unmittelbar vor einer seiner schwersten Krisen. Bei der Bürgerschaftswahl 2023 konnte die AfD in Bremen nicht antreten, weil zwei miteinander verfeindete Parteigruppen konkurrierende Wahlvorschläge eingereicht hatten. Keine der beiden Listen wurde zugelassen. Minich erklärte später gegenüber Radio Bremen, der Streit sei inzwischen beigelegt und der Landesverband „befriedet“.

Bei der Bundestagswahl 2025 gelang ihm dann der Sprung nach Berlin. Minich zog über die Bremer Landesliste in den 21. Deutschen Bundestag ein. Dort ist er ordentliches Mitglied des Haushaltsausschusses und stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Forschung, Technologie, Raumfahrt und Technikfolgenabschätzung. Damit verfügte der Bremer AfD-Landesvorsitzende erstmals über eine bundespolitische Bühne.

Und er nutzt sie.

Migration als Erklärung für gesellschaftliche Probleme

Bereits Minichs Wahlkampfkommunikation zeigt ein wiederkehrendes politisches Muster. Eine Analyse von Radio Bremen zum Bundestagswahlkampf 2025 stellte fest, dass auf den von Minich bespielten TikTok-Kanälen insbesondere Kriminalität in Bremen im Mittelpunkt stand.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Stephanie Geise von der Universität Bremen analysierte für Radio Bremen Minichs Kommunikation. Seine wiederkehrenden Formulierungen erzeugten demnach ein ausgeprägtes „Wir“-Gefühl, während gleichzeitig eine Außengruppe konstruiert werde. Geise bezeichnete einen untersuchten Beitrag als Beispiel geradezu „aus dem Handbuch des Populismus“. Bemerkenswert war zudem die Reichweite: Unter den untersuchten Bremer Spitzenkandidat erzielten Minichs TikTok-Beiträge mit Abstand die stärksten Interaktionswerte. Dass Migration für Minich nicht nur ein Wahlkampfthema ist, zeigt sich anschließend im Bundestag. In einer Rede vom 8. Juli 2025 verband er etwa Wohnungsnot und steigende Mieten unmittelbar mit Migration. Sinngemäß argumentierte er, wenn Deutschland fortwährend eine Großstadt an zusätzlichen Menschen aufnehme, müsse man sich über Wohnungsmangel und steigende Mieten nicht wundern.

Das ist politisch relevant, weil hier ein komplexes strukturelles Problem auf einen dominanten Erklärungsfaktor reduziert wird. Wohnungsnot entsteht unter anderem aus jahrelang unzureichendem Neubau, Bodenpreisen, regionalen Wanderungsbewegungen, Baukosten, Zinsentwicklung und sozialpolitischen Entscheidungen. Migration kann zusätzliche Nachfrage erzeugen. Sie zum zentralen politischen Erklärungsmuster zu machen, entspricht jedoch genau jener populistischen Komplexitätsreduktion, die auch in Minichs Social-Media-Kommunikation erkennbar ist.

Der Angriff auf demokratische Zivilgesellschaft

Besonders deutlich wird Minichs politisches Profil dort, wo es um Demokratieförderung und zivilgesellschaftliche Arbeit gegen Rechtsextremismus geht. Im Deutschen Bundestag griff er 2025 das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ frontal an. Aus „Demokratie leben“ machte Minich rhetorisch „Demokratie lenken“. Projekte gegen Rechtsextremismus stellte er dabei als politisch unausgewogene und unzureichend kontrollierte Verwendung öffentlicher Gelder dar. Dabei attackierte Minich ausdrücklich auch das Bremer Monitoringprojekt Keine Randnotiz. Im Bundestag reduzierte er dessen Arbeit polemisch auf das Zählen rechter Aufkleber und bezeichnete die dort Beschäftigten als „staatlich alimentierte Versager“. Das ist mehr als eine harte Auseinandersetzung über Förderpolitik.

Denn Minich kritisiert nicht lediglich eine konkrete Haushaltsposition oder einzelne Ausgaben. Seine Argumentation delegitimiert die institutionalisierte Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus selbst: Aus Demokratieförderung wird vermeintliche politische Einflussnahme, aus Monitoring vermeintlich sinnlose Beschäftigung, aus Facharbeit gegen menschenfeindliche Ideologien ein angeblicher staatlicher Kampf gegen die AfD. Damit verschiebt sich der Konflikt. Nicht mehr rechtsextreme Strukturen und menschenfeindliche Vorfälle stehen im Mittelpunkt, sondern diejenigen, die sie dokumentieren.

Gerade für eine Partei, die selbst Gegenstand solcher Beobachtung und Kritik ist, erfüllt diese Strategie eine erkennbare politische Funktion: Die Beobachtenden werden zum Problem erklärt.

Queere Bildungsarbeit als politisches Angriffsfeld

Auch queerpolitische Themen finden sich inzwischen in Minichs parlamentarischer Arbeit. In einer schriftlichen Frage an die Bundesregierung vom Februar 2026 thematisierte er einen vom Bremer Zentrum für queeres Leben angebotenen Medienkoffer für Kindertagesstätten. Minich fragte unter anderem nach dem „konkreten Erkenntnisgewinn“ für drei- bis vierjährige Kinder durch Materialien zu Geschlechterrollen, geschlechtlicher Vielfalt, Intergeschlechtlichkeit und queersensibler Pädagogik. Die Bundesregierung stellte in ihrer Antwort zunächst klar, dass der angesprochene Medienkoffer entgegen der in der Frage hergestellten Verbindung nicht aus Bundesmitteln finanziert werde. Auch dieser Vorgang ist politisch aufschlussreich.

Denn Minich überträgt damit einen zentralen Konflikt der bundesweiten rechten Kulturkampfkommunikation auf Bremen: Pädagogische Angebote zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt werden nicht primär als Frage professioneller Bildungsarbeit behandelt, sondern zum Gegenstand parlamentarischer Intervention gemacht. Migration, Kriminalität, Demokratieförderung und queere Bildungsarbeit erscheinen zunächst als sehr unterschiedliche Themen. In Minichs Politik verbindet sie jedoch ein gemeinsames Muster: Gesellschaftliche Konflikte werden entlang klarer politischer Gegensätze organisiert – zwischen einem behaupteten gesellschaftlichen „Wir“ und denjenigen Institutionen, Gruppen oder politischen Konzepten, die als problematisch markiert werden.

2026: Die Partei sammelt sich hinter Minich

Parallel zu dieser politischen Profilierung wächst Minichs organisatorische Macht innerhalb der Bremer AfD. Im Juli 2026 erklärte der Landesvorstand, Minich als Spitzenkandidaten für die Bürgerschaftswahl 2027 zu wollen. Am 15. August 2026 folgte die Entscheidung der Mitgliederversammlung. Minich erhielt bei der Aufstellungsversammlung für den Wahlbereich Bremen 89,4 Prozent der Stimmen. Eine Gegenkandidatin trat an; dennoch war das Ergebnis eindeutig. Minich kündigte erneut an, bei einem Einzug in die Bremische Bürgerschaft sein Bundestagsmandat niederzulegen Damit befindet sich die Bremer AfD vor der Wahl 2027 in einer bemerkenswerten Konstellation: Der Mann, der den Landesverband führt, vertritt ihn zugleich im Bundestag und soll ihn zurück in die Bremische Bürgerschaft führen.

Politikwissenschaftlich lässt sich das zunächst nüchtern als personelle Machtkonzentration beschreiben. Parteiführung, öffentliche Repräsentation, parlamentarische Ressourcen und Spitzenkandidatur laufen bei Minich zusammen. Das bedeutet nicht automatisch, dass innerparteiliche demokratische Verfahren aufgehoben wären. Die Kandidatur wurde schließlich durch eine Mitgliederversammlung bestätigt. Entscheidend ist etwas anderes: Die politische Zukunft des Landesverbandes ist inzwischen in außergewöhnlichem Maße mit einer einzelnen Person verbunden.

Vom Krisenmanager zum Gesicht der Bremer AfD

Sergej Minich ist deshalb für die Analyse der AfD Bremen wichtiger als eine bloße Aufzählung seiner Ämter vermuten lässt. Unter seinem Vorsitz hat sich ein Landesverband, der 2023 nicht einmal in der Lage war, einen gültigen Wahlvorschlag einzureichen, organisatorisch stabilisiert. Minich zog in den Bundestag ein, verschaffte der Bremer AfD bundespolitische Sichtbarkeit und führt sie nun in die Bürgerschaftswahl 2027. Gleichzeitig lässt sich inzwischen anhand seiner eigenen parlamentarischen Reden, Anfragen und seiner Wahlkampfkommunikation deutlich genauer bestimmen, wofür Sergej Minich politisch steht. Für eine Migrationspolitik, in der Zuwanderung regelmäßig zur Erklärung gesellschaftlicher Probleme herangezogen wird. Für eine Kommunikationsstrategie, die ein gesellschaftliches „Wir“ konstruiert und Konflikte über Abgrenzung organisiert.

Für Angriffe auf öffentlich finanzierte Strukturen der Demokratieförderung und auf diejenigen, die Rechtsextremismus dokumentieren. Und für die Übertragung des rechten Kulturkampfes gegen geschlechtliche und sexuelle Vielfalt auf konkrete Bremer Bildungsangebote. Das macht Minich zu einer Schlüsselfigur für die kommenden Monate. Denn bei der Bürgerschaftswahl 2027 geht es für ihn um mehr als ein zusätzliches Mandat. Die Wahl entscheidet darüber, ob der Mann, der die Bremer AfD nach ihrer schwersten organisatorischen Krise konsolidiert hat, seine bundespolitisch erprobte Agenda künftig unmittelbar in die Bremische Bürgerschaft tragen kann.

Wer die Entwicklung der AfD Bremen verstehen will, muss deshalb Sergej Minich beobachten. Nicht wegen seiner Person allein – sondern wegen der Politik, die sich inzwischen in dieser Person konzentriert.

Redaktion
AfD Watch Bremen