Wahlanalyse · Land Bremen
Bundestagswahl 2025: Die AfD baut ihre Macht in Bremen aus
15,1 Prozent im Land Bremen, 23,5 Prozent in Bremerhaven und ein Bundestagsmandat für Sergej Minich: Die Wahl vom 23. Februar 2025 stärkte eine Partei, deren Politik auf Ausgrenzung zielt.
Die AfD vergrößerte ihren Zweitstimmenanteil gegenüber 2021 um 8,2 Prozentpunkte. Hinter dem Landesergebnis stehen erhebliche Unterschiede zwischen beiden Städten und einzelnen Quartieren. Diese Analyse verbindet die Wahlergebnisse mit der politischen Programmatik und der Frage, wie aus Zustimmung parlamentarischer Einfluss wird. [1] [2]
Mehr Stimmen, mehr parlamentarischer Einfluss
Mehr als doppelt so hohe Stimmenanteile
52.496 gültige Zweitstimmen entfielen im Land Bremen auf die AfD. Mit 15,1 Prozent lag ihr Anteil um 8,2 Prozentpunkte über dem Ergebnis von 2021. Auch in beiden Städten stieg ihr Anteil auf mehr als das Doppelte. Die amtlichen Endergebnisse zeigen einen besonders starken Zuwachs in Bremerhaven. [1]
| Gebiet | AfD 2025 | Plus zu 2021 |
|---|---|---|
| Land Bremen | 15,1 % | +8,2 |
| Stadt Bremen | 13,5 % | +7,3 |
| Stadt Bremerhaven | 23,5 % | +12,9 |
In Bremerhaven wurde die AfD mit 12.832 Zweitstimmen zweitstärkste Partei. Nur die SPD lag mit 25,0 Prozent vor ihr. Zwischen den AfD-Ergebnissen der beiden Städte lagen zehn Prozentpunkte. Diese Unterschiede prägen die politischen Ausgangsbedingungen im Land Bremen. [1]
Ein Mandat für den Angriff auf kritische Öffentlichkeit
Über die Bremer Landesliste zog Sergej Minich erstmals in den Bundestag ein. Das Wahlergebnis verschaffte dem Landesvorsitzenden eine parlamentarische Bühne, Rede- und Mitwirkungsrechte und eine institutionell abgesicherte Position in der Bundespolitik. [2]
Wie er diese Bühne nutzt, zeigte seine erste Bundestagsrede am 27. Juni 2025: Minich griff das Bremer Dokumentationsprojekt „Keine Randnotiz“ an und beschimpfte die dort Dokumentierenden als „staatlich alimentierte Versager“. Er machte die Erfassung rechter Vorfälle selbst zum Angriffsziel. Darin liegt eine konkrete Folge des Wahlerfolgs: Ein Bremer AfD-Abgeordneter nutzt das Parlament, um die Arbeit gegen rechte Ausgrenzung öffentlich herabzusetzen. [3]
Lokale Hochburgen und ungleiche politische Teilhabe
Fast jede zweite Zweitstimme in Burgdamm 02
Die Stadtteilanalyse von Radio Bremen zeigt die räumliche Konzentration: In Bremen-Blumenthal sowie in den Bremerhavener Stadtteilen Lehe, Leherheide und Weddewarden wurde die AfD bei den Zweitstimmen stärkste Kraft. Auf der kleineren Ebene einzelner Bremer Urnenwahlbezirke fielen ihre Anteile zum Teil noch höher aus. [4]
| Urnenwahlbezirk | AfD-Anteil |
|---|---|
| Burgdamm 02 | 47,2 % |
| Lüssum-Bockhorn 04 | 39,4 % |
| Tenever 04 | 37,9 % |
| Neue Vahr Südwest 02 | 37,8 % |
In Burgdamm 02 erhielt die AfD 187 von 396 gültigen Zweitstimmen. Die Tabelle beschreibt jeweils einen einzelnen Urnenwahlbezirk. Briefwahlstimmen werden gesondert ausgezählt; Ortsteil- und Stadtteilergebnisse fassen größere Gebiete zusammen. Der Bezugsraum ist entscheidend: Die 47,2 Prozent beziehen sich auf die gültigen Zweitstimmen dieses Stimmbezirks, nicht auf sämtliche Einwohner:innen Burgdamms. [5]
Soziale Spaltung schwächt politische Mitsprache
Bei der Wahlbeteiligung lagen Bremer Quartiere weit auseinander. In Borgfeld gingen mehr als 90 Prozent der Wahlberechtigten zur Wahl, in Gröpelingen weniger als zwei Drittel. Der Politikwissenschaftler Matthias Güldner von der Universität Bremen erklärte gegenüber Radio Bremen, wie Einkommen, Bildung, politische Interessen und soziale Einbindung die Beteiligung beeinflussen. Geringere Beteiligung schwächt zugleich die Möglichkeit, eigene Interessen politisch durchzusetzen. [6]
Das macht soziale Infrastruktur zu einer demokratischen Frage: Wer im Quartier Orte der Begegnung, Beratung, Bildung und Mitbestimmung sichert, stärkt die Voraussetzungen politischer Teilhabe. AfD-Anteile und Wahlbeteiligung müssen dabei getrennt ausgewertet werden. Die Ergebnisse eines Wohngebiets erlauben keine Zuschreibung von Einstellungen an einzelne Bewohner:innen. Die vertiefenden Analysen zu Bremen und Bremerhaven ordnen die räumlichen Unterschiede ein.
Wahlerfolg für eine Politik der Ausgrenzung
Die Zustimmung hat einen politischen Inhalt
Wolfgang Schroeder und Bernhard Weßels zeigten in ihrer 2023 veröffentlichten Studie „Radikalisiert und etabliert“, dass die AfD von inhaltlicher Zustimmung getragen wird. In den ausgewerteten Daten zur Bundestagswahl 2021 fühlten sich 90 Prozent ihrer Wähler:innen durch die Partei gut vertreten. Überdurchschnittlich verbreitet waren die Ablehnung von Gleichstellung und Einstellungen, die die eigene kulturelle Gruppe zum Maßstab gesellschaftlicher Zugehörigkeit machen. [7]
Die Studie beschreibt frühere Wahlentscheidungen und ihre Motive. Für die Einordnung des Erfolgs von 2025 ist ihr Befund dennoch bedeutsam: Die Rede vom bloßen Protest unterschlägt die politischen Ziele, für die die AfD Zustimmung mobilisiert. Unabhängig vom individuellen Motiv vergrößert jede Stimme das parlamentarische Gewicht dieser Partei.
Gleichberechtigung steht zur Disposition
Die menschenrechtliche Kritik richtet sich gegen die Abwertung und den Ausschluss von Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder Religion. Hendrik Cremer ordnete die AfD für das Deutsche Institut für Menschenrechte bereits 2021 als rassistische und rechtsextreme Partei ein. In seiner im September 2026 veröffentlichten Stellungnahme zur Einleitung eines Parteiverbotsverfahrens sieht das Institut die Voraussetzungen für ein Verbot erfüllt. [8]
Wie konkret der Angriff auf gleiche Rechte ist, zeigt das Bundestagswahlprogramm 2025: Die Forderungen nach einem Verbot von Minaretten und Muezzinrufen sowie einem Kopftuchverbot in öffentlichen Einrichtungen wertete das Verwaltungsgericht Köln als menschenwürdewidrige Eingriffe in die Religionsfreiheit. Die Wahl machte ein Programm stärker, das Muslim:innen besondere Beschränkungen auferlegen will. [9]
Gerichtliche Entscheidungen: Verdachtsfall und Hochstufung
2025 wurden die Urteile zur Beobachtung der AfD als rechtsextremistischer Verdachtsfall rechtskräftig. Am 26. Februar 2026 untersagte das Verwaltungsgericht Köln dem Bundesamt für Verfassungsschutz dagegen vorläufig die weitergehende Einstufung als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung“ bis zum Abschluss des erstinstanzlichen Hauptsacheverfahrens. [9]
Das Gericht sah verfassungsfeindliche Bestrebungen innerhalb der Partei und einen starken Verdacht gegenüber der Gesamtpartei. Für die höhere Einstufung sah es jedoch die erforderliche Gewissheit einer das Gesamtbild prägenden verfassungsfeindlichen Grundtendenz als nicht erreicht an. Christian Rath erläutert die Entscheidung und ihre Grenzen. Die menschenrechtliche Analyse des Programms und das verwaltungsgerichtliche Verfahren sind jeweils mit ihrem eigenen Maßstab einzuordnen. [8] [9]
Bündnis Deutschland: Bei der Bundestagswahl marginal
933 Zweitstimmen gegenüber 52.496 für die AfD
Bündnis Deutschland erhielt bei der Bundestagswahl 2025 im Land Bremen 933 Zweitstimmen, entsprechend 0,3 Prozent. In Bremerhaven kam die Partei auf 0,5 Prozent. Die bundespolitische Wahlentscheidung im rechten Parteienspektrum fiel damit deutlich zugunsten der AfD aus. [1]
Die regionale Vorgeschichte verlief anders: Bürger in Wut hatten bei der Bürgerschaftswahl 2023 landesweit 9,4 Prozent erreicht und waren anschließend in Bündnis Deutschland aufgegangen. Im August 2026 wurde die Rückkehr zum Namen Bürger in Wut und zur eigenständigen Bremer Parteistruktur öffentlich. Das Dossier Bürger in Wut / Bündnis Deutschland dokumentiert den Umbau, die personellen Übergänge und die Konkurrenz zur AfD. [11]
Der Machtzuwachs reicht über den Wahltag hinaus
Vom Bundestagsmandat zum Anspruch auf die Bürgerschaft
Die AfD verbindet ihren Erfolg von 2025 mit dem nächsten parlamentarischen Ausbau. Am 15. August 2026 nominierte sie Minich bei der Listenaufstellung für den Wahlbereich Bremen zum Spitzenkandidaten für die Bürgerschaftswahl 2027. Er kündigte an, im Fall seiner Wahl in das Landesparlament sein Bundestagsmandat abzugeben. [10]
Die Bundestagswahl dokumentiert das mobilisierte Wähler:innenpotenzial; die Nominierung dokumentiert den organisatorischen Anspruch für 2027. Wie viele Mandate daraus entstehen, entscheidet die Bürgerschaftswahl. Die politische Gefahr ist bereits an Minichs parlamentarischer Arbeit erkennbar: Kritik an rechter Politik wird herabgesetzt und Demokratieförderung zum Angriffsziel gemacht. Die Übersicht zur Landespartei erschließt das Personal und die Strukturen hinter diesem Machtanspruch. [3]
Gegen Ausgrenzung braucht es dauerhafte Handlungsfähigkeit
Aus den Befunden folgt ein politischer Auftrag: demokratische Teilhabe stärken und diejenigen schützen, gegen die sich rechte Ausgrenzung richtet. Dazu gehören dauerhaft tragfähige Strukturen:
- politische Bildung, soziale Infrastruktur und Mitbestimmung in den Quartieren;
- Beratung und Unterstützung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Angriffe;
- unabhängiger Lokaljournalismus und kontinuierliche Dokumentation rechter Akteur:innen und Aktivitäten;
- Schutz kritischer Initiativen vor Einschüchterung und strategischen Klagen gegen öffentliche Beteiligung.
Die AfD gewann 2025 Stimmen, ein Bremer Bundestagsmandat und eine zusätzliche Bühne für ihre Politik. Wer diesem Einfluss entgegentreten will, muss die konkreten Angriffe auf gleiche Rechte, gesellschaftliche Vielfalt und kritische Öffentlichkeit zum Gegenstand der Auseinandersetzung machen.
Die verbundenen Dossiers
Sergej Minich im Bundestag
Das Bundestagsdossier zu Sergej Minich untersucht seine Reden, Anfragen und Angriffe auf kritische Initiativen. Es verbindet den Mandatsgewinn mit seiner konkreten parlamentarischen Arbeit.
Wahlgeografie in beiden Städten
Die Stadtanalysen zu Bremen und Bremerhaven erschließen lokale Schwerpunkte, politische Kontinuitäten und die Konkurrenz rechter Parteien.
Landespartei und Kreisverband
Die AfD-Landespartei führt zu Führungspersonal und Parteistrukturen. Das Dossier AfD Bremerhaven verfolgt Wahlerfolge, Austritte und den organisatorischen Neuaufbau in der Seestadt.
Rechte Parteien im Parlament
Die Übersicht Rechte im Parlament verbindet die parlamentarischen Ebenen. Das Dossier zu Bürger in Wut / Bündnis Deutschland erklärt die regionale Parteienkonkurrenz und personelle Übergänge.
Quellen und weiterführende Recherchen
Journalistische Recherchen und wissenschaftliche Analysen tragen die politische Einordnung. Die amtlichen Endergebnisse belegen die Wahlzahlen; das Plenarprotokoll dokumentiert Minichs Äußerungen. Spätere Entwicklungen sind mit Datum ausgewiesen.
Amtliche Endergebnisse für das Land und beide Städte
Zweitstimmen, Vergleich mit 2021 und das Ergebnis von Bündnis Deutschland. Die getrennten Stadtwerte stehen in den Ergebnissen für Bremen und Bremerhaven.
Diese fünf Abgeordneten aus Bremen sind im neuen Bundestag vertreten
Der Bericht dokumentiert Minichs erstmaligen Einzug über die AfD-Landesliste.
Minichs erste Rede: Angriff auf Demokratieförderung und „Keine Randnotiz“
Plenarrede zur Demokratieförderung mit dem Angriff auf das Bremer Dokumentationsprojekt „Keine Randnotiz“, Seite 1390. Das Personendossier erschließt weitere Reden und Anfragen.
Stadtteile analysiert: Sieben Erkenntnisse aus der Bundestagswahl
Journalistische Auswertung der räumlichen Parteistärken, darunter Blumenthal, Lehe, Leherheide und Weddewarden.
Vier Urnenwahlbezirke mit hohen AfD-Anteilen
Amtliches Ergebnis für Burgdamm 02. Weitere Urnenwahlbezirke: Lüssum-Bockhorn 04, Tenever 04 und Neue Vahr Südwest 02.
Darum schwankt die Wahlbeteiligung in den Stadtteilen
Interview mit dem Politikwissenschaftler Matthias Güldner über Ressourcen, politische Interessen und gesellschaftliche Einbindung. Güldner war zuvor Grünen-Fraktionsvorsitzender in der Bremischen Bürgerschaft.
Radikalisiert und etabliert: Die AfD vor dem Superwahljahr 2024
Studie zur Radikalisierung, parlamentarischen Etablierung und Wählerschaft. Die im Text genannten 90 Prozent beziehen sich auf 2021. Ergänzend: die Zusammenfassung des Wissenschaftszentrums Berlin.
Menschenrechtliche Einordnung der AfD
Hendrik Cremers Analyse „Nicht auf dem Boden des Grundgesetzes“ von Juni 2021. Hinzu kommt die im September 2026 veröffentlichte Stellungnahme zur Einleitung eines Parteiverbotsverfahrens für die Anhörung im Thüringer Landtag am 30. September 2026.
Verwaltungsgericht Köln zur AfD: „Starker Verdacht“ statt „Gewissheit“
Rechtspolitische Einordnung des Eilbeschlusses. Originalquellen: VG Köln, 26. Februar 2026 und Bundesverwaltungsgericht, Beschluss vom 20. Mai 2025.
Bremer AfD kürt Minich zum Spitzenkandidaten für 2027
Bericht über die parteiinterne Nominierung im Wahlbereich Bremen und Minichs angekündigten Mandatswechsel im Fall seiner Wahl.
Warum Bündnis Deutschland in Bremen wieder Bürger in Wut heißt
Die Rückkehr zur regionalen Parteimarke, das Ergebnis der Bürgerschaftswahl 2023 und Timkes Begründung für den Namenswechsel.
